Dienstag, 20.10.2020
 
StartseiteForschung aktuellImmer mehr demente Patienten20.12.2019

KrankenhäuserImmer mehr demente Patienten

Patienten, die ins Krankenhaus müssen und unter einer Demenz leiden, verlassen die Klinik häufig noch verwirrter, als sie sie betreten haben. Der Aufenthalt ist für sie Gift - und das nicht nur, weil sich das überlastete Personal manchmal mit Psychopharmaka behilft, die für Demente nicht geeignet sind.

Von Katharina Nickoleit

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Heike Jakobi vom ehrenamtlichen Kranken-Lotsendienst schiebt einen Patienten zur Therapie im Albertinen-Haus in Hamburg. (dpa / Christian Charisius)
Wer ins Krankenhaus kommt, der hat es mit ständig wechselnden Gesichtern von Pflegern und Ärzten zu tun. Für demente Patienten ist das zutiefst verwirrend (dpa / Christian Charisius)
Mehr zum Thema

Fehldosierung und Doppelverordnung Medikamentenflut im Alter

Medizin Alzheimer früher erkennen

Eine Lange Nacht über Demenz Die Angst vor dem Vergessen

Wer ins Krankenhaus kommt, der hat es mit ständig wechselnden Gesichtern von Pflegern und Ärzten zu tun, einem fremdbestimmten Tagesablauf und natürlich einer unbekannten Umgebung. Für demente Patienten ist das zutiefst verwirrend.

"Wir sind zu schnell für die Menschen mit der Demenz, es sind fremde Leute, die diese Patienten plötzlich anfassen, mich berührt jemand, ich kenn den nicht, darf der das, ich weiß  nicht mehr ein noch aus."

Das ist die Erfahrung von Bettina Honeiser, die zur Pflegedienstleitung der Kreisklinik Roth in Bayern gehört. Manchmal scheint es, als bräche die Demenz im Krankenhaus erst aus.

"Wir haben all diese Patienten, die ja doch schon 80 sind, die zu uns kommen, da merkt man kaum Auffälligkeiten, die versorgen sich noch komplett selbst, bis man dann am ersten Tag abends feststellt, irgendwie ist das jetzt komisch, wenn die Dame mir erklärt, sie muss nach Hause und für ihre Kinder kochen, die aus der Schule zurückkommen."

Demenz ist eine chronische Erkrankung 

Die Kreisklinik Roth bietet inzwischen eine tägliche Plauderstunde an, in der Sprichwörter geübt, Bingo gespielt und gesungen wird.  Beschäftigungsprogramm gegen nächtliches Herumirren und Gedächtnistraining, damit ein Patient auch nach dem Krankenhausaufenthalt zu Hause noch zurechtkommt.

"Er vergisst nach und nach, wo ist zu Hause die Toilette, wo ist zu Hause der Kühlschrank, wo ist zu Hause die Küche. Das heißt er wird sich kognitiv auf jeden Fall verschlechtern. Und wenn er nicht gefordert ist, dann wird er sich noch mehr verschlechtern."       

Bei der Alzheimer Gesellschaft Deutschland gehen immer wieder Anfragen von Angehörigen ein, ob sich der Vater im Krankenhaus womöglich mit Demenz angesteckt haben könnte. Nein, sagt Dr. Wilfried Teschauer, die Demenz ist eine chronische Erkrankung, die oft lange unerkannt bleibt und dann in der veränderten Umgebung zu Tage tritt.

Wilfried Teschauer: "Die Symptome verstärken sich in der Regel. Die Verwirrtheit verstärkt sich, es kann zu Tag-Nacht-Rhythmus-Störungen kommen, dass man um sich schlägt. Der Standardmechanismus ist dann, den diensthabenden Arzt zu informieren, der sich das Ganze anguckt und meistens dann eben zum Neuroleptikum, ich sag jetzt mal, greifen muss."

Die Patienten vergessen, warum sie im Krankenhaus sind

Dabei sind Psychopharmaka, die in das Bewusstsein eingreifen, genau das, was man bei Menschen mit Demenz vermeiden sollte.

"Es gibt durchaus Fälle, wo bei guten Rahmenbedingungen sich die Symptome wieder zurückbilden, auf das Maß vor dem Krankenhausaufenthalt, es gibt auch viele Personen, die tatsächlich dann verschlechtert bleiben für den Rest der Zeit."

Der Erhalt der kognitiven Fähigkeiten ist nur eine von vielen Herausforderungen, denen sich die Krankenhäuser stellen müssen. Die Patienten vergessen, warum sie im Krankenhaus sind, ziehen die Nadel ihrer Infusion heraus, belasten ein frisch operiertes Bein oder laufen weg. Und ihr Anteil wächst: jeder zehnte Patient zeigt inzwischen kognitive Veränderungen.

"Das ist eine gewaltige Zahl, bei etwa 17, 18 Millionen Behandlungsfällen im Jahr sprechen wir also über Millionen von Patienten und nicht über ein paar hundert oder ein paar tausend."

Einige Kliniken haben geschlossene Stationen eingerichtet, ähnlich bunt gestaltet wie Kinderstationen, mit speziell geschultem Personal. Doch Wilfried Teschauer ist skeptisch, ob das der richtige Weg ist. "Wenn Sie jetzt ein Krankenhaus mit 2000 Betten haben, dann müssen sie eine Spezialstation mit 200 Betten haben. Und das kann die Lösung ja nicht sein."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk