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StartseiteSonntagsspaziergangPolnisch lernen in der Sprachschule15.02.2015

KrakauPolnisch lernen in der Sprachschule

Kritisch am Polnischen ist nicht nur die Aussprache. Es gibt sieben verschiedene Fälle und auch noch männliche und weibliche Endungen. In Krakau wird der Sprachurlaub dennoch zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Von Jeannette Cwienk

Es ist 8.45 Uhr, der Unterricht läuft seit einer Viertelstunde und ich bin jetzt schon verzweifelt. Denn Magda, unsere junge und sehr dynamische Lehrerin, hat die Frage des Schreckens gestellt: "Wie spät ist es?"

Im Polnischen wird für die Uhrzeit eine Ordnungszahl verwendet. Es ist die erste Stunde, die zweite, die dritte und so weiter. Und wenn es um, nach oder halb ist, hängt man an die Uhrzeit die Endung ej an. Nur bei vor braucht es keine Endung. Aber: An welcher Stelle die Bezeichnungen vor, nach, um oder halb stehen, hängt davon ab, ob es eben vor, nach, um oder halb ist. Die Frage nach der Uhrzeit ist eine echte Frage des Schreckens.

Mittlerweile ist es 9 Uhr – also: o dziewėntej - und ich beschließe: Sollte mich bei meinem Krakau-Aufenthalt jemals jemand nach der Uhrzeit fragen, stelle ich mich einfach stumm.

Zwei Wochen lang bin hier im Sprachurlaub. Das heißt, morgens um 7 Uhr – o siódm-ej - aufstehen – für mich das Gegenteil von Urlaub. Und dann mit der Bahn um zehn vor acht – dziesiėc za ósma – von meiner Unterkunft einmal quer durch die Stadt zur Sprachschule fahren.

Aber die Strecke versöhnt mich mit dieser unchristlichen Uhrzeit. Zuerst geht es über die behäbig fließende, breite Wisla, die Weichsel. Dann ruckelt die Bahn am Kazimierz vorbei, dem jüdischen Viertel.

Hier stehen perfekt restaurierte Häuser neben solchen, an denen seit dem Sozialismus nichts mehr getan wurde, weil die Eigentumsverhältnisse ungeklärt sind. Abgasgrau sind sie und nicht selten bröckelt der Putz. Damit der den Fußgängern nicht auf den Kopf fällt, sind an manchen Netze gespannt. Trotzdem strahlen viele Fassaden noch immer eine Grandezza aus. Und häufig stehen Blumenkästen auf den Fensterbänken. Rot, rosa oder weiße Blüten leuchten vor abgasgrauem Putz.

Kurz Zeit später erhebt sich auf einem Hügel eines der Wahrzeichen Krakaus: der Wawel, das polnische Königsschloss. Dann biegt die Bahn ab, auf den Ring um die stare miasto, die Krakauer Altstadt.

Rund um den Ring erstrecken sich die Planty, ein Grünstreifen mit Parkbänken und Bäumen. Wieder eine Kurve und wir passieren das Dominikaner-Kloster - neugotisch, die Franziskanerkirche - frühgotisch, die St. Anna Kirche - Barock. Insgesamt 13 Kirchen liegen auf meinem Weg. In den meisten gibt es täglich drei Messen und an den Sonntagen sechs. Nach 30 Minuten steige ich aus. Direkt neben der Haltstelle, in einem grauen Wohnhaus, liegt meine Sprachschule.

Nach anderthalb Stunden hat unsere Klasse przerwa - Pause. Meine Mitschüler und ich trinken Kaffee in der kleinen Küche. Warum lernen sie hier polnisch? Ich frage Henryk, einen großgewachsenen blonden Studenten aus Potsdam, Paul, schlohweiß aus Österreich, und Olivier aus Frankreich, mein Alter, also junger Mid-Ager.

Henryk: "Weil ich polnische Wurzeln habe, noch viel Familie dort habe, aber es nie gelernt habe. Und jetzt mir gedacht habe, ok, vielleicht ist es eine gute Idee, das mal anzugehen."
Pawel: "Weil ich in Pension bin und mich geistig nicht zur Ruhe setzen möchte. Und weil Polen viel gemeinsam mit der Geschichte Österreichs hat."
Oliver: "Mein Freundin kommt aus Polen und deswegen lerne ich polnisch."

Mir geht es wie Henryk, auch meine Familie hat Wurzeln in Polen. Meine Mutter und meine Schwestern sprechen Polnisch. Ich aber, als in Deutschland geborenes Nesthäkchen, nicht. Nun will ich versuchen, es nachzuholen. Schließlich habe ich die Sprache ja im Ohr, dachte ich, als ich mich anmeldete. Zwar habe ich es damit ein wenig leichter, als etwa Mechthild aus Berlin.

"Das schwierigste für mich im Moment ist die polnische Aussprache. Die haben unglaublich viele verschiedene Zischlaute ... Es gibt: s, tsch, schtsch, dschitsch und so was alles."

Aber jenseits der Aussprache gibt es noch eine weitere Hürde beim Zugang zur polnischen Sprache. Sie heißt Grammatik. Und die hat es in sich, findet Henryk:

"Also das Schlimmste für mich sind die verschiedenen Fälle. Es gibt ja sieben verschiedene Fälle und ich weiß nie, wann ich was nehmen soll und das ist das größte Problem."

Und in welchem Fall nun ein Wort steht, wird nur durch die Endung klar.

"Das schwierigste ist diese Endungen. Das macht die ganze Bedeutung für ein Wort. Das heißt, so ein Wort kann zehn oder 15 verschiedene Endungen. Es gibt ein System, aber das ist ein polnisches System – also man muss alles lernen."

In diesem System gibt es keine Artikel. Auch das Geschlecht eines Wortes zeigt sich allein in der Endung. Aber damit nicht genug. Wie so oft im Leben machen die Männer weitere Probleme. So hängt bei einem Wort männlichen Geschlechts die Endung im Akkusativ davon ab, ob es als belebt oder unbelebt gilt. Das Auto – samochód – ist unbelebt. Der Karpfen – karp - ist belebt. Was zumindest beim Einkaufen recht skurril anmutet, meint Paul.

"Weil die Fische, die tot sind und gekauft werden, gelten trotzdem als belebt."

Nach drei Stunden Unterricht dreht sich mir der Kopf. Im freiwilligen Zusatzkurs sind heute Zungenbrecher dran, hört sich toll an - aber ich kann nicht mehr. Stattdessen fahre ich in die Altstadt, zum Marktplatz, dem großen Rynek Glówny.

In seiner Mitte stehen die Tuchhallen, ein schönes, lang gezogenes Renaissance-Gebäude mit breiten Arkaden. Im Innern: Touristensouvenirs. Weder Kristallglas noch Bernstein, Tücher, geschnitzte Holzschachteln oder Lederschlappen können mich aufhalten.

Mein Ziel ist die Jadlodajnia u Stasi übersetzt so viel wie Futterstelle bei Stasi - für mich der beste Pierrogen-Laden der ganzen Altstadt.

Es ist voll, laut, Dekoration gibt es keine, nur Tische und Stühle und die Bedienung ist eher wortkarg. Aber die Pierogi, die gefüllten Teigtaschen, sind hervorragend – und günstig. Ich entscheide mich für die mit Fleisch. Richtig, nach Prozse, also nach Bitte, folgt ja Akkusativ. An der Beilage, dem gekochten Sauerkraut, muss ich also noch üben.

Ich beschließe, gleich weiterzuüben und mir auf dem Rynek noch einen Nachtisch zu gönnen. Auf dem Marktplatz fühle ich mich immer ein wenig wie auf einer italienischen Piazza. Hier gibt es keine einzige graue Fassade mehr, dafür viele Touristen, Straßenmusiker, Pferdekutschen, unzählige Tauben, die der Sage nach alle verzauberte Ritter sind und natürlich: drei Kirchen.

Auf einem Turm der Marienkirche spielt zu jeder Stunde ein Trompeter den sogenannten Hejnal. Eine kurze Melodie, die nach einigen Takten plötzlich abbricht. Mit ihr soll vor langer Zeit ein Turmwächter Krakau vor einem Tartaren-Angriff gewarnt haben, bis ihn ein Pfeil der Angreifer traf.

In einem der vielen Cafés bestelle ich einen Tee und den Kuchen, den man in Polen auf keinen Fall verpassen sollte: einen Chiasto ze serem – Käsekuchen. Wörtlich übersetzt: Kuchen mit Käse, wobei der Käse im Instrumental steht. Tee – Herbata - ist in Polen Nationalgetränk. Zu jeder Tag- und Nachtzeit wird hier gerne eine Herbatka, also ein Teechen getrunken. Dinge, die ihnen am Herzen liegen, verkleinern die Polen gerne.

Ich bestelle noch eine Herbatka – prozse Herbatkė, sage ich, diesmal mit korrekter Akkusativ-Endung. Und prüfe, was ich von den Getränken und Speisen auf der Karte so alles kenne. Immerhin: Einiges verstehe ich. Gestärkt von diesem Erfolgserlebnis, Teechen und Käsekuchen mache ich mich auf den Heimweg.

An einem Marktstand sehe ich selbsteingelegte Gurken – Ogurki kiszony. Köstlich und kein Vergleich zu den Dingern im Glas: Ich muss einfach ein paar kaufen. Aber schon bei der Anzahl zwei müsste ich wissen, ob die Gurke männlich oder weiblich ist. Ist sie männlich, heißt es einfach dwa – zwei. Ist sie aber weiblich, müsste ich dwie sagen. Und ab der Zahl 5 ändert bei beiden Geschlechtern erneut die Endung. Ich nehme meine Hände zur Hilfe und kaufe sechs Stück.

Und dann passiert das Gefürchtete: Ein eiliger Mann fragt mich nach der Uhrzeit. Momentschik - Momentchen, stammele ich, starre auf das Ziffernblatt und höre mich selbst sagen: Kwadrans po czwartej – Viertel nach vier. Dzienkuje pani – Danke, die Dame, sagt er und eilt weiter. Bardzo prozse – bitte sehr, sage ich mit einem breiten Grinsen und bin mit allem versöhnt, mit den polnischen Zahlen, dem Akkusativ und selbst dem täglichen frühen Aufstehen. Doch eine gute Idee, das alles hier, finde ich, und denke an die Worte meiner Mitschülerin Mechthild:

"Ich hab am Anfang gedacht: Was mache ich überhaupt hier? Ich sitze in meinen Ferien in der Schule und büffele die Vokabeln. Und dann habe ich gedacht, ich hätte nichts Besseres machen können, als so einen Teil meiner Ferien zu verbringen. Diese Mischung aus Stadtbesuch und Sprachen lernen und Leute treffen ist eine gute Art, zu reisen."

 

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