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StartseiteInterview"Vertrauen in die Zukunft ist sehr stark geschwunden"29.11.2020

Konsumverhalten in Corona-Zeiten"Vertrauen in die Zukunft ist sehr stark geschwunden"

Die Wirtschaft durch Konsum ankurbeln, den Einzelhandel unterstützen - das ist der Appell der Politik in dieser wirtschaftlich angespannten Zeit. Doch viele Menschen müssten sich stattdessen mit existenziellen Fragen auseinandersetzen, sagte der Soziologe Michael Jäckel im Dlf.

Michael Jäckel im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Ein auf den Boden gespraytes Symbol weist in der Fußgängerzone auf die Pflicht hin, Mund-Nasenschutz zu tragen. (dpa-Bildfunk / Bernd Thissen)
Grundsätzlich sei die Konsumlaune in der Coronakrise eher gedämpft, meint der Soziologe Michael Jäckel. (dpa-Bildfunk / Bernd Thissen)
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Schon vor der Coronakrise wurde Konsum zunehmend kritisch hinterfragt. Zum einen standen die globalen Handelswege auf dem Prüfstand, zum anderen die Bedingungen, unter denen günstige Artikel und auch Lebensmittel produziert werden. Nachhaltigkeit, Regionalität und Verzicht galten mehr und mehr als Leitfaden für ein moralisch gutes Konsumverhalten.

Die Coronakrise schien diese Tendenz noch mal zu verstärken, der Wochenend-Trip mit dem Billigflieger, die zehnte Hose oder andere Artikel schienen Vielen plötzlich absurd. In genau diese Stimmung kommt nun der Appell der Politik, die Wirtschaft durch Konsum anzukurbeln, den Einzelhandel zu unterstützen und die drohende Rezession zumindest abzupuffern.

"Vertrauen in die Zukuft ist sehr stark geschwunden"

Michael Jäckel, Professor für Soziologie an der Universität Trier meint, für viele Bürgerinnen und Bürger sei das jedoch eine Herausforderung. Viele müssten sich durch die Folgen der Pandemie plötzlich mit ganz existenziellen Fragen auseinandersetzen. "Die andauernde Krise hat schon dafür gesorgt, dass Vertrauen in die Zukunft sehr stark geschwunden ist." 

Im Vergleich zu Phasen des Wohlstands spüre man jetzt die Ungleichheit in Gesellschaften noch viel deutlicher. Die Situation verstärke zudem Phänomene wie Ungeduld. Das lange Warten in der Schlange könne in einigen Fällen auch zu massiven Konflikten führen. "Das zeigt, dass sich der Zusammenhalt und die Freude an bestimmten Ereignissen auf einem sehr dünnen Eis bewegt". 

Ausverkauf bei Galeria Karstadt Kaufhof (picture alliance / Flashpic / Jens Krick) (picture alliance / Flashpic / Jens Krick)Einzelhandel - Rezepte gegen sterbende Innenstädte
Schließende Kaufhäuser und leere Schaufenster in Fußgängerzonen sind nicht erst seit der Corona-Pandemie ein Problem. Der boomende Online-Handel verdrängt die Geschäfte in den Innenstädten – die müssen sich neu erfinden.

Andererseits stelle man sich in diesen Zeiten auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit des andauernden Konsums: "Warum muss diese Permanenz der Nachfrage eigentlich existieren?" Dieser Druck werde auch geschürt durch eine weltweit wachsende Gruppe von Marketing-Experten, meint Jäckel. Dadurch würden immer wieder neue Kaufimpulse gesetzt. 

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