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StartseiteKommentare und Themen der WocheKlimaanpassungen sind nicht bloß „nice to have“! 25.07.2021

Konsequenzen aus der Unwetterkatastrophe Klimaanpassungen sind nicht bloß „nice to have“!

Die Zeit des gemäßigten Klimas in Deutschland geht zu Ende, deshalb müssen die Anpassungsmaßnahmen an die Klimaveränderungen ausgeweitet werden, kommentiert Ann-Kathrin Büüsker. Wir müssen begreifen, dass der Klimawandel das Wetter extremer und damit auch gefährlicher macht.

Ein Kommentar von Ann-Kathrin Büüsker

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Hochwasser in Rheinland-Pfalz: Der Ortskern der Gemeinde Monreal ist überflutet. ( picture alliance / Hasan Bratic | Hasan Bratic)
Bäche, die zur Todesgefahr werden - der Klimawandel macht das Wetter extremer und damit auch gefährlicher ( picture alliance / Hasan Bratic | Hasan Bratic)
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Die Flutereignisse im Westen, im Süden und im Osten des Landes sollten uns eines ganz deutlich vor Augen führen: Die Zeit des gemäßigten Klimas in Deutschland geht zu Ende. Der Klimawandel führt bei uns nicht nur zu heißeren und trockeneren Sommern wie in den letzten Jahren, sondern auch zu ergiebigen anhaltenden Regenfällen. Nicht immer muss daraus direkt eine Katastrophe werden, schon gar nicht in dem Ausmaß, wie wir es jetzt gesehen haben. Aber ungünstige Bedingungen vor Ort können die Chance auf eine Katastrophe vergrößern.

Orte, in denen das Wasser nirgendwo hin kann, weil alle Flächen versiegelt wurden. Warnketten, die nicht funktionieren und dazu auch mangelndes Bewusstsein bei den Menschen dafür, dass Regen so schlimme Folgen haben könnte. Was Regionen wie das Ahrtal erlebt haben, ist bislang einmalig. Es gibt kein historisches Vorbild, aus dem man Lehren ziehen könnte, das den Menschen eine Warnung hätte sein können.

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Die Erderwärmung ändert die Bedingungen unserer Klimazone, schafft neue Voraussetzungen, bringt neue Gefahren mit sich. Daran müssen wir uns anpassen. Deutschland hat bereits seit 2008 eine Anpassungsstrategie, 2011 wurde ein "Aktionsplan Anpassung"beschlossen. Vor allem Kommunen können Beratung und auch finanzielle Unterstützung dabei bekommen, Anpassungsmaßnahmen vorzunehmen. Dies muss ausgeweitet und verstetigt werden. Und es muss klar sein: Anpassungen sind kein "nice to have", sie müssen passieren. Vor allem beim Neubau von Quartieren werden inzwischen vermehrt Kenntnisse aus der Wissenschaft umgesetzt, um etwa mit Rückhaltebecken und Begrünungsprojekten sowohl auf Regen-, als auch auf Dürreperioden vorbereitet zu sein.

Wichtig: Durch Wiederaufbau nicht die nächste Katastrophe begünstigen!

Doch auch vorhandene Viertel müssen dringend klimafolgenfest gemacht werden. Versiegelter Boden muss aufgebrochen werden, Architektur winddurchlässiger, Orte müssen grüner werden. Das dient nicht nur der Verbesserung der Lebensqualität, sondern kann, wie die Fluten gezeigt haben, auch über Leben und Tod entscheiden. Entsprechend muss jetzt auch beim Wiederaufbau der zerstörten Orte darauf geachtet werden, dass nicht bauliche Zustände wiederhergestellt werden, die die nächste Katastrophe begünstigen. Im Einzelfall kann das auch heißen: Häuser dürfen dort, wo sie ziemlich sicher wieder überflutet werden, nicht wiederaufgebaut werden. Die gute Nachricht ist, dass die Erkenntnisse, die wir für diese Anpassung brauchen, vielfach schon da sind, weil die Forschung hier seit Jahrzehnten gute Arbeit leistet.

Der wohl wichtigste Faktor ist aber, die Notwendigkeit der Anpassung den Menschen bewusst zu machen. Es braucht bei allen von uns ein Verständnis dafür, dass wir ab jetzt in Gefilden unterwegs sind, die es so vorher nicht gab. Wir müssen begreifen, dass der Klimawandel das Wetter extremer und damit auch gefährlicher macht. Bäche, die zur Todesgefahr werden, sind kein Ereignis mehr, das nur einmal in 100 Jahren passiert. Es ist wichtig, dass diese potentielle Bedrohungslage durch Fluten und Hitzeereignisse wirklich im Bewusstsein der Menschen ankommt, damit wir in der jeweiligen Situation handlungsfähig bleiben.

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Und wir müssen alles dafür tun, dass die Erde sich nicht noch weiter erwärmt. Schon jetzt haben wir global betrachtet eine Zunahme von etwa 1,1 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Im Pariser Klimaabkommen haben sich die Staaten darauf verständigt, die Erwärmung auf unter 2, möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. Weil das wissenschaftlich betrachtet noch machbar ist und die Folgen dieser Erwärmung irgendwie zu bewältigen wären.

Im Moment bewegen wir uns jedoch laut Climate Action Tracker mit der weltweiten Klimapolitik auf eine Erwärmung zwischen 2,9 und 3,9 Grad zu. Damit würden große Bereiche der Welt voraussichtlich unbewohnbar aufgrund von Fluten und Dürren – auch in Deutschland würde es ziemlich ungemütlich. Und die notwendigen Anpassungen, um mit diesem Klima zurecht zu kommen, noch viel größer. Es ist also in unserem ureigenen Interesse, es nicht dazu kommen zu lassen.

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