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StartseiteKultur heuteKorrektur im Namen der political correctness31.03.2005

Korrektur im Namen der political correctness

Interview mit Achim Hubel vom Lehrstuhl für Denkmalpflege in Bamberg

Am Regensburger Dom befindet sich eine Skulptur, die, wenn sie heute angefertigt werden würde, zu Recht staatsanwaltliche Ermittlungen auslösen würde. Die Steinplastik zeigt ein Schwein, an dessen Zitzen Juden saugen. Volkstümlich heißt das Ding die Judensau. Eine Hinweistafel soll den Streit um die antisemitische Skulptur nun entschärfen.

Moderation: Burkhard Müller-Ullrich

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Burkhard Müller-Ullrich: Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass die hartnäckigsten Streitereien um Mahnmahle ausgetragen werden. Die Sache, um die es geht, liegt in der Vergangenheit und nur die Formen der Erinnerung daran sind strittig. Sehr weit in der Vergangenheit liegt zum Beispiel das 14. Jahrhundert und es ist ein bisschen lächerlich, dass kunsthistorischen Relikte aus jener Zeit jetzt einer politischen Moralitätsprüfung nach heutigen Maßstäben unterzogen werden sollen.

Am Regensburger Dom befindet sich eine Skulptur, die, wenn sie heute angefertigt werden würde, zu Recht staatsanwaltliche Ermittlungen auslösen würde. Die Steinplastik zeigt ein Schwein, an dessen Zitzen Juden saugen. Volkstümlich heißt das Ding die Judensau. Eine Hinweistafel soll den Streit um die antisemitische Skulptur nun entschärfen. Manche sind mit den Tafeln zufrieden, anderen aber geht der Text nicht weit genug, weil er nicht auf die bis heute spürbaren Folgen des mittelalterlichen Antisemitismus eingeht. Am Telefon ist jetzt Professor Achim Hubel, er ist Inhaber des Lehrstuhls für Denkmalpflege an der Universität Bamberg. Herr Hubel, was meinten denn die mittelalterlichen Künstler mit diesem widerlichen Werk?

Achim Hubel: Sie meinten sicherlich, dass das Judentum damit verunglimpft werden soll. Das spielt ja auf die Sage von Romulus und Remus an, wo eine Wölfin die Gründer Roms säugt und das wird eben verballhornt dadurch, dass ein Schwein dargestellt wird, für die Juden ein besonders negatives Tier. Und die Juden saugen eben die Milch des Schweins ein und nehmen die Falschlehre an. Und da ist eben ein antithetischer Wiederspruch, der eben zu Ungunsten des Judentums ausgeht.

Burkhard Müller-Ullrich: Solche Skulpturen waren aber Gang und Gebe. Der Regensburger Fall ist keineswegs der einzige.

Hubel: Ja, es gibt eine ganze Reihe von Skulpturen dieser Art. Es gibt überhaupt Verunglimpfungen und Spott aller Art an den Kathedralen und in der ganzen christlichen Ikonografie des Mittelalters. Das ist nichts besonderes.

Müller-Ullrich: Und wo kam das her? Also die Juden lebten ja seit den Kreuzzügen ständig in Schrecken vor Pogromen.

Hubel: Ja, es geht im Grunde an den Verlauf des 13. Jahrhunderts mit einer zunehmend antisemitischen Tendenz, wo man das alte Testament, dass ja durch die Synagoge verkörpert wird und das früher ganz wertfrei gesehen wurde, dann zunehmend ins Negative interpretiert und im 14. Jahrhundert wird das Ganze noch einmal verstärkt. Schlimm wird es dann letztlich mit der Pest ab 1348, weil man da diese schlimme Seuche letztlich auch den Juden in die Schuhe geschoben hat und sie als Schuldige ausgemacht hat und da eben der Zorn des Volkes sich entlud.

Müller-Ullrich: Und das war genau die Zeit, in der diese Skulptur in Regensburg auch entstand?

Hubel: Ja, wobei man aber auch sagen muss, in Regensburg hat das gar keine Auswirkungen gehabt, denn in Regensburg hat man mit den Juden sehr gut und sehr friedlich zusammengelebt und erst 180 Jahre später hat man sie vertrieben. Das war dann aber auch nicht die Kirche, sondern eher die Stadt und da hat man auch ganz bewusst sich der Juden entledigt, weil auch viele Gläubiger unter den Juden waren und die Regensburger Bürger viele Schulden hatten und das alles ganz praktisch war, sich der Juden zu entledigen.

Müller-Ullrich: Diejenigen, die jetzt solche relativierenden und distanzierenden Täfelchen anbringen wollen, thematisieren ja im Grunde unser Verhältnis zur Geschichte. Was würden Sie als Kunstgeschichtler denn sagen? Haben diese Werke noch eine solche Strahlkraft, dass man sich sozusagen ihrem direkten Wirkungsmechanismus irgendwie erwehren muss? Oder ist das Unsinn mit diesen Distanzierungen?

Hubel: Ich halte wenig davon, dass man nun mit Hilfe solcher Tafeln Vergangenheitsbewältigung betreiben muss. Letztlich müsste man da überall Tafeln anbringen, wenn man bedenkt, was es da alles gibt an Darstellungen. Auch im Regensburger Dom ist gleich an der Westfassade der Tanz ums goldene Kalb dargestellt. Das ist auch eine antisemitische Darstellung, weil da die Juden im Götzendienst gezeigt werden. Das ist nur nicht so drastisch, wie bei der Judensau. Und wenn Sie bedenken, dass am Bamberger Dom am Fürstenportal die Synagoge dargestellt ist und darunter eben ein Jude, der vom Teufel in die Hölle gezerrt wird, dann müsste man da auch sich entschuldigen, aber neben dran ist im Tympanon des Fürstenportals dargestellt, wie ein Papst, ein Bischof und ein König vom Teufel in die Hölle gezerrt werden. Und dann könnte man sagen, müsste man auch sich dafür entschuldigen, dass das Papsttum und das Bischofsamt und das Königtum diffamiert werden. Und es gibt viele Folterszenen im Mittelalter, weil ja die Folter eine gängige Form der Rechtsprechung war und dann müsste man auch sich vorstellen, dass dann Amnesty International kommt und sagt, man müsste da überall eine Tafel anbringen, dass man sich von den Folterszenen distanziert und so geht es weiter und weiter und die vielen Darstellungen, die ansonsten auftauchen, mit den klugen und törichten Jungfrauen, die gläserne Synagoge, die auch immer wieder das Judentum gegen das Christentum ausspielen und wo die Juden dann als diejenigen gezeichnet werden, die in die Hölle kommen. Da müsste man überall Tafeln anbringen und das führt ins Uferlose. Man kann nur umgekehrt dann auch wieder ganz froh sein, dass viele diese Darstellungen gar nicht mehr so verstehen und da nur dann plötzlich empfindlich reagieren, wenn es völlig offenkundig ist, wie bei der Judensau und bei anderen Dingen ist man historisch gar nicht gebildet genug, um das zu begreifen. Und meines Erachtens würde es genügen, bei Führungen und Erklärungen das zu verdeutlichen und das eben auch zu zeigen, was es damals für Vorstellungen gab. Aber doch nicht so, als ob diese Vorstellungen alle bis heute lebendig geblieben wären und als ob man sich heute ständig entschuldigen müsste für das, was im Mittelalter gewesen sei. Da kommt man in die völlig falsche geschichtliche Dimension, meines Erachtens.

Müller-Ullrich: Zumal man auch an jedes Christuskreuz noch eine Tafel hängen könnte, die zum Kampf gegen die Todesstrafe auffordert.

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