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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKonstruktion von Männlichkeit02.10.2008

Konstruktion von Männlichkeit

Das starke Geschlecht als soziologischer Forschungsgegenstand

"Wann ist ein Mann ein Mann” hat sich die Soziologin Nina Baur vor rund zwei Jahren gefragt und hat dazu bundesweit rund 700 Frauen und Männer aus 30 Gemeinden interviewt. Sie wollte zum Beispiel wissen, was Männer attraktiv macht und wie wichtig beruflicher Erfolg ist. Ein Ergebnis dieser Studie: Frauen haben ein viel moderneres Männerbild als das starke Geschlecht glaubt. Und viel wichtiger als beruflicher Erfolg war den befragten Frauen, dass Männer Humor haben.

Von Anja Arp

Männer sind das starke Geschlecht? (AP)
Männer sind das starke Geschlecht? (AP)

"Unser Ausgangspunkt ist, dass wir sagen, es gibt natürlich biologisch angeborene Unterschiede. Aber die sind eben sozial überformt. Und das heißt, das, was ein Mann oder eine Frau ausmacht, das ist kulturabhängig und es kann sich auch historisch wandeln. Um ein Beispiel zu nennen: Das ist typisch männlich, dass Männer schwerer arbeiten und schwere Lasten tragen. Wenn sie jetzt zum Beispiel nach Vietnam gehen, dann sehen sie auf einmal kleine zierliche Frauen, die Lasten durch die Gegend hieven, die bei uns eben ein großer Bauarbeiter nicht mal tragen würde."

Verkehrte Welt, mag da der eine oder andere denken. Doch Nina Baur kennt noch weitere Beispiel für solche, durch die Kultur veränderten Rollen-Klischees. Etwa wenn es in Vietnam darum geht: Wer kann besser mit Geld umgehen?

"Da herrscht dieselbe feste Überzeugung, dass Männer nicht mit Geld umgehen können. Das heißt, sie sehen im öffentlichen Raum, auch bei Geldgeschäften, immer nur Frauen. Wenn sie jetzt zum Beispiel nach Marokko gehen, da ist es genau umgekehrt. Da machen so Händler Tätigkeiten und die Finanzgeschäfte sind dort Männersache. Und das ist jetzt genau die Frage, der unser Buch nachgeht. Wir wollen wissen, wie eben diese, wie konkret in Deutschland, in der heutigen Zeit diese Männlichkeitskonstruktionen ausmachen, das heißt, was macht in Deutschland ein Mann zum Mann und eine Frau zur Frau? Aber unser Fokus liegt auf den Männern."

"Der Mann, das unbekannte Wesen" titelte Oswald Kolle bereits 1970 seinen berühmten Aufklärungsfilm. Daran scheint sich bis heute nicht viel geändert zu haben. Denn das Wissen über das "starke Geschlecht" ist erstaunlich dünn. Für Soziologen war der Mann bislang so zu sagen der Normal-Fall und damit vergleichsweise uninteressant. Während die Frau als "abweichend" relativ gut erforscht ist. Das Buch der beiden Herausgeber Nina Baur und Jens Luedtke soll diese Lücke füllen. Es umfasst drei Teile:

"Der erste Teil macht noch mal den theoretischen Rahmen auf und fasst auch den aktuellen Stand der Debatte zusammen. Was wir schon wissen, was wir aus der internationalen Männerforschung wissen. Und dann haben wir einen zweiten Teil, der befasst sich mit dem Verhältnis von Berufstätigkeit und Familie. Also, es ist was, was unter normalen Männlichkeiten erfasst wird. Und der dritte Teil befasst sich mit den so genannten abweichenden Männlichkeiten."

Mit empirischen Methoden versuchen die Autoren zu erforschen, was den Mann zum Mann macht. Demnach gibt es vor allem drei Aspekte, die als besonders männlich gelten. An erster Stelle steht dabei die Kontrolle:

"Selbstkontrolle, Selbstbeherrschung. Da gehört auf der einen Seite Körperbeherrschung dazu. Da gehört aber auch zum Beispiel so was wie Selbstdisziplin dazu. Also dass man zum Beispiel unangenehme Arbeiten verrichtet oder lange arbeitet und sich einfach durchbeißt. Da gehört auch Kontrolle der natürlichen Umwelt dazu. Also zum Beispiel Naturwissenschaften und Techniken sind so gesehen was sehr männliches, weil es da im Prinzip um Gestaltung der Natur geht. Es gehört aber auch Kontrolle der sozialen Umwelt dazu. Also das heißt, dass man andere Menschen kontrolliert, Macht über sie ausübt und notfalls mit Gewalt, vor allem auch Frauen aber auch andere Männer. Also, es ist das erste Moment. Die Kontrolle."

Neben der Kontrolle ist der Wettbewerb das zweite Kennzeichen für den Mann - so zu sagen das ewige Spiel der Männlichkeit

"Und zwar ist es so, dass das Männliche was relativ Spielerisches ist. Das heißt, dass Männer miteinander im Wettkampf um bestimmte Preisgelder sind. Also die Preisgelder wäre Prestige untereinander. Eben diese Machtmittel. Das wäre Geld, aber auch zum Beispiel Frauen. Also, wenn ein siebzigjähriger Manager ein dreißigjähriges Modell heiratet, das wäre so ein Beispiel dafür. Und andere Momente des Wettkampfs ist, dass es eben verschiedene so genannte Wettbewerbsarenen gibt. Also man kann zum Beispiel beruflich erfolgreich sein oder sportlich erfolgreich sein, und so weiter."

Die Soziologen führen da zum Beispiel den Fußball an. Während Männer am spielerischen Kräfte-Messen Spaß haben, halten viele Frauen das eher für Hahnenkämpfe.

Das dritte Männlichkeits-Merkmal ist eng mit dem Wettbewerb verbunden - es ist die daraus resultierende Rangordnung. Also das Streben nach Hegemonie oder Vormachtsstellung:

"Das heißt, es gibt in jeder Kultur ein dominantes Männlichkeitsmuster. Das ist das Männlichkeitsmuster, mit dem die meisten Machtressourcen verbunden sind, am meisten Prestige verbunden ist und das alle anstreben. Und dann gibt es eben so die, daneben die nicht-hegemonialen oder abweichenden Männlichkeiten, die entweder diesem hegemonialen Bild nicht entsprechen können oder wollen. Oder die halt im Wettbewerb dann leer ausgehen."

Die alten Rollen-Klischees sind offenbar ins Wanken geraten. Der Mann als Ernährer der Familie, wie er in den 50er Jahren stilisiert wurde, ist längst nicht mehr die einzige Möglichkeit, sich als Mann zu beweisen. Die strikte Trennung zwischen männlicher Arbeitswelt und weiblicher Familienversorgung ist hierzulande spätestens seit der 68er-Bewegung aufgehoben. Soziologen sprechen dabei von einer neuen Vielfalt der Männlichkeitsmuster:

"Da gibt es dann eine Variante, die kann man im Prinzip als familienorientierte Ernährer bezeichnen. Das heißt, es ist so, dass sie entweder mit ihrer Frau gemeinsam arbeiten oder dass sie auf Teilzeit runtergehen. Aber selber für sich immer noch ganz wesentlich auch der berufliche Erfolg ist. Und dann haben wir so eine Art individualisiertes Milieu. Also das Musterbeispiel wäre das alternative Milieu in Berlin-Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Friedrichshain. In denen versucht wird, komplett andere Muster zu leben. Also sich komplett abzugrenzen von diesem Zwang, beruflich erfolgreich zu sein. Und auf der anderen Seite auch von dem Zwang, dass die Frauen oder die Mütter alleine die Kinder erziehen sollen."

Und obwohl diese "neuen Väter" längst nicht mehr so neu und eigentlich auch gesellschaftlich akzeptiert sind, werden ihnen in der Praxis immer noch viele Steine in den Weg gelegt. Wenn ein Mann zum Beispiel Erziehungsurlaub nehmen will, dann bedeutet das vielfach einen Karriere-Knick und ist teilweise sogar Anlass für regelrechtes Mobbing. Nina Baur:

"Wenn ein Kind krank ist und eine Frau sagt, ich kann heute nicht zur Arbeit kommen, sondern ich muss mich um mein Kind kümmern, ist es in der Regel akzeptiert. Wenn allerdings ein Mann dies machen würde, dann hätte er in der Regel, unabhängig von der rechtlichen Lage, massive Probleme am Arbeitsplatz. Weil dann ihm mangelnde Berufsorientierung unterstellt wird. Und genau Männer, die so einem Umfeld ausgesetzt sind, haben ganz große Probleme, diese alternativen Männlichkeitsmodelle zu leben. Also sich eben stärker um ihre Kinder zu kümmern."

Die empirischen Untersuchungen der Soziologen belegen offenbar, dass es gar nicht so einfach ist, dem Klischee von Männlichkeit ein individuelles Männerbild entgegen zu setzen. Es bleibt also die Frage:

Einspielung Grönemeyer: "Wann ist der Mann ein Mann?"

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