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StartseiteCampus & Karriere"Konzentriert sein, Körperspannung haben und Show machen"29.08.2011

"Konzentriert sein, Körperspannung haben und Show machen"

Luftgitarrenweltmeisterin kommt aus Deutschland

Aline Westphal, Studentin aus Hildesheim, hat den Weltmeistertitel im Luftgitarrespielen in Finnland gewonnen. Ihre Vorbereitung war das Uniseminar "Medienästhetische Überlegungen zur Luftgitarre". Und nun schreibt sie ihre Diplomarbeit - natürlich über Luftgitarre.

Aline Westphal im Gespräch mit Manfred Götzke

Aline Westphal hat die Weltmeisterschaft im Luftgitarrespielen gewonnen. (picture alliance / dpa/Kimmo Brandt)
Aline Westphal hat die Weltmeisterschaft im Luftgitarrespielen gewonnen. (picture alliance / dpa/Kimmo Brandt)

Manfred Götzke: Luftgitarre - da denkt man an schwarz angezogene Metall-Freaks, die nach dem vierten Bier in der Kneipe zu Slayer headbangen, die imaginäre Gitarre rocken. Dabei spricht die Luftgitarre mittlerweile ein viel breiteres Publikum an und es gibt sogar eine Weltmeisterschaft im Luftgitarrenspiel.
die lief am letzten Wochenende in Finnland und gewonnen hat Aline Westphal, Studentin der Szenischen Künste an der Uni Hildesheim. Unter dem Künstlernamen "Des Teufels Nichte" deklassierte sie die internationale Konkurrenz, vielleicht auch, weil sie sich mit dem Thema Luftgitarre theoretisch befasst hat in ihrer Diplomarbeit. Frau Westphal, als Song für Ihre Siegerperformance haben Sie sich ausgerechnet den Titel "Pretender" von den Foo Fighters ausgesucht. Das passt ja wunderbar zum Pseudo-Gitarrenspiel!

Aline Westphal: Absolut, absolut! Und das Video ja auch, das ist ja energiegeladen und steigt so an und man ist gebannt und fragt sich, wann explodiert es denn endlich, und es hat eine gute Dramaturgie. Und das ist in einem Luftgitarrensong die halbe Miete. Wenn ein Song was erzählen kann und dann auch noch vom Text her gut passt, also von den Lyrics, dann, ja ... Ich glaube, das fand die Jury auch und das Publikum auch.

Götzke: Wie muss man denn Luftgitarre spielen, um Weltmeister zu werden?

Westphal: Sehr gut, natürlich. Nein, wichtig ist, dass ein Song und eine Performance abwechslungsreich sind. Also, ein Song, der viele Breaks hat, viele Gimmicks hat, ja, viel bietet, viele Einschnitte bietet, der eignet sich am besten zum Luftgitarre spielen, weil bei einem dreiakkordigen Punksong kann man den Leuten nicht so viel zeigen, als wenn ich jetzt etwas habe, was viele Möglichkeiten bietet, wo die Gitarre zwischen Akkorden und Solonoten switcht. Das ist viel wert und dann fühlt man sich als Luftgitarrist gut und kann sehr viel anbieten, mal einen Sprung einbaut, einen Kick einbauen ... Ja, das ist das Wichtigste. Und konzentriert sein, Körperspannung haben, auch mimisch was bieten, den Raum nutzen und Show machen.

Götzke: Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, Luftgitarre zu spielen? Hat es mit der richtigen Gitarre nicht geklappt?

Westphal: Tatsächlich so, ja, ich habe eine alte Gitarre von meiner Mutter bekommen, die lag bei ihr zehn Jahre im Bettkasten, die war total verstimmt. Man sagte mir später auch im Musikladen, die sei schon tot, man kann die gar nicht mehr spielen. Und darauf habe ich die ersten Akkorde gelernt, aber es hat mich nicht so richtig gekickt. Und dann habe ich vor zwei Jahren ein Uni-Seminar besucht, habe eben das Vorlesungsverzeichnis durchgeblättert und habe "Medienästhetische Überlegungen zur Luftgitarre" darin gefunden und dachte, das ist mal was ganz anderes, da schnappe ich zu. Plus halt Übung Luftgitarrespielen mit dem Vermerk: Wenn Sie einen Schein haben wollen, dann müssen Sie zur Deutschen Meisterschaft fahren. Ja, beim Seminar und bei der Übung teilgenommen und danach - ich bin Vierte geworden bei der Deutschen Meisterschaft im Jahr 2009 und unser Dozent Matthias Mertens meinte, ja, jetzt haben wir so erfolgreich die Luftgitarre gerockt, wäre schade, wenn wir das so einfach ausfaden lassen, wer möchte denn weiter machen? Und dann habe ich unter anderem gesagt, ich würde das wohl gerne weiter verfolgen. Und jetzt hat es bis zur Spitze gereicht, bis zur Weltspitze.

Götzke: Ja, Sie haben schon erzählt, Sie haben das praktische Spiel auch bei dem Seminar gelernt. Was hat man denn da sonst noch so gelernt? Das klingt ja wirklich sehr skurril, "Medienästhetische Überlegungen zur Luftgitarre", ich muss das noch mal nennen.

Westphal: Ja, im Seminar haben wir das, wie der Titel schon sagt, medientheoretisch aufgearbeitet, war auch eher ein Forschungsseminar, also, Herr Mertens wusste selber noch nicht genau, worauf wir letztendlich hinauswollen. Also gemeinsam überlegen, was ist denn überhaupt Luftgitarre, von welchen Seiten kann man das beleuchten, was ist vergleichbar et cetera. Und in der Übung haben wir wie im Gitarrenunterricht damit angefangen, dass wir uns die Luftgitarre umgelegt haben, dass man erst mal die Dimension von diesem Gerät erfasst, ja, da muss etwa meine Hand sein, damit das Publikum mir glaubt, dass ich eventuell eine richtige Gitarre halten könnte. Dann haben wir uns wie beim Sportunterricht wirklich, ohne Spaß, hintereinander in so einer Reihe angestellt, haben dann den Duckwalk von Angus Young beziehungsweise Chuck Berry geübt, uns wieder hinten angestellt, und sehr viel performt, viel Musik gehört, was sich für Luftgitarre gut eignet, weil es ist halt doch nicht alles gut zum Spielen, und das, das war am Anfang ziemlich peinlich, den ersten Schritt da zu machen und vor allen anderen zu spielen, aber wenn man sich dann wohlfühlt und mit den anderen Leuten gut klarkommt, ging es irgendwann. Und wir sind zu einer großen Luftgitarrenfamilie geworden.

Götzke: Und jetzt haben sie den Weltmeistertitel. Ist Ihr Professor jetzt eigentlich eifersüchtig auf Sie?

Westphal: Nein, überhaupt nicht, er ist ziemlich stolz, würde ich jetzt einfach mal sagen.

Götzke: Sie setzen sich ja auch theoretisch mit dem Thema Luftgitarre in Ihrer Diplomarbeit zur Kulturgeschichte der Luftgitarre auseinander. Darauf hat die Wissenschaft ja nun nicht gerade gewartet ...

Westphal: Das stimmt, die Wissenschaft bringt aber sehr viele ungewöhnliche Themen hervor und das finde ich spannend. Weil, wenn ich zum hundertsten Mal Bücher über den Film Noir oder Nouvelle Vague oder sonst was lese, denke ich, ja, aber so außergewöhnliche Themen lese ich doch gerne. Und ich habe eben in meinem Studium die Möglichkeiten, meine Diplomarbeit über alles im Film- und Medienbereich zu schreiben. Und wenn man alles machen darf, steht man da und denkt, was soll ich denn machen? Bis Herr Mertens auf mich zukam und sagte, Aline, warum schreibst du nicht über Luftgitarre? Und ich so, ja, da hast du eigentlich recht. Und habe mir dann alle bekannten Ereignisse aus der Geschichte genommen, in denen Luftgitarre vorkommt, also Joe Cocker in Woodstock beispielsweise, nenne ich immer so als Erstes. Der hat in Woodstock zu "With a Little Help from My Friends" Luftgitarre gespielt und es wird überall genannt, aber nie genauer erläutert. Und so was sind die Themen meiner Arbeit.

Götzke: Und was wollen Sie mit dem Luftgitarrendiplom später anfangen?

Westphal: Ich denke mal, Taxi fahren. - Nein, erstaunlicherweise, es gibt ganz viele, die den Kopf schütteln und sagen, ja, hast du jetzt geschrieben und dann liegt sie da irgendwann rum, aber es gibt sehr wenige bis gar keine Bücher über Luftgitarre und wenn jetzt demnächst Journalisten sich über das Thema schlau machen wollen, dann würden sie wahrscheinlich meine Arbeit lesen, weil da steht sehr viel drin, was man wissen sollte und was interessant ist.

Götzke: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Westphal!

Westphal: Ja, gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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