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StartseiteDeutschland heuteErste Datenspeicher-Spürhunde für NRW16.10.2019

Konsequenzen aus Lüdge-FallErste Datenspeicher-Spürhunde für NRW

Sie erschnüffeln Smartphones, USB-Sticks, Kameras: Datenspeicher-Spürhunde. Im Fall des Kindesmissbrauchs von Lügde fand einer von ihnen Beweismittel in einer Sofaritze. Bundesweit gibt es bislang nur wenige Tiere mit dieser Sonderqualifikation. Die Ausbildung ist für beide Seiten anspruchsvoll.

Von Moritz Küpper

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Ein ausgebildeter Polizeihund sucht Räumlichkeiten im Plenarsaal im Thüringer Landtag in Erfurt ab. (imago / Bild13)
Ein ausgebildeter Polizeihund sucht einen Saal nach Sprengstoff ab. Datenspeicher-Spürhunde können auch Handys und USB-Sticks erschnüffeln. (imago / Bild13)
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Ali Baba wetzt los, springt auf ein Sofa, schnüffelt an einer Theke, an einem Stuhl, wirft einen Blumentopf um und findet schließlich – in einer Sofa-Ritze – ein Mini-Handy.

"Hier war ein Mini-Handy versteckt."

Der holländische Schäferhund-Mischling, den seine Hundeführerin Christina Guse wegen seines zotteligen Fells meist "Flauschi" ruft, lässt sich von den Dutzenden Fotoapparaten, Fernsehkameras und Mikrofonen auf der Empore nicht stören. Er ist – beim Vorstellungstermin in einer Übungswohnung im Polizeiausbildungszentrum in Neuss – voll in seinem Element.

"Sie sehen, dass der Hund sehr eng geführt werden muss",

kommentiert Carsten Pitzer, Leiter des Projekts. Festnetztelefone lässt Ali Baba links liegen, genauso wie Fernbedienungen. Doch: Sobald er ein Smartphone oder einen Datenspeicher erschnüffeln, bleibt er wie eingefroren stehen. Erst wenn seine Hundeführerin mit einem kleinen Tacker "Klick" macht, taut er wieder auf. Denn jetzt folgt die Belohnung: Spielen mit der Beißwurst. Andere Hunde wollen lieber Leckerlies.

Erste Polizeihunde mit dieser Sonderqualifikation

"Datenspeicher-Spürhunde", so lautet der offizielle Titel, den die Hunde nun führen dürfen. Ali Baba, Jupp, Odin, Theo und Herr Rossi sind die ersten fünf Spezialisten der nordrhein-westfälischen Polizei, die Smartphones, USB-Sticks und andere Speichermedien finden. Auch bundesweit gehören sie zu den ersten Polizeihunden mit dieser Sonderqualifikation. Ausgebildete Spürhunde waren sie alle, konnten Rauschgift, Sprengstoff, Brandmittel, Personen, Leichen oder Banknoten erschnüffeln, doch in den letzten 20 Tagen bekamen die Tiere eine weitere Ausbildung:

"Zunächst wurden die ganzen Datenträger aufkonditioniert. Dann ging es vor allem darum: Der Hund musste lernen, die Dinge zu suchen und anzuzeigen und man selber als Hundeführer musste dann auch entsprechend lernen, den Hund zu lesen und entsprechend zu führen",

sagt Ali Babas Hundeführerin Christina Guse. Zusammen mit ihrem Hund steht sie nun draußen auf der Wiese. Das Tier muss sich etwas beruhigen nach dem Einsatz. Was genau die Hunde bei den Datenträgern erschnüffeln, sei Betriebsgeheimnis, heißt es. Aber, so Guse:

"Es war ein ganz anderer Anspruch an die Hunde als auch an die Hundeführer, weil man einfach viel weniger Duftfeld hat. Wie als Menschen riechen ja schon, wenn da Marihuana liegt, oder Haschisch. Das hat ja so einen ganz starken, eigenen Geruch, den ja selbst wir als Mensch wahrnehmen und man kann sich vorstellen, dass eine SIM-Karte oder ein USB-Stick mit Sicherheit nicht so doll riecht. Und das war schon ein hoher Anspruch an die Hunde und auch an uns Hundeführer in der Führarbeit."

Ali Baba hat für heute Feierabend, ein Foto noch mit dem Minister Herbert Reul. NRWs Innenminister von der CDU erinnert noch einmal daran, dass es die Ermittlungsarbeiten im Fall des Kindesmissbrauchs von Lügde waren, die zu diesem Projekt geführt haben:

"Na, wir hatten alles leergemacht. Es war alles leer, es war nichts mehr zu sehen und trotzdem hat dann die Polizei gesagt - es war eine kluge Entscheidung - wir holen jetzt nochmal Hunde, die wir nicht haben, die aber andere haben und lassen nochmal nachschnüffeln. Und haben dann ja auch noch Disketten gefunden."

Das finden, was für die Ermittler nicht sichtbar ist

Der aus dem sächsischen Justizdiensten ausgeliehene Datenspeicher-Spürhund "Artus" hatte damals in einer Sesselritze tatsächlich noch Beweismittel erschnüffelt. Ein Aha-Erlebnis, auch für den Minister:

"Die Wahrheit ist, dass Polizei in Situationen kommt, wo sie auch manches optisch nicht wahrnehmen kann und dann froh ist, wenn der Hund einfach in der Lage ist mit der Zusatzqualifikation, die er hat, auch etwas zu erschnüffeln, was der Mensch nicht mehr sieht. Und: Die müssen wir uns als großes Bundesland nicht irgendwo leihen, die können wir auch selber ausbilden."

Und die, ab nun, eingesetzt werden können.

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