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StartseiteEuropa heuteNull Euro reichen nicht aus für die Verkehrswende28.02.2020

Kostenloser ÖPNV in LuxemburgNull Euro reichen nicht aus für die Verkehrswende

Das kleine Luxemburg hat ein großes Problem: zu viele Autos, pro Einwohner mehr als in jedem anderen Land der EU. Damit es weniger Staus gibt, wird Bus- und Bahnfahren ab März kostenlos. Damit allein wird die Verkehrswende aber wohl nicht gelingen.

Von Tonia Koch

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Ab 1. März 2020 sind in ganz Luxemburg Bahn, Bus und Tram für alle Benutzer kostenlos. (www.imago-images.de)
In Luxemburg sind Staus und Baustellen an der Tagesordnung. (www.imago-images.de)
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Egal wo sich Menschen in Luxemburg bewegen, sie benötigen Geduld. "Das Land ist eine einzige Baustelle", sagt Verkehrsminister François Bausch. Aber das müsse das Land ertragen, wenn es nicht am Verkehr ersticken wolle. Dabei gehe es im Moment gar nicht darum, die Zukunft zu planen, sondern darum, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.

Denn über Jahre hat der Ausbau der Verkehrs-Infrastruktur mit dem wirtschaftlichen Wachstum Luxemburgs und dem Zustrom an Menschen nicht Schritt gehalten. Quasi als Versöhnungsgeste, um das Durchhaltevermögen zu stärken, dürfen Fahrgäste deshalb ab Sonntag (01.03.2020) kostenlos Zug, Bus und Trambahn fahren, erläutert der grüne Verkehrsminister: "Man muss den kostenlosen öffentlichen Verkehr als das Sahnehäubchen oben drauf sehen. Es ist nicht die Essenz der Strategie. Die Essenz liegt wirklich im Ausbau der Kapazitäten."

Gratis-Angebot gilt auch für deutsche Pendler

Es sei auch an der Zeit für diese Charmeoffensive der Regierung, findet ein Passant, der sich auf dem Luxemburger Kirchberg zu Fuß durch den Regen kämpft: "Was sie Verkehr nennen hier in Luxemburg, ist einen Katastrophe. Dafür noch Geld zu verlangen, das wäre eine Unverschämtheit. Diese Stadt ist eine einzige Baustelle."

Das Gratis-Angebot richtet sich an alle: an Einheimische, an ausländische Gäste und Touristen sowie an die etwa 200.000 Pendler, die tagtäglich aus Deutschland, Frankreich oder Belgien ins Land strömen. "Wenn sie in Zukunft ein Ticket kaufen von Brüssel nach Luxemburg, dann wird der Luxemburger Teil abgezogen, sie zahlen also nur bis zur Grenze", sagt Verkersminister Bausch.  

Kein Ansturm auf Züge und Busse erwartet 

In der Summe reduzierten sich die Ticketpreise für Grenzpendler dadurch um etwa 40 Prozent, so Bausch. Es sei denn, die Fahrgäste möchten erster Klasse reisen, sagt die Pressesprecherin der luxemburgischen Staatsbahn CFL, Alessandra Nonnweiler: "Es wird nicht das Delta sein, was jetzt für die erste Klasse zu zahlen ist - also der Unterschied zwischen erster und zweiter Klasse. Es wird der volle Preis sein."

Mit einem Ansturm auf Züge und Busse rechnet niemand in Luxemburg. Das hat mehrere Gründe. Zum einen waren die Ticket-Preise bereits bisher unschlagbar billig. Für vier Euro konnte man einen Tag lang Hin- und Zurück durchs ganze Land reisen. Zum anderen fahren Schüler, Studierende und ältere Menschen ohnehin zum Nulltarif und viele Firmen und Institutionen stellten ihren Mitarbeitern Fahrkartenabonnements kostenlos zur Verfügung.

Auch Qualität des ÖPNV soll besser werden

"Ich glaube nicht, dass es eine Frage des Preises ist", sagt ein Passant. Die Gretchenfrage sei vielmehr, ob sich die  Qualität des ÖPNV signifikant verbessern ließe, sonst würden die Menschen das Auto nicht stehen lassen. Das sieht auch Jean-Claude Juchem, der Direktor des Luxemburgischen Automobilclubs, nicht anders: "Was ausschlaggebend ist, ist Komfort, die Flexibilität, die Zuverlässigkeit und die Dauer, wie oft muss man umsteigen. Das ist in Luxemburg leider noch ein Problem."

Der Verkehrsminister arbeitet daran. Er steckt Milliarden in den Ausbau von Schienen und neuen Bahnhöfen, er lässt Park-and-Ride–Plätze an den Grenzen bauen, damit die Pendler in Busse umsteigen. Die Staatsbahn hat über 40 neue Züge geordert, um die Transportkapazitäten zu erhöhen.

Anfälliger Knotenpunkt: Bahnhof Luxemburg-Stadt 

Alle Züge würden über den Sternpunkt Luxemburg-Stadt gelenkt, sagt Bahn-Pressesprecherin Alessandra Nonnweiler: "Alle Züge, über 1000 am Tag, landen hier und gehen auch von hier aus weg. Und wenn einer im Verkehr stecken bleibt, hat das einen Impact auf das ganze Netz." 

Zum Vergleich: Der viel größere Frankfurter Hauptbahnhof bewältigt etwa 1200 An- und Abfahrten pro Tag. Also etwa genauso viel wie das kleine Luxemburg-Stadt. Das zeigt, wie groß die Herausforderungen sind.

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