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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs sollten Kliniken schließen – aber nicht zu viele15.07.2019

Krankenhäuser in DeutschlandEs sollten Kliniken schließen – aber nicht zu viele

Zwar gibt es in der Tat zu viele Krankenhäuser in Deutschland – so wie eine Bertelsmann-Studie behauptet. Aber die Forderung, 800 Kliniken zu schließen, ist überzogen, kommentiert Theo Geers. Denn es geht bei der Notfallversorgung auch um das Gefühl, nicht abgehängt zu werden vom Rest der Republik.

Von Theo Geers

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Eine Krankenschwester kontrolliert in Berlin an der Charite einen Patienten während einer Kältetherapie nach einem Herzstillstand.  (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
Wer als Patient in einer lebensbedrohlichen Lage wirklich den Spezialisten braucht, sollte direkt zu einem solchen gebracht werden (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
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Ab und zu braucht es jemanden, der einen möglichst dicken Stein ins Wasser wirft, damit die Wellen möglichst hoch schlagen. So einen Stein hat heute die Bertelsmann-Stiftung mit ihrer "Weniger-ist-mehr-Studie" in die Hand genommen.

Die steile These: Mit weniger als der Hälfte der Krankenhäuser, die dann aber zu größeren Kliniken ausgebaut würden, wären Patienten hierzulande immer noch besser versorgt als heute.

Die Gegenthese lies auch nicht lange auf sich warten: die Gleichung "weniger Krankenhäuser gleich bessere Qualität in der Versorgung" sei eine absolut unbelegte Einschätzung – so die Krankenhausgesellschaft.

Wenn Positionen so weit auseinander liegen spricht viel dafür, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen muss. Tatsächlich helfen holzschnittartige Betrachtungen nicht weiter.

Wer, wie der Lobbyverband der Krankenhäuser, die gegenwärtige Krankenhausdichte für unantastbar erklärt, liegt ebenso daneben, wie die von der Bertelsmann-Stiftung beauftragten Experten, die da behaupten, 800 von 1400 Kliniken ließen sich einfach so dicht machen. Das ist ebenso unglaubwürdig wie abwegig.

Richtig ist: Es gibt in Ballungsräumen nicht nur Großkliniken, sondern mit vielen kleine Krankenhäuser eben auch Strukturen, die die Tendenz zu überflüssigen Behandlungen fördern. Schließlich wollen all die Betten auch ausgelastet sein. Hier sich auf größere Häuser zu konzentrieren macht Sinn, die flächendeckende Versorgung wird dadurch kaum gefährdet.

Das Krankenhaus um die Ecke ist auch ein Stück Heimat

Hinzu kommt: Je häufiger bestimmte Behandlungen oder Operationen in einem Haus durchgeführt werden, desto größer sind auch Erfahrung und Routine der Ärzte wie des Pflegepersonals.

Das gibt jedem Patienten vor einem Eingriff zusätzlich ein beruhigendes Gefühl. Im ländlichen Raum geht es um anderes. Hier sorgt ein Krankenhaus in der Nähe nicht nur für eine gefühlte Sicherheit was den Krankheitsfall betrifft. Hier geht es auch um das Gefühl, nicht abgehängt zu werden vom Rest der Republik.

Hier würden weniger Krankenhäuser nicht mehr Qualität, sondern vor allem mehr Unzufriedenheit bedeuten. Wer hier mal eben weitere Einschnitte propagiert, muss sich nicht wundern, wenn Protestwähler erst recht ihr Kreuzchen ganz rechts außen machen, dort, wo die Übergänge ins völkisch Braune immer sichtbarer werden.

Auch das will bedacht sein: Es geht – um Gesundheitsminister Jens Spahn zu zitieren – beim Krankenhaus um die Ecke auch um ein Stück Heimat, vor allem für die 60 Prozent aller Patienten, die keine medizinische Maximalbehandlung benötigen.

Für die anderen 40 Prozent  wird es aber auch auf dem Land ohne Zentralisierungen nicht gehen. Denn wer als Patient in einer lebensbedrohlichen Lage wirklich den Spezialisten braucht, dem nutzt der kurze Weg zum nächsten Krankenhaus im Zweifel nichts, der muss den längeren Weg fahren. Und dann ist es gut zu wissen, dass dort der Spezialist auch angetroffen wird.

Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.

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