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StartseiteKultur heuteKoptische Christen in Ägypten16.10.2011

Koptische Christen in Ägypten

Die Dokumentarfilmerin Amal Ramsis über die kulturellen und politischen Ursachen des aktuellen Konflikts

Nach dem Sturz Hosni Mubaraks in Ägypten, gab es Ausschreitungen gegen koptische Christen. Die Demonstration der Kopten gegen die Angriffe beantwortete das Militär mit Panzerwagen. Die koptische Dokumentarfilmerin Amal Ramsis beschreibt wie sich ägyptische Künstler in diesem Spannungsfeld verhalten.

Von Michael Briefs

Ein koptischer Christ bei einer Demonstration in Kairo (picture alliance / dpa / Arved Gintenreiter)
Ein koptischer Christ bei einer Demonstration in Kairo (picture alliance / dpa / Arved Gintenreiter)
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Kopten fühlen sich im Stich gelassen

Acht Monate nach dem Sturz des autoritären ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, dem glücklichsten Tag für die Ägypter, ist mit dem "Blutsonntag" von letzter Woche mit 25 Toten in Kairo die Hölle ausgebrochen. Die Dokumentarfilmerin Amal Ramsis, die wie Millionen ihrer Landsleute auch auf dem Tahrir-Platz die ägyptische Revolution euphorisch gefeiert hatte, sieht das Land heute an einem kritischen Punkt:

"Das war sehr gefährlich, was sich jetzt zwischen Christen und Muslimen abgespielt hat. Auf unseren Freitagskundgebungen sind wir zunächst alle Ägypter. Andererseits nimmt man uns wieder als zwei feindliche konfessionelle Lager wahr. Zweifellos gibt es Probleme. Schuld daran sind aber die katastrophalen Lebensverhältnisse. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. In Kairo fällt ständig der Strom aus und oft fließt kein Wasser aus den Leitungen. Reformen sind längst überfällig. Stattdessen Tausende willkürliche Verhaftungen und schnelle Verurteilung durch Militärgerichte. Vor allem in den Dörfern, dort wo die Analphabetenrate hoch ist, schüren die Leute des Ex-Regimes immer wieder gewaltsame Konflikte unter Christen und Muslimen."

Anschläge auf Kirchen und offene Gewaltanwendung gegen Kopten sind in den letzten Jahren immer wieder vorgekommen. Die Gründe für religiös motivierte Menschenrechtsverletzungen variieren. Mal sind es nicht genehmigte Kirchenneubauten,mal ist es die Diskussion darüber, ob Nichtmuslime den Namen Allah benutzen dürfen. Die Eskalation der Gewalt folgt einem bekannten Muster. Die Suche nach den Verantwortlichen für die blutige Straßenschlacht vor einer Woche ist vielen zu lax. Es zeigen sich bereits erste Risse in der vom Militärrat getragenen Übergangsregierung. Der angesehene Wirtschaftsexperte und eher liberale Finanzminister Hazem al-Beblawi trat unter Protest von seinem Amt zurück. Amal Ramsis:

"Zum Glück ist die muslimische Bevölkerung sofort zu Tausenden auf die Straße gegangen, um ihre Solidarität mit den Christen zu zeigen und gegen den Militärrat zu demonstrieren. Vor allem im Süden des Landes, wo es immer wieder zu Unruhen kommt. Anscheinend wollen die Militärs die Wahlen Ende November torpedieren. Dazu provozieren sie Konflikte zwischen Christen und Muslimen."

In Ägypten machen koptische Christen laut Schätzungen circa acht Prozent der über 80 Millionen Einwohner aus. Koptische Politiker sprechen manchmal von der doppelten Zahl. Dieses Feilschen um Prozentzahlen dokumentiert aber auch, welchen Einfluss Kopten in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat nehmen. 1981 kam es in Kairo zwischen Muslimen und Christen zu schweren Zusammenstößen. Strafmaßnahmen gegen beide Seiten waren die Folge. Eine Reihe religiöser Fanatiker wurde verhaftet. Doch seit Kopten und Muslime Seite an Seite den Alleinherrscher Hosni Mubarrak beseitigt haben, nehmen die tödlichen Krawalle zu.

"Im Januar gab es einen großen Skandal, als nach der Besetzung des Innenministeriums Demonstranten die Geheimpläne für den Bombenanschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria fanden. Vor der Revolution wusste niemand davon."

Drei Wochen vor Ausbruch der Massenproteste gegen das Mubarak-Regime starben bei der Explosion in Alexandria 23 Menschen. Mehr als Hundert wurden verletzt.

"Wie immer versprach die Regierung, die kriminellen Übergriffe rückhaltlos aufzuklären. Für die Ermittler standen die Täter einer islamistischen Palästinensergruppe nahe. Alle waren sehr schockiert. Denn hinter dem Terrorakt steckte in Wahrheit die ägyptische Geheimpolizei."

Drei Monate vor der Revolution vom 25. Januar. Die Dokumentarfilmerin Amal Ramsis ist allein mit ihrer Handkamera unterwegs. Mal zu Fuß, mal versteckt im Fond eines Taxis. Ihre zum Teil verwackelten Bilder zeigen die überall in Ägypten anzutreffenden Polizei-Kontrollen. Lange Reihen grüner Einsatzwagen der Polizei. Schwarz uniformierte Männer, martialisch mit Visierhelm und Maschinenpistolen bewaffnet, haben dort Stellung bezogen. In einer anderen Einstellung zwischen zwei Fahrbahnen - ein endlos langes Spalier stählerner Absperrgitter.

"Die Reaktion des Publikums in Kairo bei der Filmpremiere von "Forbidden" auf diese Szene mit den Absperrgittern hat mich verblüfft. Die Zuschauer hatten die hohen, unüberwindbaren Eisenzäune im Alltag gar nicht mehr bewusst wahrgenommen. Obwohl die Innenstadt voll davon ist. Einige kamen zu mir und mokierten sich sogar, dass ich sie jetzt darauf aufmerksam gemacht habe. Die Existenz dieser Dinger würde sie ja doch stören. Das ist für einen Besucher Kairos natürlich schwer zu verstehen. Für mich ist es eine Form der Selbstzensur bis hin zu der Überzeugung der Ägypter, in einer freien Gesellschaft zu leben, und nicht in einem großen Gefängnis."

Amal Ramis Film führt hautnah vor Augen, wie schwierig das Leben unter Mubarak für die einfachen Leute war. Im Interview mit der Filmerin sieht man Menschen vor der Kamera ihre Angst überwinden, um so wenigsten einen Moment die Illusion von Freiheit erleben zu können. Aktivisten, Blogger, Kreative, aber auch die einfache Haushaltshilfe aus der Nachbarschaft mit Kopftuch erzählen, was sie in ihrem Land nicht sagen, filmen, schreiben und denken dürfen.

Verboten waren: Bücher, Filme, Reisen. Das Austauschen von Gesten der Zärtlichkeit in der Öffentlichkeit, mit Ausländern zu sprechen. Besonders Frauen hatten darunter zu leiden. Thema des Films sind auch die besonderen ägyptisch-israelischen Beziehungen, der 30-jährige Ausnahmezustand und Mubaraks Weigerung, Friedensaktivisten die Grenze bei Rafah zu den palästinensischen Nachbarn passieren zu lassen. Die letzten Bilder der Dokumentation zeigen die aufgestaute Wut, die zum Aufstand gegen das Regime führte.) (den Teil bis hierher könnte man rausnehmen, wir haben ja nur 5'30 Zeit, aber vielleicht schätze ich die Manuskriptlänge auch falsch ein.)

"Im Anschluss an die Premiere in einem Kairoer Kino wurde heftig über den Film diskutiert. Im sozialen Alltag bestehen diese vielen Verbote weiter. Auch Streiks und Demonstrationen sind immer noch verboten. Wer Bücher oder Filme veröffentlichen will, kommt an der Zensurbehörde nicht vorbei. Niemand der sagte, dass die Revolution gesiegt hätte. Das Projekt stehe noch ganz am Anfang und mein Film sei daher auch kein eigentlich historischer Film, sondern einer, der die aktuelle Lage widerspiegelt."

Umso erstaunlicher, dass aus der kreativen Idee von Amal Ramsis ein Dokumentarfilm wurde, der in Ägypten realisiert werden konnte und nicht der allgegenwärtigen Zensur zum Opfer viel.

"Ich musste den Film natürlich auch durch die Zensur bekommen und erhielt erstaunlicherweise die Genehmigung für eine einzige Vorführung. Für eine zweite hätte ich eine neue Erlaubnis gebraucht. Dass es geklappt hat, liegt wohl daran, dass sich die Behörden jetzt auch den Touch von Revolutionären geben wollen. Vielleicht haben sie den Film deshalb akzeptiert, obwohl sie ihn nicht gut finden."

Der Film zeigt auch, wie Tradition und Glaube in Selbstzensur mündet, wenn gleichzeitig die Massenmedien gleichgeschaltet sind und gegenseitiges Misstrauen die Menschen in private Räume verbannt. Amal Ramsis ist ein mutiger, politischer Akt par excellence gelungen. Und sie hatte sicherlich Glück, nicht verhaftet zu werden, als sie auf die Straße ging, um zu dokumentieren, was es an Repression im Land gibt. Welches Signal geht davon für die Künstler und Intellektuellen in Ägypten aus?

"Wir können im Moment nicht von großen Veränderungen für die Literatur oder das Kino sprechen. Aber in den Tagen der Revolution tauchten am Tahrir-Platz Hunderte verbotene Bücher wieder auf. Man konnte sie dort kaufen. Die Leute lasen Bücher auf der Straße, informierten sich über ihre eigene verschüttete Geschichte, hörten auch die Musik von Künstlern wie Sheikh Imam, einen Revolutionsdichter der ersten Stunde. Leider ist er tot und hat die Revolution nicht mehr erleben können. Aber ich habe eines seiner verlorenen Lieder in meinem Film eingesetzt. Das Lied heißt natürlich. "Verboten"."
Im September wurde "Forbidden" am Arabischen Filmfestival in Rotterdam mit dem Golden Eagle Award ausgezeichnet. Aktuell ist Amal Ramsis erneut auf Europa-Tour.

"Im November kommt mein Film nach Deutschland. In einer Fassung mit deutschen Untertiteln und ich bin gespannt auf die Diskussion danach."

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