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StartseiteKommentare und Themen der WocheFast alles hängt vom Brexit ab04.04.2019

KonjunkturerwartungFast alles hängt vom Brexit ab

In der derzeitigen Situation sei es unmöglich, eine verlässliche Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung abzugeben, kommentiert Volker Finthammer. Bei einem geordneten Brexit und ausbleibendem Handelsstreit zwischen den USA und China sähen die Perspektiven sogar sehr ordentlich aus.

Von Volker Finthammer

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Eine Lupe fokussiert Grafik mit stark fallendem Börsenkurs. (picture alliance / Klaus Ohlenschläger)
Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Konjunkturerwartung zurückgefahren - doch es ist nicht gesagt, dass diese Prognose eintritt, meint Volker Finthammer. (picture alliance / Klaus Ohlenschläger)
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Der konjunkturelle Einbruch ist da, doch von einer Rezession kann keine Rede sein. Das ist die gute Botschaft der Konjunkturgutachter, die jedoch einen Haken hat: Denn ob der Wirren in London vermag keiner wirklich eine Aussage darüber zu treffen, ob es am Ende nicht doch noch zu einem ungeordneten Brexit kommt. In diesem Fall könnten die Folgen für die Konjunktur in Deutschland erheblich sein. Zu groß sind die wirtschaftlichen Verflechtungen, als dass ein harter Brexit nur mit einem weiteren leichten wirtschaftlichen Einbruch zu verschmerzen wäre.

Prognosen schwierig 

Selbst für die Wirtschaftsforscher ist solch ein Szenario nicht zu prognostizieren, weil es da bislang keine vergleichbare Erfahrung gibt, die man heranziehen könnte. Aber auf der anderen Seite gilt auch: Bleibt die weitere Entwicklung überschaubar und kommt es zu einem geordneten Austritt und außerdem zu keiner weiteren Eskalation in den Handelsstreitigkeiten mit den USA oder zwischen den Vereinigten Staaten und China, dann sehen die Perspektiven sogar wieder recht ordentlich aus und keiner dürfte im weiteren Jahresverlauf mehr davon sprechen, dass der nunmehr schon seit zehn Jahren anhaltende ungewöhnlich lange Wachstumszyklus tatsächlich zu einem Ende kommt.

Es fehlen Fachkräfte

Denn der Wachstumsmotor ist und bleibt die gute Binnenkonjunktur und die steigende Nachfrage dort, wobei sich hier auch schon gewissermaßen die natürlichen Grenzen dieser Entwicklung abzeichnen. Es fehlen die Beschäftigten die einen fortdauernden Aufschwung tragen könnten. Die Suche nach Fachkräften gestaltet sich immer schwieriger, die Lücken und Umgehungsversuche in den Unternehmen werden immer größer. Aufträge können nicht mehr angenommen werden oder wenn, dann nur noch mit erheblichen Wartezeiten. Das bereitet in der Hochkonjunktur zusehends Probleme und ist auch mit ein Grund für die Wachstumsdelle.

Der Staat hat erheblichen Handlungsspielraum

Technologische Defizite etwa in der so wichtigen Automobilindustrie kommen dazu. Sie könnten sich langfristiger auswirken und sind zugleich ein Ausdruck davon, wie sich die Branche auf einer teils durch Betrug erreichten Konjunkturentwicklung ausgeruht hat. Das rächt sich jetzt unweigerlich und das Nachsehen werden wohl in ersten Linie die Beschäftigten haben, die bereits mit ersten Entlastungszenarien konfrontiert sind, weil urplötzlich und natürlich mit staatlicher Hilfe der Umstieg aufs Elektroauto ganz schnell gehen soll. Aber der Staat hat trotz allem noch einen erheblichen Handlungsspielraum.

Reserven sollten hoch genug sein

Auf gut 40 Mrd. Euro beziffern die Gutachter den strukturellen Überschuss der öffentlichen Haushalte allein in diesem Jahr. Klar ist auch: Mit jedem weiteren Einbruch würde dieser Überschuss geringer ausfallen. Die Steuerschätzer werden Anfang Mai ihre nächste Prognose wagen. Aber dennoch sollten die Reserven erst einmal noch hoch genug, um jederzeit gegensteuern zu können, etwa wenn es doch zu einem harten Brexit kommen sollte und man sollte sich hüten, die Reserven jetzt schon großzügig verplanen zu wollen.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

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