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StartseiteInterview"Wirtschaft und Ethik zusammen betrachten"02.05.2020

Konjunktureinbruch in Deutschland"Wirtschaft und Ethik zusammen betrachten"

Man müsse vermeiden, dass die Bekämpfung des Coronavirus am Ende höhere Nebenwirkungen erzeugten als das Virus selbst, sagte der Ökonom Dominik Enste im Dlf. Die Billionen, die nun für den Gesundheitsschutz ausgegeben werden, stünden nicht mehr für Innovationen in der Wirtschaft zur Verfügung.

Dominik Enste im Gespräch mit Britta Fecke

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Eine Frau mit Nase-Mund-Schutzmaske geht in München an einem Geschäft vorbei, an dem ein Schild mit der Aufschrift "Nur ein Kunde" angebracht ist. (picture alliance / Peter Kneffel)
Eingeschränkter Handel, Konjunktureinbruch, Arbeitslosigkeit: Auch die Folgen des Lockdown schaffen Ängste, so Dominik Enste (picture alliance / Peter Kneffel)
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Es ist das erste Mal seit mehr als 70 Jahren, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund den ersten Mai nicht für große Kundgebungen und Proteste genutzt hat. Die Forderung nach Lohngerechtigkeit und besseren Arbeitsbedingungen wurde stattdessen per digitaler Liveshow präsentiert. Doch nicht nur die Form unterscheidet diesen ersten Mai von den vielen vorangegangenen: Dieser Tag der Arbeit fällt in eine Zeit steigender Arbeitslosigkeit. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sprach von drei Millionen Arbeitslosen, die er in diesem Jahr erwartet, und das trotz der massiven Kurzarbeit. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble gab zu bedenken, dass abgewägt werden müsse zwischen Gesundheitsschutz und den ökonomischen und sozialen Auswirkungen. Über diese Frage sprechen wir mit Professor Dominik Enste, Wirtschaftsethiker beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln.

Britta Fecke: Herr Enste, ist jetzt die Zeit des Abwägens auch zwischen Gesundheitsschutz und den Kosten, oder hätte diese Debatte schon früher angestoßen werden müssen?

Dominik Enste: Wir waren mit einer Situation konfrontiert, in der wir nicht wussten, wie das Virus sich auswirkt. Wir hatten befürchtet, dass große Infektionswellen auch in Deutschland stattfinden können, und insofern haben wir da sehr stark auf die Bremse getreten und quasi fast alles verboten, um diesen Virus einzudämmen. Aber tatsächlich, -insofern bin ich Herrn Schäuble auch sehr dankbar - hat er drauf aufmerksam gemacht, dass man Wirtschaft und Ethik, beides zusammen betrachten muss und dass es nicht unbedingt immer einen Gegensatz darstellt, und dass wir vermeiden müssen, dass die Bekämpfungsmaßnahmen gegen das Covid-19-Virus am Ende höhere Nebenwirkungen erzielen in anderen Bereichen und damit mehr Menschen in Gefahr bringen als das Virus selber. Und insofern ist es sehr wichtig, abzuwägen, wie weit man bestimmte Bereiche wieder öffnen kann. Und wir müssen wegkommen auch halt von Pauschallösungen hin zu regionalen Lösungen. Wenn wir feststellen, dass beispielsweise Infektionsherde in Bayern stattfinden, muss man nicht in Mecklenburg-Vorpommern Menschen daran hindern, beispielsweise einkaufen zu gehen oder ans Meer zu gehen.

"Virologen haben die Diskussion bestimmt"

Fecke: Haben wir vielleicht im ersten Schreck alle anderen Themen etwas aus dem Blick verloren, weil wir so sehr fokussiert waren auf den Gesundheitsschutz?

Enste: Ja, wir kennen das aus der Verhaltensökonomik, dass man dann sehr stark einen bestimmten Frame hat, also einen bestimmten Rahmen, in dem man dann alles betrachtet, und man dann ganz vieles andere außen vor lässt. Das konnte man daran feststellen, dass die Virologen die Diskussion bestimmt haben und andere Wissenschaftler quasi kein Gehör gefunden haben. Und jetzt ist tatsächlich wichtig, wieder herzuschauen: Wie schafft man, beides, Wirtschaft und Gesundheitsschutz, beides in den Blick zu nehmen? Andere Lebensrisiken, Sie hatten es angesprochen, drei Millionen Arbeitslose, die Herr Altmaier befürchtet: Auch das beschäftigt Menschen, macht Menschen unglücklich, schafft Ängste und sorgt am Ende eben auch da für gesteigerte Lebensrisiken.

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Und wenn Sie mir einen Vergleich gestatten: Wir haben ja auch – und das fordert auch die CSU nicht – kein Tempolimit allgemein auf deutschen Autobahnen von 50 oder von 60 Stundenkilometern, was viel Leben schützen würde, sondern auch da haben wir situationsangepasste Lösungen, Tempolimits bei bestimmten Gefahrensituationen. Und da müssen wir jetzt, nachdem wir ein bisschen mehr über das Virus wissen, auch hinkommen, dass wir prüfen, wo lassen sich Kontaktbeschränkungen aufrecht erhalten, wo kann man 1,50 Meter Abstand halten, und dann kann man diese Daumenregel den Menschen auch mitgeben als normale, einfache Heuristik, die im Alltag funktionieren kann. Dann muss man nicht mehr über juristische Lösungen diskutieren und für jeden Einzelfall dann eine Lösung finden und diese im Zweifel auch noch kontrollieren.

"Irgendwann wird der Widerstand stark werden"

Fecke: Es ist ja auch ein bisschen die Frage, wie lange die Akzeptanz in der Öffentlichkeit oder in der Gesellschaft noch gegeben ist für sehr rigide Maßnahmen, oder?

Enste: Das ist in der Tat eine sehr wichtige Frage und es beschäftigt mich seit 30 Jahren mit deviantem Verhalten, also von sozialen Normen abweichendem Verhalten. Und was wir jetzt in Berlin von den 1000 Menschen dort gesehen haben, die die Hygieneregeln nicht beachtet haben und sich gegen den Staat aufgelehnt haben, das ist ja nur quasi eine ganz, ganz kleine Gruppe, aber die Gefahr besteht natürlich: Wenn man der großen Masse an Menschen nicht weiter erklärt, warum bestimmte Dinge nicht erlaubt sind – also nicht das Tennisspielen, wo man leicht Abstand einhalten kann, das Golfspielen oder auch in bestimmte Geschäfte nicht reingehen darf, obwohl dort 1,50 Meter Abstand gehalten werden kann, Kinos, die möglicherweise das auch einhalten könnten –, dann wird irgendwann der Widerstand stark werden. Und den kann man auch mit der Ordnungsmacht des Staates kaum noch kontrollieren. Und das ist, wo ich hoffe, dass die Politik jetzt wirklich auch dort Schlupflöcher, Luftlöcher schafft, natürlich auch für Familien, Kinderbetreuung und so weiter, auch da intelligente Lösungen anbietet.

Milliarden werden fehlen "um die Wirtschaft zu modernisieren"

Fecke: Krisen sind ja oft eine Chance, und das soll jetzt gar nicht nach Plattitüde klingen. Wie könnte sich die Arbeitswelt, auch unsere Art, zu arbeiten, verändern nach dieser Krise? Sie hat es ja jetzt im Moment schon massiv getan, wenn man jetzt allein nur an Home Office denkt.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Enste: Also ein positiver Schritt ist sicherlich, dass viele Unternehmer, Unternehmerinnen, die bisher vielleicht auf die Präsenzkultur gesetzt haben, auf einmal feststellen, dass es trotzdem funktioniert, wenn die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu Hause sind, dass man ihnen also mehr vertrauen kann, auch im Home Office tätig zu sein. Es wird sicherlich auch weniger Flugreisen geben und man wird mehr Videokonferenzen machen, weil man das eingeübt hat. Insofern gibt es da sicherlich einen gewissen Lerneffekt.

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Aber, und das ist so ein bisschen die bittere Pille, die dabei mitschwingt, am Ende werden ganz viele Milliarden fehlen, um die Wirtschaft weiter zu modernisieren. Alles das, was wir jetzt für den Gesundheitsschutz ausgeben, die Billionen ja zum Teil alleine in Deutschland, stehen am Ende eben nicht für Innovationen zur Verfügung, die auch dem Klimaschutz dienen könnten beispielsweise, oder auch insgesamt die Digitalisierung voranbringen könnten. Also erleben wir auf der individuellen Ebene Veränderung, auch Unternehmen erkennen, dass Digitalisierung oder eine andere Arbeitswelt möglich ist, aber auf der anderen Seite muss man mit berücksichtigen, dass uns möglicherweise das Geld für all die Investitionen fehlt, wenn die Wirtschaft noch länger in einem Lockdown, Shutdown oder zumindest in diesem Sparmodus agieren muss.

Fecke: Das heißt, die Automobilkonzerne, die gerade massiv auf die EU-Kommission einwirken wollen, um den Green Deal zu lockern, die werden wahrscheinlich Gehör finden?

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Enste: Das muss man noch sehen. Auch da wird es entsprechende Abwägungsprozesse wieder geben. Wie schnell kann man tatsächlich die Automobilindustrie in Europa so weit verändern, dass sie den Green Deal quasi erfüllen kann? Zum Zweiten ist ja auch da noch unsicher, welches denn die bessere Methode ist. Ist es wirklich Elektromobilität? Auch da haben wir ja quasi keine Gewissheit darüber, was in den nächsten 30, 40 Jahren am Ende die Industrie oder die Fortbewegung sein wird, die funktioniert, und deshalb bin ich immer ein Freund quasi davon, auch ein bisschen Experimente zuzulassen, technologieoffen das Ganze zu tun. Und wenn dann darüber ein Modernisierungsschub beginnt, der vielleicht noch mal durch die Pandemie, durch den Virus beschleunigt wurde, dann, glaube ich, können wir in vielleicht zehn Jahren tatsächlich zurückblicken und sagen: Es war durchaus auch ein bisschen was Positives an dieser Krise dabei.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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