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StartseiteKommentare und Themen der WocheJournalismus als identitätspolitisches Bekenntnis26.02.2021

Kontroverse um ThierseJournalismus als identitätspolitisches Bekenntnis

Im Zeichen eines dramatischen technischen, ökonomischen und generationellen Medienwandels verändert sich auch das publizistische Selbstverständnis, meint Stephan Detjen. Das zeige die heftige Diskussion über Äußerungen des ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse zur Identitätspolitik.

Ein Kommentar von Stephan Detjen

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Ein Mikrofon des Deutschlandfunks (Deutschlandradio / Simon Detel)
Es gehört auch zur Aufgabe von Medien, das innere Ringen um das eigene Selbstverständnis transparent zu gestalten, meint Stephan Detjen. (Deutschlandradio / Simon Detel)

Die Diskussion um einen Zeitungsbeitrag und ein Deutschlandfunk-Interview des ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse ist Teil einer Auseinandersetzung, die Züge eines Kulturkampfes trägt. Es geht um tatsächliche oder vermeintliche Diskurshegemonien, Diversität in der Gesellschaft und Pluralität in den Medien. Dazu gehört auch die gestern an dieser Stelle gesendete Erwiderung auf das Thierse-Interview, die ihrerseits zu Klarstellung und Widerspruch herausfordert.

Wolfgang Thierse, ehem. Praesident des Deutschen Bundestages, in Berlin.  (imago / IPON) (imago / IPON)

Klarstellung, weil darin aus der Redaktion dieses Senders heraus ein Postulat formuliert wurde, dass es zu "unserer Aufgabe" erklärte "Mauern aus Privilegien" aufzubrechen. Welches "Wir" hier auch immer sprach – es kann jedenfalls nicht ein redaktionelles Kollektiv gewesen sein. Der Rundfunk ist durch seinen Verfassungsauftrag zu innerer Pluralität verpflichtet, die sich im lebendigen Wettstreit unterschiedlicher Meinungen beweisen muss. Wenn auch nur der Anschein erweckt wird, ein Medium ertrage am Abend die Äußerungen eines Gesprächspartners nicht mehr, den man am Morgen zum Interview geladen hat, ist dem zu widersprechen.

Die demokratische Funktion öffentlich-rechtlicher Medien ist es, breite Diskursräume zu öffnen und darin einer Vielfalt unterschiedlicher Stimmen Raum zu geben. Es gab Zeiten, in denen diese Pluralität durch einen schlichten Proporz erfüllt werden konnte - heute ein Schwarzer im Interview, morgen ein Roter, einmal katholisch, einmal evangelisch, auf den Arbeitgebervertreter folgt der Gewerkschafter. Diese simple Rechnung geht in einer auf vielschichtigere Weise diversen Gesellschaft nicht mehr auf.

Ein erbitterter Kampf um die Legitimität von Äußerungen

Was Pluralität und Diversität im öffentlichen Raum heute bedeutet, muss verhandelt und erstritten werden. In der Diskussion um die Äußerungen Thierses aber zeigt sich auch, wie diese Debatte zu einem erbitterten Kampf um die Legitimität von Äußerungen verformt wird. In Twitterblasen werden Lager zementiert und Widerspruch durch persönliche Diskreditierungen ersetzt. Wenn ein Kommentar wie gestern auch an dieser Stelle in den expliziten Ausdruck höchstpersönlicher Wut mündet, markiert das den Endpunkt argumentativer Auseinandersetzung; Journalismus wird damit zum identitätspolitischen Bekenntnis.

Publizistische Selbstverständnisse ändern sich

Im Zeichen eines dramatischen technischen, ökonomischen und generationellen Medienwandels verändern sich publizistische Selbstverständnisse. Traditionsreiche Medien und ihre Redaktionen sind Arenen von Auseinandersetzungen, in denen Journalisten nicht nur Beobachter, sondern Akteure sind. Es gehört deshalb auch zur Aufgabe von Medien, dieses innere Ringen um das eigene Selbstverständnis transparent zu gestalten. Deshalb diese Erwiderung auf eine Erwiderung.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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