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StartseiteKommentare und Themen der WocheFührungswillen mit Führungsschwächen10.02.2020

Kramp-Karrenbauers RückzugFührungswillen mit Führungsschwächen

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich auf eine unnötige Machtprobe eingelassen, die sie nicht gewinnen konnte, kommentiert unser Chefkorrespondent Stephan Detjen. Ihr Krisenmanagement habe in mehreren Situationen nicht funktioniert.

Von Stephan Detjen

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Annegret Kramp-Karrenbauer, Bundesvorsitzende der CDU bei der Pressekonferenz zu ihrem Rückzug vom Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur in der CDU Parteizentrale am 10.02.2020 in Berlin Annegret Kramp-Karrenbauer bei PK zu ihrem Rückzug in Berlin *** Annegret Kramp Karrenbauer, Federal Chairwoman of the CDU at the press conference on her withdrawal from party chairmanship and candidacy for chancellor at the CDU party headquarters on 10 02 2020 in Berlin Annegret Kramp Karrenbauer at PK on her withdrawal in Berlin  (Imago)
CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat ihren Rückzug vom Vorsitz der Partei angekündigt. (Imago)
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Annegret Kramp-Karrenbauer ist eine Frau der beherzten Tat. So entschlossen sie nach der letzten Bundestagswahl ihr Amt als Ministerpräsidentin aufgab, um nach der Macht an der Spitze der CDU und dann im Kanzleramt zu greifen, so entschlossen hat sie ihre Ambitionen jetzt fahren lassen. 

Vor zwei Jahren, am 26. Februar 2018,* wurde sie von einem euphorisierten CDU-Parteitag in Berlin mit fast hundertprozentiger Zustimmung zu Generalsekretärin gekürt. Die Partei feierte sie damals als Hoffnungsträgerin für die herandämmernde Nach-Merkel-Ära.

Unnötige Machtprobe

Im Dezember 2018 setzte sie sich in Hamburg nur noch knapp in der Stichwahl gegen Friedrich Merz als neue Parteivorsitzende durch. Es folgte eine Zeit, in der Kramp-Karrenbauer zwar Führungswillen, aber auch Führungsschwächen zeigte. Am Ende hatte sie sich mit der Forderung nach Neuwahlen in Thüringen auf eine unnötige Machtprobe mit der Erfurter Landtagsfraktion eingelassen, die sie nicht gewinnen konnte. So stand sie als Parteivorsitzende auf der Bühne, die einen Machtanspruch behauptet, den sie nicht durchsetzen kann.

Auch Angela Merkel dürfte Kramp-Karrenbauer signalisiert haben, dass ihr Krisenmanagement einmal mehr unglücklich war.

Schon im letzten Dezember hatte Kramp-Karrenbauer erkennen lassen, dass sie sich keine Illusionen über den schwindenden Rückhalt in der Partei machte. Am Ende ihrer Parteitagsrede in Leipzig hatte sie überraschend den Hut in den Ring geworfen und das Ende ihres Vorsitzes offen in den Raum gestellt. Auch das war damals unnötig, denn zumindest in diesem Augenblick war sie unangefochten. Kramp-Karrenbauer hatte sich freiwillig mit dem Rücken an die Wand gestellt. Jetzt sah sie keinen anderen Weg mehr als den Schritt zur Seite, der die Führungsfrage in der CDU in dramatischer Weise auf die Agenda setzt.

Es ist absehbar, dass der Plan angefochten wird

Mit der verbliebenen Autorität, die jetzt allein an der formalen Stellung als Vorsitzende hängt, versucht sie nun, Kontrolle über den Prozess der Neuordnung zu erhalten und ein Abgleiten der Partei in Führungslosigkeit und Chaos zu verhindern. Der Kniff, den sie anwendet, ist die Verknüpfung von Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur. Wenn es nach dem Willen Kramp-Karrenbauers geht, soll zunächst und unter ihrer Leitung über die Kanzlerkandidatur entschieden werden. Daraus soll sich dann anschließend der Parteivorsitz ableiten.

Das würde bedeuten, dass die CSU, die über die gemeinsame Kanzlerkandidatur mitenscheiden muss, faktisch auch über den neuen CDU-Vorsitz mitbestimmt. Schon jetzt ist absehbar, dass dieses Verfahren angefochten wird. Erste Stimmen fordern einen Mitgliederentscheid oder einen offenen Kandidatenwettstreit in Regionalkonferenzen wie im Herbst 2018. Vor allem einer verspricht sich die besten Chancen, wenn die Machtfrage nicht von den Funktionseliten, sondern der breiten Parteibasis entschieden wird: Friedrich Merz und seine Anhänger. Sie setzen nach wie vor darauf, mit dem Ende der Ära Merkel auch einen fundamentalen Kurswechsel der CDU durchzusetzen.

Wie gespalten die Partei in ihrem Verhältnis zu den Polen am linken und rechten Rand des parlamentarischen Spektrums ist, wurde dem unter dem Druck der Thüringen-Krise offenkundig. Die CDU steht deswegen nicht nur vor einer Personalfrage, sondern vor einem Richtungskampf, der die künftige Gestalt der gesamten Parteienlandschaft in Deutschland prägen wird.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

*Anmerkung: An dieser Stelle stand in einer früheren Fassung ein falsches Datum. Dies haben wir korrigiert.

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