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StartseiteEuropa heuteDie Entschleierung in der Türkei18.02.2019

Kopftuch-DebatteDie Entschleierung in der Türkei

Etwa zwei von drei Frauen in der Türkei tragen heute ein Kopftuch. Doch die Zahl der Kopftuchträgerinnen sinkt - auch dank der Sozialen Netzwerke, die Gleichgesinnte zusammenbringen. Unter dem Hashtag #TenYearChallenge bekennen sich Frauen öffentlich dazu, das Kopftuch abgelegt zu haben, und twittern Vorher-Nachher-Fotos von sich - mit und ohne Kopftuch.

Von Susanne Güsten

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Eine Schülerin mit Kopftuch aus der Türkei meldet sich im Unterricht am 10.06.2013 in Oberhausen (Nordrhein-Westfalen)  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Umkämpftes Stück Stoff: In der Türkei sinkt die Zahl der Kopftuchträgerinnen (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Büsra Cebeci war 19 Jahre alt und Studentin, als sie beschloss, das Kopftuch abzulegen. Es war eine der schwersten Entscheidungen ihres Lebens, sagt sie, und zwar wegen ihrer Familie:

"Mein Vater hat lange Zeit nicht mehr mit mir gesprochen, und meine Mutter hat gesagt, dass sie sich schäme, mit mir gesehen zu werden. Meine Eltern sind bis heute tieftraurig, weil sie überzeugt sind, dass ihre Tochter in der Hölle schmoren muss."

An der Universität im konservativen Konya hatte Cebeci dagegen keine Probleme. Denn nicht der Staat erlegt türkischen Frauen das Kopftuch auf, sondern die Gesellschaft – zwei Drittel aller türkischen Frauen trugen das Kopftuch schon lange, bevor die fromm-konservative AKP an die Regierung kam. Entscheidende Instanz ist dabei die Familie, sagt Büsra Cebeci:

"Die Familie ist ja so etwas wie ein Staat im Kleinen, und sie hat eine noch viel größere Sanktionsmacht als der Staat. Wenn Frauen ihr Kopftuch ablegen wollen, dann bekommen sie es erst einmal mit ihren Vätern, Brüdern oder Ehemännern zu tun, die das verhindern wollen. Das kann Schläge bedeuten oder sogar Folter."

Patriarchalische Strukturen

Ein weitgehend unerforschtes Thema ist das bisher in der Türkei, weil der Kampf hinter geschlossenen Türen im Familienkreis geführt wird. Büsra Cebeci, heute 25 Jahre alt, hat als Journalistin dazu recherchiert und viele Frauen interviewt, die das Kopftuch abgelegt haben. Die Motivationen sind unterschiedlich, sagt sie:

"Bei den jüngeren Frauen und Mädchen geht es meist darum, dass sie anders leben wollen. Sie wollen vielleicht Sport treiben oder Theater spielen, oder sie fühlen sich ohne Kopftuch einfach schöner; sie wollen vielleicht nur eine Fönfrisur - so kleine Anlässe können das sein."

Ältere Frauen haben oft eher politische Gründe, hat Büsra Cebeci festgestellt:

"Ich kenne Frauen, die das Kopftuch abgelegt haben, weil sie nicht mit der AKP einverstanden sind und nicht mit ihr identifiziert werden wollen. Ich habe auch mit Frauen gesprochen, die in den 90er Jahren für das Recht gekämpft haben, das Kopftuch tragen zu dürfen, und die es nun ablegen, weil sie vom politischen Islam und seinen Vertretern enttäuscht sind."

Vor allem hätten Frauen es satt, in eine Schublade gesteckt zu werden, sagt Büsra Cebeci:

"Solange du ein Kopftuch trägst, ist für jeden klar: Du wählst die AKP, du trinkst keinen Alkohol und hast keinen Sex – es ist völlig klar, wer du bist. Die Frauen wollen nicht mit solchen Vorurteilen gesehen werden, und sie wollen auch nicht von der Regierungsseite vereinnahmt werden."

Anteil der Kopftuchträgerinnen sinkt

Diese Vorurteile waren auch der Grund, warum Büsra Cebeci vor sechs Jahren entschied, das Kopftuch abzulegen - und warum sie jetzt bei der Twitter-Kampagne mitmachte und ihre Fotos ins Netz stellte. Die Teilnehmerinnen ernten dafür auch viel Kritik. Männliche Twitter-Nutzer halten ihnen gerne vor, sie hätten mit Kopftuch besser und sittlicher ausgesehen. Verbittert reagierte eine Regierungsberaterin, der in den 80er Jahren das Universitätsdiplom verweigert worden war, weil sie Kopftuch trug. Mit Freiheit habe diese Kampagne nichts zu tun, schrieb sie.

Der Anteil der Kopftuchträgerinnen in der Türkei ist laut dem Meinungsforschungsinstitut Konda im letzten Jahrzehnt von 66 Prozent auf 63 Prozent zurückgegangen, doch eine Massenbewegung ist das nicht, im Gegenteil: Es würden sich heute wieder mehr junge Frauen verschleiern, glaubt Büsra Cebeci, weil das von der AKP-Regierung in Schulen und Staat gefördert werde. Neu ist ihrer Ansicht nach aber die Solidarität unter den betroffenen Frauen, die erst durch die sozialen Medien möglich geworden ist:

"Seit ich dazu forsche und veröffentliche, bekomme ich Briefe von Frauen, die sagen: Ich dachte, ich wäre alleine damit. Ich wusste nicht, dass es auch andere Frauen gibt, die das durchmachen."

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