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StartseiteDie neue PlatteUntrennbare Beziehungen30.05.2021

Konstantia GourziUntrennbare Beziehungen

Für die Komponistin Konstantia Gourzi sind Engel keine göttlichen Flügelwesen, sondern Ausdruck einer bestimmten Energie. Ihre Kammer- und Orchesterwerke sind musikalische Verlebendigungen von Engelsdarstellungen und den damit verbundenen Assoziationen. Berührende, intime und sehr einfühlsame Musik.

Am Mikrofon: Sophie Emilie Beha

Eine kurzhaarige Frau vor einem schwarzen Hintergrund ist seitlich beim Dirigieren zu sehen. (Astrid Ackermann)
Assistierte einst Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern: Konstantia Gourzi als Dirigentin. (Astrid Ackermann)
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Eine einsame Kantilene der Bratsche, ganz ohne Begleitung, ist der Beginn der ersten Mozart-Hommage. Gourzi hat sie nicht in Dur oder Moll komponiert, sondern in der alten Kirchentonart Phrygisch. Nach etwa einer Minute setzt das Klavier ein - mit einer schlichten Melodie, begleitet von Achtelnoten. Wie zwei Bänder flechten sich die zwei Stimmen ineinander – mal tritt das Klavier in den Vordergrund, mal die Viola. Wie in einem Zwiegespräch greifen sie nacheinander Motive auf, entwickeln sie weiter oder begleiten sie.

Musik: K. Gourzi - "Hommage à Mozart": I. con eleganza, intense, dancing

Gourzi hat "Hommage à Mozart" für den Bratschisten Nils Mönkemeyer und den Pianisten William Youn komponiert. Mönkemeyers Viola klingt dunkel und gehaltvoll, aber ohne jegliche Schwere. Daneben setzt Youn seine Achtelnoten und Akkorde wie wohlplatzierte Farbtupfer. Er spielt aufmerksam und voller Nuancen.

Mozarts Musik als vertraute Energie

Die drei kontemplativen Dialoge spüren die Beziehung der Komponistin zu Mozart nach. Allerdings ohne direkte Anspielungen oder Zitate, sondern durch bestimmte Atmosphären, die Viola und Klavier gemeinsam ausloten.

Konstantia Gourzi vertont in "Hommage à Mozart" ihr Gefühl, das Mozarts Kompositionen in ihr auslösen. Sie beschreibt seine Musik als "vertraute Energie", von der sie sich führen lässt. Eine Hommage zu Komponieren, hat sie einmal gesagt, sei wie die Antwort auf mehrere Fragen zu suchen. Oder wie ein Versteckspiel in einem Wald.

Musik: K. Gourzi - "Hommage à Mozart": III. scherzoso, ma calmo

Eine Antwort auf mögliche Fragen an Mozarts Musik könnte das sein, was bei Gourzi zwischen den Noten steht - wie die feinen Zwischentöne im gegenseitigen Dialog von Bratsche und Klavier. Oder das Nebeneinander von Komplexität und Einfachheit. Die Musik wirkt nicht kompliziert-verkopft, sondern transparent und durchsichtig. Sie gelingt mit wenigen Mitteln: zwei Instrumente, die im gegenseitigen Dialog Motive wiederholen und variieren.

Gourzis drei Dialoge geben nicht nur Antworten, sondern stellen auch Fragen: Wie könnte sich eine Tonalität, wie die phrygische Kirchentonleiter, in der Musikgeschichte entwickelt haben, wenn ihr Zentrum, statt in Norditalien, im nordöstlichen Mittelmeerraum gewesen wäre? Oder: Wie kann man zu Traditionen zurückkehren, ohne dabei den zeitgenössischen Blick zu verlieren?

Musik: K. Gourzi - "Hommage à Mozart": III. scherzoso, ma calmo

Gourzi hat ihre "Hommage à Mozart" im Jahr 2014 komponiert. Mit diesem Stück begann für sie eine neue Kompositionsphase. Darin setzt sie sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema "Engel" auseinander. Für die griechische Komponistin ist auch Mozart ein Engel. Damit meint sie allerdings nicht seine Person, sondern das Gefühl, das sie mit seiner Musik verknüpft. Mit dem Begriff "Engel" verbindet Gourzi eine bestimmte Form von Energie, die sie immer wieder in ihrem Leben gespürt hat.

Musik: K. Gourzi - "Hommage à Mozart": III. scherzoso, ma calmo

Die Sätze haben keine dramatische Entwicklung, trotzdem formen sie in ihrer Gesamtheit ein zusammengehöriges Gespräch. Das ist ein Merkmal von Gourzis Musik. Sie spannt Brücken zwischen Musiktraditionen und Epochen. Und das nicht nur als Komponistin, sondern auch als Dirigentin.

Engelskompositionen

Konstantia Gourzi wurde 1962 in Athen geboren und hat mit sieben Jahren die ersten Stücke für ihre Mutter komponiert. Für das Kompositionsstudium ist sie schließlich nach Berlin gezogen, wo sie gleichzeitig auch Dirigat studierte. Ihre Inspiration fand sie in Werken von György Kurtág oder als Assistentin von Claudio Abbado. Von ihm hat sie gelernt, dass es für jede Musik einen dringenden, emotionalen Grund geben muss – wie eine innere Notwendigkeit. Deshalb ist für Gourzi die Vorbereitung auf das Komponieren genauso wichtig wie das Komponieren an sich.

Musik: K. Gourzi: "Anájikon, The Angel in the Blue Garden": I. The Blue Rose

Insgesamt fünf Engelskompositionen hat Gourzi geschrieben – vier davon sind von Engel-Skulpturen des Berliner Künstlers Alexander Polzin beeinflusst. Es geht ihr darin aber nicht um eine musikalische Darstellung der Engelsfiguren. Gourzi will mit ihrer Musik eine Brücke bauen zu den Engeln und ihrem Wesen. Die Engels-Kompositionen tragen alle frei erfundene Namen, außerdem ist ihnen eine Farbe zugeordnet. Sie soll die Klangenergie des Stücks reflektieren. Wie "Anájikon, The Angel in the Blue Garden."

Musik: K. Gourzi - "Anájikon, The Angel in the Blue Garden": I. The Blue Rose

"Anájikon" ist Gourzis drittes Streichquartett. Sie hat es im Jahr 2015 für das Minguet Quartett komponiert. Das Stück besteht aus drei Sätzen, die alle die Farbe Blau im Namen tragen. Der erste Satz heißt "The Blue Rose". Er drückt ein Gefühl von Unerreichbarkeit aus. Markant ist hier ein durchlaufender Achtelpuls, der Spannung erzeugt. Immer wieder lösen sich Instrumente heraus, treten kurz miteinander in Dialog oder schwelgen in einer Melodie. Zuletzt erklingt die zweite Geige – ihr Lied ist am längsten und höchsten. Es scheint völlig schwerelos über dem schimmernden Achtelpuls zu schweben.

Musik: K. Gourzi - "Anájikon, The Angel in the Blue Garden": I. The Blue Rose

Alle drei Sätze von "Anájikon" bewegen sich in einem ähnlichen harmonischen Modus. Die komponierten Themen sind so prägnant, dass sie die Sätze definieren und nicht von Harmonien oder Akkordwechseln bestimmt werden. Mit "Anájikon" wollte Gourzi eine neue Klangdramaturgie für Streichquartette entwickeln, ohne dabei gewohnte zeitgenössische Klangfolgen und Muster zu bedienen. Deshalb können die einzelnen Sätze auch für sich stehen und stellen keine herkömmliche dramaturgische Reihenfolge dar.

Musik: Gourzi - "Anájikon, The Angel in the Blue Garden": III. The Blue Moon

So beginnt der dritte Satz "The Blue Moon". Hier verwebt Gourzi einzelne Motivsplitter zu einem rhythmischen Klangfeld des Quartetts. Das Minguet Quartett beeindruckt durch eine sehr transparente Spielweise und klaren Ausdruck.

Intime Tongestaltung

Es spielt voller Energie und Intensität. Ganz intim und berührend interpretiert es die verschiedenen Schattierungen der Klänge. Den Musikerinnen und Musikern gelingen kraftvolle Ausbrüche ebenso, wie ganz behutsame Passagen. Wie zum Beispiel am Ende des dritten Satzes, wo sich Geigen, Bratsche und Cello zu einem fast gleichstimmigen Lied vereinen.

Nachdem Gourzi ihr Streichquartett "Anájikon" in einem blauen Garten spielen lässt, titelt sie das letzte Werk ihrer Engels-Kompositionen "Ny-él, Two Angels in the White Garden." Das Orchesterstück ist ein Auftragswerk des Lucerne Festivals. Gourzi hat es 2016 mit der Lucerne Festival Academy uraufgeführt. Die Partitur hat sie dem Gedenken an Pierre Boulez und Claudio Abbado gewidmet. "Ny-él" beginnt mit einem eruptiven Ausbruch im Schlagwerk:  

Musik: K. Gourzi - "Ny-él, Two Angels in the White Garden": I. Eviction

Das Stück "Ny-él" ist nicht nur von einer Engelsfigur inspiriert, sondern auch von einer weltweiten Tragödie: der Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Während über eine halbe Million Geflüchtete an den griechischen Inseln strandeten, dachte Gourzi auch über ihre eigene Familiengeschichte nach: Ihre Mutter stammt aus Lesbos, ihre Großmutter wurde aus Kleinasien vertrieben. Die Flüchtlingsthematik ist also auch in Gourzis eigener Geschichte präsent. Sie spürt eine Verbundenheit mit den Geflüchteten. Unter diesen Eindrücken entstand schließlich "Ny-él".

Musik: K. Gourzi - "Ny-él, Two Angels in the White Garden": III. Longing

"Ny-él" besteht aus vier Miniaturen, in den sich schnelle und langsame Tempi aneinanderreihen. Schlagwerk, Klavier und Harfe spielen in allen vier Sätzen eine wichtige Rolle. In einigen Passagen sind die Streicher nicht von der Dirigentin abhängig, sondern gestalten bestimmte Elemente völlig frei und produzieren neue Klänge. Durch diese Spontanreaktionen und improvisatorische Freiheit entsteht eine Offenheit.

Emotionale Brücken

Konstantia Gourzi dirigiert das Lucerne Academy Orchestra entschlossen. Für sie gehört Komponieren und Dirigieren unabdingbar zusammen – wie eine untrennbare Beziehung. Das lässt sich auch auf ihre Musik übertragen: Sie wurzelt einerseits im griechischen Kulturkreis, der verbunden ist mit frühchristlich byzantinischen Traditionen und orientalischen Musikkulturen. Dem steht andererseits die westliche Welt mit Polyphonie, modernen Spieltechniken und Klangstrukturen gegenüber.

Es ist eine musikalische Herausforderung, eine emotionale Brücke zwischen der Vergangenheit und dem Jetzt klanglich zu bauen. Konstantia Gourzi gelingt das, weil sie die Inspiration von außen mit ihren inneren Empfindungen verknüpft. Ihre Musik will unmittelbar berühren und das tut sie auch. Auch wenn die "Hommage à Mozart" programmatisch etwas abseits steht neben den beiden Engels-Kompositionen, ist das eine sehr hörenswerte Aufnahme, erschienen beim Label ECM. 

Konstantia Gourzi – "Anájikon"
Nils Mönkemeyer (Viola), William Youn (Klavier), Minguet Quartett, Lucerne Academy Orchestra, Konstantia Gourzi
Labedl: ECM 2545, LC 02516 

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