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StartseiteInterview"Für die Koreaner ist das weit mehr als reine Symbolik"28.04.2018

Korea-Gipfel"Für die Koreaner ist das weit mehr als reine Symbolik"

Das Gipfeltreffen zwischen Südkoreas Präsident Moon Jae-in und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un sei von "höchster Emotionalität" für die Koreaner, sagte der Korea-Experte Eric Ballbach im Dlf. Die gemeinsame Abschlusserklärung habe die Erwartungen noch übertroffen.

Eric Ballbach im Gespräch mit Peter Sawicki

Südkoreas Präsident Moon Jae In (r) und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un schütteln einenader die Hände in der entmilitarisierten Zone von Panmunjeom (picture alliance /dpa /MAXPPP)
Man habe den Eindruck gehabt, dass sich Kim Jong-un und Moon Jae-in gut verstünden, sagte der Korea-Experte Eric Ballbach im Dlf (picture alliance /dpa /MAXPPP)
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Peter Sawicki: Dass es ein historisches Treffen in Panmunjom werden würde, das war schon vorher klar. Zum ersten Mal seit über sechs Jahrzehnten betrat gestern mit Kim Jong-un wieder ein nordkoreanischer Machthaber das Gebiet des südlichen Nachbarn. Und auch das Ergebnis der Gespräche zwischen Kim und Moon Jae-in, dem Präsidenten Südkoreas, dürfte die Erwartungen vieler Beobachter deutlich übertreffen. Unter anderem soll noch in diesem Jahr aus dem Waffenstillstand ein Friedensabkommen und die Halbinsel auf Dauer atomwaffenfrei werden. Wie weit ist aber der Weg bis dahin? Das fragen wir jetzt Eric Ballbach vom Institut für Koreastudien an der Freien Universität Berlin. Schönen guten Morgen!

Eric Ballbach: Guten Morgen!

Sawicki: Beginnt in Korea eine neue Ära?

Ballbach: Mit dem gestrigen Gipfel wurde ein sehr wichtiger Schritt getan. Der Weg zum Ziel, wie auch immer dieses Ziel genau aussehen wird, ist sicherlich ein sehr langer, aber es ist ein sehr wichtiges Gipfeltreffen gewesen, das wir da beobachtet haben. Und man kann schon sagen, dass gerade die Abschlusserklärung doch einige Erwartungen übertroffen hat. Nicht nur wurde die komplette Denuklearisierung als Ziel genannt und eben auch mit der konkreten Unterschrift von Kim Jong-un versehen, sondern es wurden sehr viele innerkoreanische Maßnahmen angesprochen, die ich sehr interessant finde, wie beispielsweise die Eröffnung eines Verbindungsbüros.

Sawicki: Was ist der wichtigste Punkt der Erklärung?

Ballbach: Wir müssten eigentlich zwei Dinge voneinander unterscheiden. Das ist einmal die Problemlage der Denuklearisierung. Hier wie gesagt, war es bedeutsam, dass es endlich auch ein öffentliches Bekenntnis sozusagen direkt von Kim Jong-un gab. Wir haben ja vorherige Meldungen immer nur über Dritte gehört, aber eben noch nicht aus den nordkoreanischen Medien oder gar von Kim Jong-un persönlich. Also, dass die Denuklearisierung hier überhaupt genannt wird, auch wenn die USA direkt involviert werden müssen in diesem Prozess, ist es trotzdem bedeutsam.

Und die zweite Ebene ist eben die innerkoreanische Ebene. Und hier ist es sicherlich sehr wichtig gewesen, die Frage einer langfristigen Friedensordnung auf der koreanischen Halbinsel aufzuwerfen, denn das ist ein wichtiger Punkt, ohne den sich auch die Denuklearisierung am Ende nicht erreichen lässt. Aber ein Punkt, den nordkoreanische Machthaber eben nicht als ein innerkoreanisches Problem definiert hatten.

"China und die USA werden auf die eine oder andere Weise auch in diesen Prozess involviert werden müssen"

Sawicki: Ein Friedensvertrag, ein Friedensabkommen soll ja noch bis Ende dieses Jahres abgeschlossen werden. Ist das realistisch aus Ihrer Sicht?

Ballbach: Das ist schon sehr ambitioniert, denn die Verabschiedung eines Friedensvertrags auf der koreanischen Halbinsel beinhaltet am Ende eben nicht nur Nord- und Südkorea. Man muss ja rein technisch gesehen das so betrachten, dass wir ein Waffenstillstandsabkommen haben von 1953, das jetzt in einen Friedensvertrag überführt werden muss oder umgewandelt werden muss. Und die Unterzeichner dieses Waffenstillstandsabkommens waren eben nicht Nord- und Südkorea. Das heißt, China und die USA werden auf die eine oder andere Weise auch in diesen Prozess involviert werden müssen.

Sawicki: Also man ist abhängig trotzdem noch von äußeren Akteuren?

Ballbach: Die Abhängigkeit ist sicherlich da, aber das kennen wir ja auch aus dem deutschen Beispiel, dass eine Wiedervereinigung mit einem solchen systemischen Unterschied im Hintergrund eben am Ende auch immer regionalpolitisch eingebunden werden muss, ja.

Sawicki: Ein weiterer Punkt besagt ja auch, dass Feindseligkeiten, ich zitiere, "zu Land, zu Wasser und in der Luft" eingestellt werden. Heißt das, dass die Militärübungen von Südkorea mit den USA damit ein Ende finden?

Ballbach: Das wird die große Frage sein. Bezieht sich diese Meldung eben nur auf Nordkorea, dass Nordkorea seine Testaktivitäten beispielsweise einstellen soll oder auch dauerhaft einstellen wird, oder bezieht sich das auf die USA? Ich denke nicht, dass ein solcher Schritt wie Einstellung von gemeinsamen Militärübungen im Voraus mit den USA so konkret besprochen wurde.

Sawicki: Also hat man das auch bewusst so ein bisschen vage gehalten an der Stelle?

Ballbach: Sicherlich. Das war ja immer ein Problem auch vieler Abkommen mit Nordkorea, dass diese vagen Formulierungen am Ende auch durchaus problematisch waren, weil sie eben auch zu unterschiedlichen Definitionen im Nachgang dieser Abkommen führen können. Aber nichtsdestotrotz dürfen wir die Bedeutung dieses Gipfeltreffens und eben auch dieses Abkommens gerade für die innerkoreanische Ebene – müssen wir wertschätzen. Und hier sehen wir viele Punkte, die sehr interessant sind, zum Beispiel, dass eben die großen Ziele, der Friedensvertrag und die Denuklearisierung unterfüttert wurden mit kleinen, erreichbaren, machbaren, auch weniger sensiblen Schritten wie beispielsweise dem Kulturaustausch, gemeinsamen Forschungsaktivitäten oder eben auch die Wiederaufnahme von Familienzusammenführungen.

"Es hat wirklich auch konkrete Ergebnisse gegeben"

Sawicki: Wie wichtig ist das ganz speziell für die Koreaner?

Ballbach: Für die Koreaner ist das weit mehr als reine Symbolik. Das hat eine höchste Emotionalität, und ich muss auch gestehen, selbst für uns nicht koreanische Beobachter war es ein sehr emotionaler Tag gestern. Das zu sehen, dieses Symbolkraft, die von den Bildern ausgeht, ist für Koreaner sicherlich noch mal auf einem ganz anderen Niveau. Aber wir dürfen das Ganze nicht auf die Symbolik runterbrechen. Es hat wirklich auch konkrete Ergebnisse gegeben.

Sawicki: Lassen Sie uns trotzdem noch mal kurz bei der Symbolik bleiben, weil die ja auch geschaffen wurde sozusagen von den Akteuren, diese Bilder, die Herzlichkeit, das Händehalten der beiden Staatspräsidenten beziehungsweise des Machthabers. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht das persönliche Verhältnis zwischen Moon und Kim?

Ballbach: Am Ende sind das zwei sehr bedeutende Persönlichkeiten, und gerade in einem totalitären System wie Nordkorea ist der Führer am Ende eben auch die höchste Entscheidungsgewalt, und insofern ist dieser Kontext, dieser emotionale Kontext sehr wichtig, und ich denke, dass da Moon Jae-in sich eben sehr geschickt auch angestellt hat, als er die nordkoreanische Delegation während der Olympischen Spiele empfangen hat. Das hat sicherlich in Nordkorea auch Eindruck gemacht, wie diese Delegation eben in Südkorea aufgenommen und behandelt wurde, und das ist im ostasiatischen Kontext jetzt sozusagen auch der Schritt, den Kim Jong-un jetzt gemacht hat, auch eine Reaktion darauf. Und ich denke, es war sehr durchgeplant, sehr durchchoreografiert, dieses Treffen, aber es gab immer wieder kleine Momente, in denen das Protokoll eben gebrochen wurde. Und hier hat man gesehen, dass es scheinbar wirklich eine gute Verständigung der beiden gab.

Sawicki: Haben Sie das Gefühl, dass die sich auch persönlich gut verstehen?

Ballbach: Es hat zumindest den Eindruck gemacht. Wenn man die Bilder im Anschluss gesehen hat und die Aufnahmen beispielsweise von dem Bankett, dem gemeinsamen Abendessen, zu dem ja auch erstmals die First Ladies der beiden Präsidenten beziehungsweise des Machthabers Nordkoreas versammelt waren. Das spricht Bände, ja.

"Das erfordert natürlich ein äußerstes Maß an politischem Willen"

Sawicki: Wie zuverlässig ist eigentlich Kim Jong-un, wenn es um die weitere Ausarbeitung oder Umsetzung der beschlossenen Punkte geht?

Ballbach: Das lässt sich jetzt natürlich schwer sagen. Der Prozess, der jetzt in Gang kommt, wird weitaus wichtiger werden noch als das Abkommen, das jetzt erzielt wurde. Es muss jetzt gelingen, einen langfristigen diplomatischen Prozess in Gang zu bringen, der eventuell auch über die gegenwärtigen Administrationen hinaus aufrechterhalten werden muss. Das erfordert natürlich ein äußerstes Maß an politischem Willen, an Handlungsfähigkeit, aber eben auch an enger Kooperation zwischen den beteiligten Akteuren. Insofern wird sich das zeigen, wie zuverlässig das Ganze ist. Aber es war ein sehr wichtiger Schritt, dass Kim Jong-un zumindest diese Dinge auf den Verhandlungstisch gelegt hat. Ob all diese Schritte am Ende verhandelt werden, ob sie überhaupt verhandelbar sind, einzelne Maßnahmen davon, das wird sich zeigen. Aber manche Punkte liegen tatsächlich überhaupt zum ersten Mal auf dem Verhandlungstisch.

Sawicki: Der Korea-Experte von der Freien Universität Berlin, Eric Ballbach, heute Morgen bei uns im Deutschlandfunk. Wir haben das Interview kurz vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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