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StartseiteDie neue PlatteIn Verehrung02.06.2019

Konzertprogramme von Clara SchumannIn Verehrung

Die Pianistin Ragna Schirmer hat zum 200. Jubiläumsjahr von Clara Schumann zwei Konzertprogramme aufgenommen, die Schumann selbst 1847 und 1872 so gespielt hat. Ein interessantes Konzept, das Doppelalbum "Madame Schumann" ist aber etwas zu huldvoll geraten.

Am Mikrofon: Jürgen Kesting

Die Pianistin Ragna Schirmer stützt ihren Kopf auf die rechte Hand und blickt freundlich. (Maike Helbig              )
Beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Clara Schumann: die Pianistin Ragna Schirmer. (Maike Helbig )
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"Daß man übrigens seine elende Weibsnatur jeden Tag, auf jeden Schritt seines Lebens von den Herren der Schöpfung vorgerückt bekommt, ist ein Punkt, der einen in Wut und somit um die Weiblichkeit bringen könnte, wenn nicht dadurch das Übel ärger würde."

Dies der Stoßseuzer einer Frau, die nach Ansicht ihres Vaters völlig falsche Vorstellungen von ihrer Zukunft hatte: Sie wollte komponieren. "Nur was feminin ist, paßt zu einer Frau", entschied der Vater. "Die Musik wird für Deinen Bruder vielleicht Beruf sein", sagte er, "während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbaß Deines Seins und Tuns werden kann und soll." Der Bruder war Felix, mit Nachnamen Mendelssohn, die Adressatin des Briefs Fanny Hensel, die Schwester des Komponisten. Was ihr Vater schrieb, wurde vielen, wurde fast alle Frauen vorgeschrieben. Die bedeutendste Kämpferin für die Emanzipation der Frau in der Musik war Clara Schumann, die am 8. März 1847 in einem ihrer Konzerte ein Lied ihrer Freundin Fanny Hensel aufs Programm setzte: "Über alle Gipfeln ist Ruh". Sie hören die Sopranistin Nora Friedrichs, begleitet von Ragna Schirmer.

Musik: Fanny Hensel, "Über allen Gipfeln ist Ruh"

Ragna Schirmer hat, wie sie zu sagen nicht müde wird, ihr "großes Vorbild" in Clara Schumann gefunden. Ihr, der weltberühmten Pianistin, der Frau und der Muse eines unglücklichen Genies, hat sie zum 200. Geburtstag "in Verehrung" zwei "Silberlinge" geschenkt.  Auf diesen "Silberlingen", vulgo auf zwei CDs, sind die Programme von zwei Konzerten gespeichert,  die Clara Schumann am 8. März 1847 in Berlin und am 15. Februar 1872 in St. Leonards-on-Sea gegeben hat. Ein sogenanntes Konzept-Album also – zu welchem Zweck und mit welchem Ziel?

Langjährige Auseinandersetzung mit Clara Schumann

Ragna Schirmer, Schülerin des legendären Klavierlehrers Karl-Heinz Kämmerling, beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Clara Schumann. Sie hat ihre Diplomarbeit über Clara geschrieben, lektoriert für den Bärenreiter-Verlag die Edition der Fingersätze von Clara Schumann  und hat ein Bühnenstück in Form eines Puppenspiels mitkonzipiert: über die alte, bei ihrem letzten Konzert am 12.März 1891 mit ihrem Schicksal hadernde Clara; und sie hat in den letzten beiden Jahren die Programme der mehr als 1300 Konzerte, die Clara im Verlauf ihrer Karriere gegeben hat, gesichtet und etliche davon bei einer Tour wiederholt – um 150 Jahre zeitversetzt, auf den Tag genau. Es sind Gesprächskonzerte, bei denen sie aus Briefen und Tagebüchern Claras passende Einträge vorliest, um das Publikum erst einmal "emotional im Raum zu versammeln, bevor die Konzentration für die großen Werke vorhanden ist". Es sind, mit einem Wort, kultische Veranstaltungen aus dem Geist der Devotion.

Zu den großen Werken des Konzerts  im britischen St. Leonards-on-Sea anno 1872 gehörten Beethovens Sonate Nr. 21 in C-Dur op. 53 – die sogenannte Waldsteinsonate.  Über den Rang der Pianistin Clara Schumann lässt sich wohl nur indirekt zu urteilen: etwa durch den  Blick auf das Repertoire, das sie gespielt hat. Dass sie die erste, die Beethovens Appassionata in einem öffentlichen Konzert gespielt hat, zeigt, dass sie große Herausforderungen angenommen hat.  Gleichwohl, als Virtuosa mag sie in der Prestissimo-Coda der Beethoven-Sonate in C-Dur Op. 53 – der Waldstein-Sonate – mit ihren Oktavläufen und Trillern an ihre Grenzen gelangt sein, ganz so wie ihre Wiedergängerin

Musik: Ludwig van Beethoven, Sonate Nr. 21 C-Dur, op. 53

Mit der exzessiv virtuosen Coda des dritten Satzes von Beethovens Sonate in C-Dur op. 21 kann Ragna Schirmer nicht restlos überzeugen: sie zu bewältigen heißt nicht, mit ihrer Brillanz zu überwältigen. Die poetischen Miniaturen  von Schumanns Kinderszenen stellen zwar keine virtuosen Herausforderungen, wohl aber die an den Klangfarbensinn: Hier kann Ragna Schirmer, ohne an Schumann-Interpreten wie Wilhelm Kempff oder Vladimir Horowitz heranzureichen, überzeugen.

Musik: Robert Schumann, Kinderszenen, Der Dichter spricht

"Der Dichter spricht" aus den "Kinderszenen" von Robert Schumann – von Clara Schumann am 15. Februar 1872 in einem Konzert in St. Leonards-on-Sea gespielt und von Ragna Schirmer übernommen.

Madame Schumann - ein Andenken hinter Glas

Was erfahren wir durch die Hommage an "Madame Schumann", was über die Pianistin, was über die Komponistin, was über die Sozial- und Mentalitätsgeschichte und die Weiblichkeits-Ideale?  Wir blicken auf "Madame Schumann" wie auf ein Andenken hinter Glas. Für das Booklet hat Ragna Schirmer einen Brief an ihr Idol gleichsam auf den Knien geschrieben: "Wissen Sie noch, wie Sie sich fühlten? Sie hatten Schmerzen in den Händen und präsentierten dennoch dem Publikum all die schönen Stücke, die Ihr Leben begleiteten." Das ist ein Stil, der an die rührenden Herzblattgeschichten bunter Blätter erinnert, ebenso wie der Hinweis darauf, das sie den Hörern "improvisierte Überleitungen zwischen einigen Werken schenkte", an denen sie sich, wie sie schreibt, "bescheiden auch versuche".

Musik: Frédéric Chopin, Walzer cis-Moll, op. 64 Nr. 2

Musik: Frédéric Chopin, Impromptu As-Dur Nr. 1, op. 29

Solche Überleitungen wie  zwischen Chopins Walzer op. 64 Nr. 2 in cis-Moll und dem Impromptu Nr. 1 in As-Dur waren durchaus kein Geschenk einer generösen Künstlerin, sie dienten der Vorbereitung der Hörer auf ein neues, in einer entfernten Tonart liegendes Stücks.

Was Clara Schumann, die Komponistin, angeht, wehren sich, wie Eva Rieger in ihrer Textsammlung zum Thema "Frau und Musik" schreibt, "Feministinnen gegen den verunglimpfende Vorwurf, Musik von Frauen sei von vornherein zweitrangig." Dieses Problem der Ausgrenzung wie das eines rein männlich kodierten Genie-Kultes ist in den letzten drei Jahrzehnten zu einem zentralen Thema von Gender-Studien geworden – auch der Biographien über Clara Schumann, die Beatrix Borchard und Eva Weisweiler 1991 und 1992 veröffentlicht haben,  dann im Jahre 2009 auch Janina Klassen in einer Buch-Reihe über "Europäische Komponistinnen", in der bisher neun Bände erschienen sind.

Janina Klassen hat auch den Begleittext für das Album "Madame Schumann" verfasst – ebenfalls im gesalbten Tonfall der Devotion, wenn sie etwa über Fanny Hensels Lied "Über allen Gipfeln ist Ruh" schreibt: "Das schöne besinnliche Nachtlied lässt einen fast ehrfürchtig niedersinken"; oder wenn sie Claras Klavier-Trio in g-Moll mit dem Klavierquartett Es-Dur Ihres Gatten in eine Rangordnung wirft. Die beiden Werke finden sich auf der ersten CD. Ragna Schirmer selber hat in einem Gespräch mit Christoph Vratz im Deutschlandfunk sehr viel behutsamer geurteilt:

Ich persönlich glaube, dass Clara als Komponistin sehr begabt war, aber hatte nicht die Möglichkeiten, sich zu entwickeln und zu entfalten. Dass sie Talent hatte, das sieht man an einigen Werken ganz, ganz deutlich, die von berückender Schönheit sind.

Ein Beispiel ist der elegische Andante-Satz aus Clara Schumanns Klavier-Trio in g-Moll op. 17. Sie hören Ragna Schirmer zusammen mit dem Geiger Iason Keramidis und dem Cellisten Benedict Klöckner.

Musik: Clara Schumann, Klavier-Trio g-Moll op.17

Ragna Schirmer - Madame Schumann
Mit Werken von Fanny Hensel, Clara und Robert Schumann, Frédéric Chopin und Ludwig van Beethoven
Berlin Calssics/ EAN: 885470011943

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