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StartseiteRock et cetera47 Jahre Pionierarbeit03.01.2016

Krautrockband Embryo47 Jahre Pionierarbeit

Beim legendären Fehmarn-Festival 1970 trat die deutsche Krautrockband Embryo direkt nach Jimi Hendrix auf. Mit den Jahren reicherte das Musikerkollekiv die immer freier fließenden, bunt schillernden Klänge zur Weltmusik an. Und Gründungsmitglied Christian Burchard macht mit Embryo weiter, immer noch neugierig auf die Erkundung neuer Klangwelten, unbeirrbar, kompromisslos.

Von Andreas Dewald

Ausgezeichnet mit dem Weltmusikpreis "Ruth": Die Band Embryo beim Tanz- u. Folkfestival Rudolstadt (Christian Burchard)
Ausgezeichnet mit dem Weltmusikpreis "Ruth": Die Band Embryo beim Tanz- u. Folkfestival Rudolstadt (Christian Burchard)

Musik "You Don't Know What's Happening" - Embryo

"Diese Studentenrevolte, das war ja auch unsere Existenz, teilweise, ne. Die haben gesagt: Ey, haben bei uns angerufen, wir haben die Kunstakademie besetzt. Ihr müsst sofort kommen mit euren Instrumenten. Dann sind wir in die Kunstakademie gefahren. Da standen hunderte von Polizeiwannen schon vor der Kunstakademie. Und die Studenten haben die Scheibe eingeschlagen und haben sich drinnen verbarrikadiert. Und, kommt wir helfen euch tragen, und haben sie unsere Sachen reingeschleppt. Und da haben wir gespielt bis zum Umfallen. Kurz geschlafen, wieder aufgewacht, wieder weitergespielt. Haben den Sound gemacht für die Revolution! Mehr oder weniger. Und die haben das da geliebt, den Sound, ne. Wir konnten spielen, was wir wollten. Wir brauchten nicht irgendwelche Botschaften. Das war eine autonome, vielfältige Bewegung."

Christian Burchard heißt der Mann, Musiker, Schlagzeuger, Vibraphonist und Meister an einer Reihe weiterer exotischer Instrumente, der als einziges Urmitglied seit nunmehr 47 Jahren die Münchener Band Embryo betreibt. Ein freundlicher, wie ein Hippie wirkender Bayer mit langen, strähnigen Haaren, 69 Jahre alt, ergraut, Bart, mittelgroß, hager, etwas eingefallen, macht er im Gespräch zunächst einen leicht weggetretenen Eindruck, als würde er in seiner eigenen Sphäre schweben, bevor er im Laufe der Konversation immer vitaler und leidenschaftlicher wird. Wir treffen uns in Münster in der Frauenstraße 24, einem geschichtsträchtigen Ort mitten im Universitätsviertel. Das Haus wurde schon in den wilden, studentenbewegten Zeiten Anfang der 1970er Jahre besetzt, verteidigt, umkämpft und zu einer Bastion des Protests und Autonomiestrebens einer rebellischen Generation, deren Geist hier immer noch, vage wahrnehmbar, zu wehen scheint. Genau wie in der Musik von Embryo, die an diesem Abend hier auftreten werden, in dieser zum Zentrum der Alternativkultur mit gemütlicher Kneipe, Café, Restaurant, kleinem Konzertsaal, und vielerlei Beratungs- und Informationsmöglichkeiten avancierten Stätte. Ohne die Studenten- und Hippie-Bewegung wäre die Band Embryo wohl nicht denkbar gewesen, die Christian Burchard mit Edgar Hofmann an Geige und Saxofon und Lothar Meid am Bass 1969 in München im Umfeld der sagenumwobenen Musik-Kommune Amon Düül II gründete. Wie die spielten auch Embryo im deutschen Untergrund eine progressive, innovative Musik, die die Engländer bald, halb ehrfurchtsvoll, halb abschätzig, Krautrock nannten.

Musik "Revolution" - Embryo

Krautrock, dieser Bastard, nährte sich von allem, was damals durch die Köpfe geisterte, verarbeitete Einflüsse von Dutschke bis Hendrix, von LSD-Sounds bis zum Free-Jazz, von ethnischen Elementen bis zu Anleihen aus moderner E-Musik. Amon Düül, Can, Kraftwerk, Tangerine Dream, Faust, Neu! Und eben auch Embryo - die Musik dieser Bands war roh und experimentell und klang anders als die von Velvet Underground, Jefferson Airplane, Zappa, Cream oder Pink Floyd. Inspiriert von Psychedelia, Science Fiction, Mystik und Religion erkundeten Krautrocker und Kosmische Kuriere am liebsten andere Welten und Galaxien. Möglichst weit weg von der Last der jüngeren deutschen Geschichte und von der Vorherrschaft angloamerikanischer Einflüsse. Die Musiker von Embryo kamen aus dem Jazz, allen voran Christian Burchard, und fusionierten ihn auf bis dahin ungehörte Weise mit Rock:

"Für uns gab's keine Grenzen. Dadurch, dass ich durch den Mal Waldron praktisch im modernsten Jazz angekommen war und gleichzeitig parallel dazu diese neue psychedelische Musik, neuer Sound der Gitarren und der elektrischen Instrumente, oder die Art Schlagzeug zu spielen. Schau mal, Miles Davis hat seinen Musikern Eintrittskarten gegeben von Cream, ne. Hat gesagt, dass sie was Neues hören. Die Jazzer haben ja auch erkannt, dass da plötzlich was Neues entsteht. Was jetzt nichts mit schwarzer Kultur zu tun hat. Cream waren ja Engländer, zum Beispiel, Weiße."

Musik "A Place To Go" - Embryo

"Ich hatte halt das Glück, dass ich diesen Dieter Serfas getroffen hab', mit zehn Jahren. Erst haben wir Fußball gespielt, und dann irgendwann haben wir angefangen, Musik zu machen. Ich weiß gar nicht warum. Ich habe ein bisschen Klavier gekonnt, er hat Kochtopfdeckel genommen, hingehängt, und ein Schlagzeug draus gemacht, als Kinder. Wir haben dann einfach, wir haben halt so 'ne Art freie Musik gemacht, eigentlich als 12-13-Jährige. Die hat uns am meisten Spaß gemacht, uns erfüllt. Wir haben oft am Nachmittag gesessen, zu zweit. Ich habe dann ein bisschen Posaune gespielt auch, ne. Mit 15 ½ hab' ich dann ein Vibraphon bekommen von so 'ner Band, die meinten, Vibraphon, das wäre modern, das müsst man eigentlich spielen. Ich hab' gedacht, okay, warum nicht?"

Mit dem Vibraphon den Jazz entdeckt

Mit dem Vibraphon entdeckte Christian Burchard, der 1946 in Hof in Bayern geboren wurde, den Jazz und war in den 1960er Jahren mit großer Leidenschaft und Ambition als Jazzmusiker aktiv. Und die Musik, die Burchard und seine Komplizen spielten, wurde unter dem Einfluss von Free Jazz immer freier und offener. Besonders als Burchard Mal Waldron kennen lernte, der schon als Pianist bei John Coltrane, Charles Mingus und Eric Dolphy zur Legende geworden war und sich nun seinen deutschen Kollegen anschloss und sie mit neuartigen Rhythmen, Tonfolgen und Spielweisen vertraut machte. Zugleich gab es für Christian Burchard und Co. noch Impulse aus einer anderen Richtung:

"Wir hatten einen Bassisten, der bei der Armee war, der hat schon mit Little Richard gespielt. Das war ein schwarzer Bassist, der hat E-Bass gemacht und so, diese Art Funk, und mit dem haben wir musiziert. Oder wir haben mit einem Sänger gespielt, der hat das ganze Repertoire, Soul-Repertoire draufgehabt: Chuck Jackson, und wie die alle hießen. Und ich habe dann den Jimmy Jackson getroffen, 66 in Heidelberg, der war da auch stationiert. Jimmy Jackson, der auch dann später die wunderbaren Orgel-Sachen gespielt hat bei Embryo. Und das waren Genies. Was der an der Orgel gespielt hat, das spielt heut' niemand mehr. Die sind durch die amerikanische Armee nach Deutschland gekommen, haben dort aber ihre Tradition, der war voll in der Rhythm'n'Blues- und Jazz-Tradition gewesen zum Beispiel, ne. Und für uns war das halt toll, weil wir haben dadurch einen Zugang gehabt zu dieser Kultur.

Seltsame Musik gehört

Es existierte noch eine dritte Strömung, die die Musik der frühen Embryo-Formationen flutete. Burchards Freund Dieter Serfas war 1968 in München in die WG von Amon Düül gezogen, dieser legendären Musik-Kommune, die mit ihrem magisch- mystischen Space-Rock nicht nur die Ohren des künftigen Embryo-Gründers öffnete, sondern damit sogar international für Furore sorgte. Als Burchard mal bei Amon Düül zu Besuch war, erinnert er sich, saßen die Bandmitglieder komplett um den Plattenspieler herum und hörten seltsame Musik von Hapshash And The Coloured Coat. Sie hatten all ihre Jazzplatten verbrannt und waren nun voll auf dem psychedelischen Trip:

"Allein dieser Sound. Der Sound ist ja für einen Musiker unheimlich wichtig. Ich glaube, Wissenschaftler haben entdeckt, dass wenn man Musik wahrnimmt, dass nicht die Tonhöhe zuerst wahrgenommen wird, sondern das Geräusch, also der Sound. Das ist in der Wahrnehmung des menschlichen Empfindens wichtig, nicht. Und das war eben damals ganz neu. Das war einfach wie 'ne neue Religion, oder keine Ahnung.

Christian Burchard war wie seine Amon-Düül-Kollegen begeistert von den Klängen, die Künstler wie Jimi Hendrix, Cream und andere Psychedeliker produzierten. Er spielte auf dem imposanten Debütalbum von Amon Düül II "Phallus Dei" sein feinfühliges Vibraphon, und auch sonst häufig mit der spektakulär neue Wege beschreitenden Band zusammen:

"Die haben zum Beispiel jeden Montag in München eine Art Session gemacht, Amon Düül, wo jeder mitspielen konnte. Und es war genial, des war genial, weil ich bin manchmal hingegangen, nur um zuzuhören. Weil des war wie ein Soundbad. Dadurch, dass so viele auf einem Haufen gespielt haben, war das wie ein Bild von Jackson Pollock, wo man einfach nur einen Eindruck hat und keine abstrakte, also man geht rein wie in ein Klangbad. Und das war wirklich einmalig, gab's auch danach nie wieder.

Musik "Radio Marrakesh" - Embryo

Die Art der freien Improvisation auf der Basis von rasanten Rhythmen der Rockmusik, fand Christian Burchard faszinierend. Er organisierte Sessions in einem Kellerclub in München, bei denen sich mitunter zwei Dutzend Musiker in Ekstase jammten und ein in vielen Farben schillerndes Klangbild schufen. Das war die Ursuppe von Embryo, sagt er, aus der sich im Herbst 1969 ein harter Kern heraus kristallisierte. Als sich dann der englische Gitarrist John Kelly der Band anschloss, der mit Wah-Wah-Pedal, Verzerrungen, Feedback und anderen Effekten wahre Science-Fiction-Sounds erzeugen konnte, nahmen Embryo ihr erstes Album "Opal" auf, einen glühenden Klassiker des Krautrock. Erschienen auf dem Label Ohr des berüchtigten Rolf-Ulrich Kaiser, eines umtriebigen Musik-Moguls, halb durchgeknallter Fantast, halb prophetischer Visionär, Apologet bewusstseinserweiternder Drogen und abgehobener Heilslehren, wohl nach eigenem Dafürhalten selbst eine Art Kosmischer Kurier, der sich damals wie kein Zweiter für die progressive deutsche Musik der Zeit stark machte. Auf sein Konto gingen, im doppelten Wortsinn, einige der kuriosesten Spinnereien, aber auch eine Reihe wegweisender Werke des bis heute einflussreichen Krautrock. Auch das erste von Embryo.

"Ja, Rolf-Ulrich Kaiser, der war halt hyperaktiv. Und hat wirklich, der hat ja die wichtigsten Bands um sich geschart, ne. Guru, Tangerine Dream, Limbus, und und und. Und es waren eigentlich die Bands, die was Neues gemacht haben. Und der kam halt zu uns und hat gesagt: Hier, ich finde es toll, was Ihr macht. Ihr könnt machen, was Ihr wollt. Ich bring des raus, ne. Auf der anderen Seite war er halt so, zum Beispiel, der hat so Artikel, zum Beispiel im Stern war 'n Artikel, da stand dann drin: Ja, die Embryos, die spielen auch für 'n Appel und ein Ei. So ungefähr, wir sind praktisch Kellerkinder, die er entdeckt hat. Und wir haben gerade unsere Gage 'n bisschen, dass wir davon leben können. Also, er hat halt Promotion gemacht für sein Image. Er war ja sehr auf'm esoterischen Trip, ne. Okay, Timothy Leary fanden wir auch faszinierend. Aber er wollte dann, dass wir 'ne Platte machen mit Timothy-Leary-Texten und so, ne. Und wir wollten nicht in eine Richtung gehen.

Im Hintergrund schäumt die APO-Bewegung

Vor allem wollten sich Embryo weder als Kaisers Kosmische Kuriere verdingen, noch sonst irgendwelchen Vorgaben oder womöglich kommerziellen Erwartungshaltungen beugen. Obwohl sie mit dem Album "Embryos Rache" in die deutschen LP-Charts gelangten und mit dem Stück "Tausendfüßler" einen Radio-Hit verbuchten, waren sie ihrer damaligen Plattenfirma United Artists zu avantgardistisch und landeten schließlich beim Brain-Label, das auf neuen deutschen Rock spezialisiert war. Im Hintergrund all dieser aufregenden musikalischen Entwicklungen schäumte die APO-Bewegung, mit verrückten Happenings, Massendemos, Sit-Ins, Kundgebungen und Konzerten, auf denen alles möglich und erlaubt war. Im Sommer 1970 wurden Embryo für ihr erstes großes Festival auf Fehmarn engagiert das sich allerdings fast als das deutsche Altamont entpuppte.

"Das war ja 'n dickes Ding, weil da Jimi Hendrix aufgetreten ist. Und dann sind wir da hochgefahren nach Fehmarn. Und dann war ich erstmal entsetzt, weil überall lagen Flyer rum von Beate Uhse. Und die hatte das Festival finanziert. Die hat auch die Rocker bestellt, die da Ordnungsdienst gemacht haben. Und die waren ja brutal, die haben auf die Leute eingedroschen. So haben wir die Scherben kennen gelernt, Ton Steine Scherben haben gespielt, haben die die Bühne angezündet. Die waren wie auf'm Scheiterhaufen. Wir haben denen geholfen, noch die Verstärker runter zu schleppen. Weißte, das war ja schon fast Mord, was die da machen wollten, die Rocker. Von Beate Uhses Gnaden. Und der Hendrix, der hat seine 30 Mille gekriegt, also sein Manager, und wir haben einen ungedeckten Scheck bekommen. Also, wir haben nix verdient, auf dem Festival. Klar, Hendrix hat gut gespielt. Wir haben ja, nach Hendrix sind wir aufgetreten. Es war okay. Das Publikum war ja da. War ja, Canned Heat und wer alles dort war. Die ganze Prominenz aus der Popwelt war da angetreten.

Musik "Entrances"- Embryo

"Wir haben ja, wann war das, glaub' ich '72 oder '71 haben wir in Reading gespielt auf diesem Festival, und da haben dann, haha, irgendsoeine "Sun" oder wie die hießen, so eine berühmte englische Zeitung, die haben geschrieben: "Embryo, some low-flying Messerschmitts! Hahaha! Zum Beispiel, also. Weil die Engländer haben ja mit Deutschen, klar, ja irgendeinen Film laufen durch den Krieg undsoweiter. Und Krautrock war halt auch so ein Ding."

Embryo, die "tief fliegenden Messerschmitts", wollten mit ihrem von den Engländern als Krautrock belächelten Sound zu Beginn der 70er Jahre nicht nur den Luftraum über Großbritannien erobern. Christian Burchard war mit Weltmusik, mit den ethnischen Klängen orientalischer und asiatischer Kulturkreise in Berührung gekommen. Einmal durch den befreundeten Chris Karrer, der schon bei Amon Düül für spezielles Ethno-Flair gesorgt hatte.

"Weltmusik-Einfluss war zum Beispiel durch den Chris Karrer, Weil der Chris Karrer, der hat schon '68, weiß ich, hat der 'ne Platte gehabt von Professor V.G .Jog aus Kalkutta, Geige, und dann hat er seine Geige so gestimmt wie der, also umgestimmt. Wir waren interessiert an allem. Wir haben Pierre Henry genauso gehört wie Stockhausen, wie Ravi Shankar oder Munebissia. Das war für uns ja einfach: Jeder neue Klang hat unsere Inspiration gefördert.

Der Jazz-Saxofonist Charlie Mariano, berühmt für seine ungeheuren Alto-Solos zum Beispiel auf den Platten von Charles Mingus und über die Jahre Mitglied in verschiedenen Embryo-Besetzungen, weihte die Musiker tiefer in die Geheimnisse indischer Musik ein. Christian Burchards Faszination von ethnischer Musik lag sogar noch weiter zurück:

"Diese Weltmusik, ne, das war ja überhaupt nicht bekannt. Ich hab 'mal Musikwissenschaft studiert. Mein Lehrer, der hat noch gesagt, irgendwie, der hat zum Beispiel Pygmänen-Musik gespielt und dann hat er gesagt, ja, also, das ist schon sehr primitiv, ne. Und dann hat er halt 'n Bach aufgelegt und gesagt, hier jetzt haben wir des. Also, wir haben das Primitive überwunden, ne, und so. Und ich war entsetzt. Weil ich fand das so toll, die Pygmäen, zum Beispiel. Aber das war noch der alte, das waren ja teilweise Lehrer, die im Nazi-Reich auch gelehrt haben."

1971 erste Einladung nach Marokko

Was lag für abenteuerliche Klangforscher wie Embryo also näher, als die Musiken der Welt direkt dort zu erkunden und zu spielen, wo sie herkamen, vor Ort in fernen Gefilden? 1971 begab sich die Band auf Einladung des Goethe-Instituts auf eine erste Tournee nach Marokko, das die Musiker damals erst nach tagelangem Streit mit den Grenzbeamten über ihre verbotenen langen Haare, nach sturem Beharren auf ihren persönlichen Freiheiten und der Fürsprache des herbeigeeilten Botschafters aus Tanger betreten durften.

"Wir standen 'ner fremden Kultur gegenüber. Wir haben gemerkt, wir können da gar nicht mitspielen, die haben ja ganz andere Tonsysteme als wir mit unsere Klavieren, wohltemperierte Stimmung, können wir gar nicht mit denen kommunizieren. Uns fehlt das Wissen. Wir sind dann zurückgekommen, und haben erstmal neue Instrumente gelernt. Der Roman hat bundlose Gitarre, Oud, Saz, und so weiter. Ich hab' Mikro-Ton-Marimbas, dass wir überhaupt die Tonsysteme, die die haben. Die haben ja mehr Töne in der Oktave als wir, die Orientalen. Also wir haben gemerkt, dass wir eigentlich dumm sind. Wir haben immer gedacht, wunder, wie gut wir spielen./Wir sind immer wieder nach Marokko gefahren, weil das war das Nächste, und haben dort halt mit Musikern gespielt und so. Und die Skalen gelernt, die Literatur gelernt und so weiter. Weil es gab ja keine Institution in Europa, wo man das hätte erfahren können."

Musik "6 Beat" - Embryo

"Am extremsten war's nach unserer Reise, nach "Embryos Reise, als wir konsequent afghanische und indische Musik teilweise noch gemacht haben. Sind die Leute zur Kasse hin und wollten ihr Eintrittsgeld zurückhaben. Haben gesagt: Das ist nett Embryo! Weil die haben Platten gehabt, "Embryos Rache" undsoweiter, wo mehr Jazz-Rock-Sound drauf war, und das wollten die hören. Und dann kommt plötzlich was ganz Exotisches, hahaha!"

Auch wenn die möglichst authentische ethnische Musik von Embryo beim bornierten Rock-Publikum erstmal auf Ablehnung stieß, ließ die Band sich nicht beirren. Bei weiteren Aufenthalten in Nord-Afrika "waren wir überwältigt von der Magie dieser Klänge", schwärmt Christian Burchard. "Wir fingen an, die Mikro-Töne des orientalischen Tonsystems zu hören." Und es ging immer weiter. Mitte der 70er Jahre unternahmen Embryo eine große Reise nach Indien, um mit Musikern vor Ort zu spielen und ihren Sound weiterzuentwickeln. "Da sind wir aufgewacht", erinnert sich Burchard.

"Auf einen Schlag ging die Sonne des Ostens in unseren Herzen und unserer Musik auf. Das war ein einschneidendes Erlebnis. Ein Jahr waren wir praktisch in anderen kulturellen Gefilden. Mit sagenhaften musikalischen Begegnungen. Wen wir da alles getroffen haben. Afghanistan, diese wunderbaren Musiker. In Pakistan, in Indien. Also, Kalkutta, ich hab' den, Idol von Chris Karrer, mit dem hab' ich Aufnahmen gemacht, mit Professor V.G. Jog, mit einem Geiger. Und Ravi Shankar getroffen, Und in Südindien das Karnataka College oft Percussion und so. Und das war ja sagenhaft, unglaublich. Indische Musik ist auch so vielfältig. Südindische ist wieder ganz anders als in Nordindien, ist wieder ganz anders als zum Beispiel Rajasthan-Musik und so weiter. Es ist 'ne unglaubliche Feinstofflichkeit. Es ist eine Virtuosität, Tonsysteme sowieso. Man könnte allein in Benares mehrere Leben verbringen, und weißte immer noch net alles, was da passiert."

Die Mystik Indiens

Mitte der 70er Jahre ein Jahr lang in Indien unterwegs. Als die Philosophie, die Religion, die Kunst und die Mystik Indiens der Jugend im Westen auf der Suche nach Sinn noch einen Ausweg aus der profan materialistischen Konsum-Gesellschaft zu bieten schienen, "Siddharta" und Hermann Hesse und den Beatles und Gurus wie dem Maharishi Mahesh Yogi und Bhagwan sei Dank. Da sollte man annehmen, dass sich die Musiker von Embryo damals in Indien auch mit den Glaubenssystemen, mit der Spiritualität dieser Kultur, mit Buddhismus und Hinduismus, eingehend beschäftigt haben.

"Weniger, weniger. Weil einmal waren wir auch entsetzt über diese Aggressivität Wir haben zum Beispiel einen Bus von uns, der hat 'ne arabische Schrift drauf gehabt: Embryo. Und wir fahren '79 auf irgendsoein kleines Festival in Bombay, außerhalb von der Stadt, durch so 'n Armenviertel. Plötzlich wollen die uns lynchen wegen dieser arabischen Schrift,'79 schon. Hindus. Sagten, wir machen Promotion für Moslems. Also, wir waren entsetzt. Die haben die Scheiben eingeworfen, die wollten echt uns rausziehen und umbringen, ne. Wir konnten gerade noch fliehen '‚79. Da hat noch niemand was gewusst davon. Wir haben das hautnah erlebt. Dass dieser Wahnsinn, dieser religiöse Wahnsinn ist ja, momentan spitzt sich das überall zu, ne. Diese Fundis also gibt's ja überall."

Musik "Calcutta Raga" - Embryo

Zeitgleich zu ihren kühnen musikalischen Unternehmungen beschlossen Embryo, sich auch von den Zwängen der kommerziellen Musikindustrie zu befreien. Auf Anregung der bereits autonomen Band Ton Steine Scherben gründeten Embryo mit ihnen und den Gruppen Checkpoint Charlie, Missus Beastly, Sparifankal und dem Sänger Julius Schittenhelm im April 1975 das April-Label unter dem Motto "Musik im Vertrieb der Musiker", das sie kurz darauf in "Schnellball" umbenannten. Das erste Indie-Label vor der Punk-Bewegung, wenn man so will, dem sich bald viele weitere Formationen wie Munju, Moira, Argile und die Real Ax Band anschlossen. Sie alle produzierten und veröffentlichten ihre Platten selbst, lieferten sie und die ihrer Labelgenossen in die Läden und verkauften sie bei ihren Konzerten. Parallel dazu stellten Embryo mit den Schneeball-Bands im Sommer 1975 das erste Umsonst-&-Draußen-Festival in Vlotho auf die Beine und initiierten damit die folgende Free-Festival-Bewegung.

"Das war auch so: okay, wir bringen unsere Musik, einmal im Jahr könnt ihr uns anhören ohne Eintritt, frei und so." Und immer mehr Leute kamen. Und am Schluss mussten wir aufhören, weil zu viele Leute gekommen sind. Waren ja über Hunderttausend. Das war einfach zu viel Organisation. Man hätte dann wieder doch Security und keine Ahnung, irgendwas machen müssen. Da ist einer 'n Abhang runtergefallen, lag verdreht da. Es war einfach zu viel. Hunderttausend Leute sind einfach wahnsinnig viel. Und dann haben wir aufgehört damit. Das war '79."

Nicht aufgehört haben die Musiker von Embryo auch in den 1980er Jahren mit ausgedehnten Reisen in den Orient und Asien, wenn auch die bedrohlichen Situationen, in die sie gerieten, stets zunahmen. Bürgerkrieg in Afghanistan, die Wirren der Revolution im Iran, Soldaten mit Maschinenpistolen, kaum passierbares Gelände, Reifenpannen, nichts konnte den Embryo-Tross mit drei Bussen voller Musiker, Freunde, Familienmitglieder und Roadies und ihren Hunger nach musikalischen Abenteuern stoppen.

"Wir kamen zur iranischen Grenze. 20 Kilometer stehen die Autos vor der Grenze, niemand kommt mehr durch. Wir fahren an den Autos vorbei, 20 Kilometer fahren wir links auf der Spur. Uns ist glücklicherweise niemand entgegen gekommen. Die Türken denken, wir kommen sowieso gleich wieder zurück. Und wir fahren hinüber auf den iranischen Zollhof. Kommt sofort einer angerannt und sagt: Zurück! Ich steige aus, habe ein Schreiben vom Goethe-Institut auf persisch, dass wir spielen sollen in Teheran. Und da sagt der mir auf Englisch plötzlich: "You make music here!" Okay, komm', wir laden aus und machen jetzt 'n Konzert hier auf'm Zollhof. Fangen an, Schlagzeug auszuladen und so, fällt ihm 'n Becken runter, ssshhttt, unglaublicher Lärm. Immer mehr Zollbeamte, iranische, kommen angelaufen und schauen da zu. Und plötzlich kommt dieser Oberzöllner und schreit mich an: "Bring back, put back the instruments in the car!" und deutet Richtung Teheran: "Go!" Also, wir haben Glück."

Tempelmusiker

Embryo spielten als Zirkusband in Pakistan, zu einem Programm wie aus einem Fellini-Film, mit Wahnsinnsakrobaten, sagt Burchard. Sie traten in Indien als Tempelmusiker in Erscheinung und begegneten unzähligen Musikern aus der Gegend, die teilweise 100 Kilometer zu Fuß zurückgelegt hatten, um mit ihnen zu musizieren. Und sie reisten 1985 und '86 nach Nigeria, weil sie die Musik der Yorubas erforschen und sich von Fela Kuti, dem legendären "King Of Afrobeat", und seinen vielen Mitmusikern in der Kunst dieser ekstatischen Stilrichtung unterweisen lassen wollten.

"Das erste Mal, wie ich in Nigeria war, war der Fela im Gefängnis wegen Devisen. Das zweite Mal haben wir in seinem Shrine wohnen dürfen. Und der Fela Kuti ist ja, ist eigentlich 'n Jazzmusiker gewesen. Der hat zum Beispiel, jede Woche ist der in einen Club gegangen, Club 38 hieß der, den hat ein Francis Kuboyl gemacht, der ist Bassist, seine Frau hat gesungen. Und die hat Standards gesungen. Und der Fela kam mit seiner ganzen Band, und dann haben die Jazz-Standards gespielt: "The Man I Love"und "Blue Monk", und was. Hab' ich sogar noch Aufnahmen davon, ne. Und der hat sich total gefreut, dass so' ne Band wie wir einfach so rumfahren und reüssieren."

Musik "Oje's Song" - Embryo

In den letzten gut viereinhalb Jahrzehnten ist Embryo zu einer Gruppe geworden, die Weltmusik lebt wie keine andere. Nach drei Dutzend Alben und unzähligen Tourneen rund um den Globus hat sich Embryo längst zu einer Art alternativer Musikakademie entwickelt, die inzwischen mehr als 400 Musiker durchlaufen haben. Unter ihnen die, die in den 1980er Jahren erfolgreich die geistesverwandte Gruppe Die Dissidenten ins Leben riefen. Und ein gewisser Nick McCarthy, heute Gitarrist der britischen Rock-Band Franz Ferdinand, der von der Musik von Embryo wesentlich inspiriert wurde. "Embryo ist nicht so sehr ein Musikstil, als eine Haltung. Es geht um die ernsthafte Auseinandersetzung mit traditioneller Musik. Dahinter verbirgt sich ein soziales Anliegen, die Welt durch Musik zusammenbringen", sagte Nick McCarthy nach seinen Erfahrungen in der Band um die Jahrtausendwende. Christian Buchard erinnert sich genau an den späteren Popstar:

"Der hat richtig gebeten drum, bei uns mitmachen zu dürfen, weil er lernen wollte. Der hat zum Beispiel immer alle Proben aufgenommen auf Tonband, ne. Manche haben nach jeder Probe alles notiert, was wir geprobt haben, er hat's immer aufgenommen und sich so angeeignet, ne. War bis Marokko war er mit, also, so richtig, ne. Ich find es ja toll. Ich bin ja auch von alten Musikern aufgenommen worden. Und die haben mir Sachen beigebracht. Und ich denk' mal, ich mach' das genauso. Wenn einer kommt und da interessiert ist dran, gebe ich das weiter."

Embryo hat immer wieder junge Musiker angezogen, die in die Band einstiegen und für frischen Wind sorgten. Das beflügelt auch Christian Burchard, mit Embryo unermüdlich weiterzumachen. Nach 47 Jahren immer noch neugierig auf die Erkundung neuer Klangwelten, unbeirrbar, kompromisslos, immer noch Underground und Gegenkultur und "Rock in Opposition". 2008 erhielt Christian Burchard mit Embryo den Weltmusikpreis Ruth fürs Lebenswerk beim TFF in Rudolstadt. Verdientermaßen, natürlich. "Embryo – das sind doch diese verrückten kreativen Musiker, die irres Zeug spielen", hat Miles Davis mal gemeint. Aber: Wo würde Christian Burchard selbst den Stellenwert von Embryo veranschlagen?

"Kann ich nicht, kann ich nicht, weil ich hab' so Achtung vor den vielen guten Musikern, die es gibt, die niemand kennt. Die jetzt überhaupt keinen Stellenwert haben und die trotzdem Genies sind und in ihrem Kreis viel bewirken. Kulturen zum Beispiel erhalten in sogenannten rückständigen Gebieten, wo sie existieren eben und ihren Sound produzieren, Leute glücklich machen, heilen, junge Musiker heranbilden, dass die Kultur nicht ausstirbt und so weiter. Und ich find' so was ja unglaublich wichtig, ne. Diese Artenvielfalt, die ja auch verloren geht, geht ja auch in der Musikkultur verloren, weil die einfach nimmer, jetzt nur noch Techno machen wollen oder nur noch mit Computern Musik und so. Und ihre eigenen wunderbaren Instrumente gar nicht mehr erlernen. Wir versuchen halt, das auch mit unserer eigenen Musik zu bewirken, dass wir euch zeigen, ihr könnt nicht nur mit einem Laptop Musik machen, sondern mit Instrumenten, die teilweise Jahrtausende alt sind."

Musik "Reportage"- Embryo

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