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StartseiteForschung aktuellKooperativer Schutz18.01.2013

Kooperativer Schutz

Darmbewohner helfen bei Autoimmunkrankheiten

Medizin. - Autoimmunerkrankungen sind Krankheiten, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper angreift. Dazu zählen schwere chronische Krankheiten wie Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis und Diabetes-I – der so genannte Jugend-Diabetes. Diese Krankheiten treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern. Forscher aus Kanada und Deutschland haben nun entdeckt, dass Bakterien im Darm vor diesen Autoimmunkrankheiten schützen. Ihre Versuche beschreiben sie heute in "Science".

Von Michael Lange

Den Gang ins Krankenhaus könnte Autoimmunerkrankten vielleicht eine Darmflora-Behandlung in der Jugend ersparen. (Stock.XCHNG / Carin Araujo)
Den Gang ins Krankenhaus könnte Autoimmunerkrankten vielleicht eine Darmflora-Behandlung in der Jugend ersparen. (Stock.XCHNG / Carin Araujo)
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Gelenkrheumatismus, Multiple Sklerose oder auch Diabetes-I, der so genannte Jugend-Diabetes, sind typische Auto-Immunkrankheiten. Das Abwehrsystem bekämpft nicht nur Krankheitserreger sondern die eigenen Zellen des Körpers. Frauen tragen ein erhöhtes Risiko an Auto-Immunkrankheiten zu erkranken. Das gilt auch für ein Maus-Modell für Diabetes-I. Während männliche Mäuse zu 25 Prozent an Diabetes-I erkranken, sind es bei den weiblichen Mäusen 85 Prozent. Auf der Suche nach den Ursachen haben Forscher um Jayne Danska von der Universität Toronto Mäuse untersucht, die keine Bakterien in ihrem Darm hatten. Sie trugen alle das gleiche hohe Risiko, an Diabetes-I zu erkranken. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen männlichen und weiblichen Tieren. In weiteren Versuchen tauschten Jayne Danska und ihr Team den Darminhalt der Tiere aus.

"Wenn wir die Bakterien aus dem Darm männlicher Mäuse in junge Weibchen überführten, waren die weiblichen Tiere ebenso gut geschützt wie die Männchen. Als Folge dieser Bakterienüberführung stieg der Testosteron-Spiegel in den weiblichen Tieren an. Wir schließen daraus, dass der erhöhte Testosteronspiegel die Tiere vor Diabetes-I schützt."

Um die Zusammenarbeit der Darmbewohner mit den Zellen des Wirtes genauer zu erforschen, arbeiteten die kanadischen Forscher mit Wissenschaftlern vom Umweltforschungszentrum in Leipzig zusammen. Das Team um Martin von Bergen hatte die Aufgabe, die einzelnen Stoffwechselprodukte in der Bakteriengemeinschaft und im Blut der Mäuse genau zu untersuchen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Gallensäure.

"Der menschliche Körper produziert zwar Gallensäuren, kann aber bestimmte Produkte aus diesen nicht selber bilden, sondern ist dafür auf die enzymatische Aktivität von Darmbakterien angewiesen. Danach werden die Produkte der Darmbakterien an den Körper abgegeben, so dass dann die weitere Synthese erfolgen kann."

Darmbakterien und Körperzellen arbeiten also zusammen beim Aufbau des männlichen Sexualhormons Testosteron – und bilden eine Art Schutz vor Auto-Immunerkrankungen. Wie das genau abläuft, ist noch unklar, erklärt Martin von Bergen.

"Diese Bildung von Testosteron führt entweder direkt oder indirekt zur Änderung des Stoffwechsels der Mäuse und zu einer Verminderung der Gefährdung durch Typ-I-Diabetes."

Das zeigt: Darmbakterien schützen die Versuchstiere vor der Erkrankung Diabetes-I. Das gilt zunächst aber nur für das Mausmodell. Jayne Danska und ihr Team in Toronto wollen diesen Zusammenhang nun auch beim Menschen untersuchen. Ihr Ziel: Durch eine gezielte Veränderung der Darmflora in frühester Kindheit könnten Mädchen vor Autoimmunerkrankungen besser geschützt werden.

"Die Bakterien bilden eine Gemeinschaft im Darm. Und wenn wir die verbessern können, können wir die Kinder vor vielen Krankheiten bewahren – auch vor Auto-Immunkrankheiten. Das ist auf jeden Fall besser als die dauerhafte Verabreichung von Hormonen."

Für Jayne Danska steht fest: Die richtigen Bakterien im Darm können vor bestimmten Krankheiten schützen. Zunächst aber müssen die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Bakterien genauer untersucht werden.

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