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StartseiteTag für TagGut integriert in Sachsen01.06.2017

Koptische und andere arabische ChristenGut integriert in Sachsen

Jeder zehnte Ägypter ist koptischer Christ. Mehr als 100 Kopten sind im vergangenen halben Jahr bei islamistischen Terroranschlägen getötet worden. Auch in Deutschland leben koptische Christen - auch in Gegenden, wo es die meisten wohl nicht vermuten: in Sachsen. Und sie fühlen sich wohl in ihren Gemeinden.

Von Astrid Pietrus

Gottesdienst der koptischen St. Georggemeinde (Astrid Pietrus/Deutschlandfunk)
In den koptischen Gottesdienst in sächsischen Gemeinden gehen auch Christen aus anderen nahöstlichen Kirchen (Astrid Pietrus/Deutschlandfunk)
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Zweimal im Monat trifft sich die koptische St. Georggemeinde zum Gottesdienst. Sie ist über ganz Sachsen verstreut. Daher feiert sie die Gottesdienste abwechselnd in Dresden und Leipzig. Eine eigene Kirche haben die Kopten nicht, in Leipzig feiern sie in  der katholischen St. Laurentius Kirche. Rund 100 Menschen nehmen an dem koptischen Gottesdienst teil, darunter auch viele Kinder - und zwei Ordensschwestern.

Durch die Kirche zieht ein Geruch von Weihrauch. Männer und Frauen sitzen getrennt. Fast alle Männer und Jungen tragen liturgische Gewänder und assistieren dem Priester. Rund drei Stunden dauert der Gottesdienst, die Liturgiesprache ist Koptisch, eine Sprache, die inzwischen nahezu ausgestorben ist, sagt Nahrin Zakhary.

"Die koptische Sprache ist die altägyptische Sprache. Die Urägypter haben Koptisch gesprochen, dann nach der Islamisierung kam die arabische Sprache ins Land. Es wird in der koptischen Kirche hauptsächlich Koptisch gebetet, aber damit die Gläubigen auch etwas verstehen, beten sie auch auf Arabisch."

Gottesdienst auf Koptisch, Arabisch und Deutsch

Neben Koptisch und Arabisch sind einige Teile des Gottesdienstes auch auf Deutsch, die Übergänge zwischen den verschiedenen Sprachen sind fließend. Damit jeder immer alles verstehen kann, werden die Lesungen und Gebete auf Koptisch, Arabisch und Deutsch an die Wand projiziert.

Auch deutsche Kopten gibt es in der Gemeinde. Einige sind wegen ihrer ägyptischen Ehepartner zu Mitgliedern geworden, andere sind zufällig zur koptischen Kirche gekommen - wie Philip Wiedemann. Seine Eltern ließen ihn nicht taufen, er sollte seine Religion einmal selbst aussuchen. Während des Studiums begab er sich auf die Suche.

"Ich hab zwar in den anderen Kirchen halt mal so reingeschnuppert, bin zu Gottesdiensten gegangen, war mit in den Gemeinden, hab mir das mal angeschaut, aber es ist irgendwie nie der Funke übergesprungen. Das Quäntchen fehlte einfach, wo ich sagte, ja, das ist es. Aber hier war es dann so."

Vor zwei Jahren ließ er sich schließlich taufen.

"Das ist eine interkulturelle Gemeinde"

Rund 180 Mitglieder hat die koptische Gemeinde in Sachsen inzwischen. Die Ägypter sind meist aus beruflichen Gründen hier, viele sind Ärzte. Manche von ihnen leben schon lange hier, haben Familie und sind fest verwurzelt. Für andere ist Deutschland eine Zwischenstation - wie für diesen Arzt, der seit einem Jahr hier lebt.

"Aktuell ich möchte zurückgehen, weil Terroranschläge können passieren in jeder Zeit in der Welt. Und nach den Terroranschlägen in Ägypten die Christen sind mehr in der Kirche geworden, nicht weniger. Aber wenn ist so viel und ist keine Sicherheit, ich muss überlegen für die Sicherheit für meine Familie und die Kinder."

Andere Christen aus dem Nahen Osten sind vor Krieg oder Verfolgung in ihren Heimatländern geflohen. Auch für sie ist die koptische Gemeinde zum Anlaufpunkt geworden, berichtet Sameh Iskander, einer der Vorstände der Gemeinde.

"Manche kommen aus Syrien, Irak, Sudan, Jordanien, Libanon und jetzt haben wir aus Eritrea. Das heißt, das ist eine gemischte Gemeinde, das ist eine interkulturelle Gemeinde."

Der Erzpriester Girgis El Moharaky bei einem Gottesdienst (Astrid Pietrus/Deutschlandfunk)Der Erzpriester Girgis El Moharaky betreut mehrere Gemeinden in Deutschland und Polen (Astrid Pietrus/Deutschlandfunk)

Linda Najeeb und Ajeeb Emad gehören zu den nicht-koptischen Christen der Gemeinde. Sie ist katholisch, er syrisch-orthodox. Weil sie sich als Christen im Irak diskriminiert sahen, sind sie vor 17 Jahren mit ihren beiden Kindern geflohen. Trotz der Sprachschwierigkeiten fanden sie in deutschen Kirchen eine geistliche Heimat - und noch mehr.

"Durch die katholische Kirche ich habe viel mehr Kontakt mit Leuten, und ich hab mich gefühlt so richtig integriert mit meiner Familie. Mein Sohn und meine Tochter haben beide in der katholischen Kirche auch Messdiener gemacht."

Die Gemeinde organisierte für ihre Familie einen Deutschunterricht, denn einen staatlichen Integrationskurs gab es damals für sie nicht. In dieser Zeit wurde ihnen auch die koptische Gemeinde zur Heimat.

"Die beide für mich waren wichtig: der deutsche Gottesdienst, katholisch, und der orthodoxe. Weil orthodoxe war auf Arabisch und katholisch, weil ich bin katholisch. Und das war die gleiche Tradition wie bei der katholischen Kirche im Irak. Ich weiß, was passiert, aber ich habe nicht alles verstanden."

"Ich möchte für meine Kinder auch, dass sie wissen ein bisschen mit arabischer Sprache: Was ist unsere Bibel? Was ist unser Christentum?"

Gemeinsames Beten im Internet

In Ägypten spielt die Kirche eine große Rolle, viele gehen mehrmals in der Woche in den Gottesdienst. In Deutschland ist es schwierig für die weit verstreute Gemeinde, die nur alle 14 Tage Gottesdienst feiert. Um einen ähnlich engen Kontakt wie in der Heimat zu halten, nutzen sie moderne Kommunikationsmittel - wie Skype.

Dreimal in der Woche treffen sie sich im Internet zum gemeinsamen Gebet, auf Deutsch und auch auf Arabisch und zum Üben der Hymnen.

Erzpriester Girgis El Moharaky betreut mehrere Gemeinden, bis nach Warschau muss er reisen. Er lebt in Berlin.

"Mein Telefon ist 24 Stunden an und viele Leute rufen mich an und sprechen mit mir."

Die Kirchen nähern sich an

Der Besuch von Papst Franziskus in Ägypten vor wenigen Wochen ist für die koptische St. Georg-Gemeinde ein wichtiges Thema. Sie finden: Franziskus und der koptische Papst Tawadros II. hätten ein bedeutendes Zeichen der Annäherung zwischen den Kirchen gesetzt. Künftig erkennen sie die Taufe gegenseitig an. Sameh Iskander:

"Dieser Besuch ist für uns wichtig, besonders weil wir auch im Ausland leben. Dann haben wir die katholische Kirche und evangelische Kirche mehr nah. Und wir freuen uns immer über diese Begegnung und diese Nähe."

Gottesdienst der koptischen St. Georggemeinde (Astrid Pietrus/Deutschlandfunk)Gottesdienst der koptischen St. Georggemeinde (Astrid Pietrus/Deutschlandfunk)

Für die meisten Christen aus dem Nahen Osten ist die Annäherung zwischen den Kirchen Alltag, fast alle besuchen neben der koptischen Gemeinde auch deutsche. Der 14-jährige Bedek Farho fühlt sich gleich zu sechs Kirchen hingezogen. Er kommt aus Syrien und ist eigentlich armenisch-katholisch. Eine solche Gemeinde gibt es aber in Sachsen nicht, daher besucht er die Gemeinden der anderen drei Nahostkirchen in Leipzig: die koptische sowie die syrisch-orthodoxe und die römisch-orthodoxe. Und er engagiert sich in deutschen Kirchengemeinden.

"Wir haben hier zwei Gemeinden, die evangelische und die katholische. Und da gehe ich erst mal zur katholischen, weil ich dort mehr Freunde habe. Nach der Kommunion gehe ich sofort in die evangelische, da mache ich weiter. Weil ich habe in beiden Kirchen Freunde und ich kann da nicht jemand lassen, weil einer ist dann traurig und der andere sagt: Warum kommst du nicht? Und da gehe ich halt gemischt. Ich meine, es gibt nur einen Gott und eine Kirche."

Daher wünscht sich Sameh Iskander, dass sich die Kirchen auch auf einen gemeinsamen Kalender einigen.

"Weil wir darunter leiden, wenn wir Ostern oder Weihnachten feiern wollen, dann immer zu einem unterschiedlichem Datum."

Das Zusammentreffen der beiden Päpste war ein wichtiger Schritt auf einem langen Weg zur Einheit der Kirche. Davon sind die sächsischen Kopten überzeugt.

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