Kommentare und Themen der Woche 20.07.2020

Krawalle in FrankfurtCorona ist das Problem!Von Ludger Fittkau

Beitrag hören Scherben der zertrümmerten Scheiben einer Bushaltestelle liegen am Morgen vor der Alten Oper auf einem Stadtplan Frankfurts. In der Nacht zum Sonntag war es auf dem Opernplatz zu gewalttätigen Krawallen gekommen. Wie die Polizei mitteilte, hatten rund 3000 Menschen Partys gefeiert, als die Randale ausbrachen. 39 Menschen seien daraufhin festgenommen worden, acht davon seien am Sonntagmorgen noch in Gewahrsam gewesen.  (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)In der Nacht zum Sonntag war es auf dem Frankfurter Opernplatz zu Ausschreitungen gekommen. Polizisten seien dabei aus der Menge mit Flaschen angegriffen worden. (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)

Den Jugendlichen und jungen Erwachsenen fehlen durch die andauernden Club-Schließungen die Möglichkeit zu feiern. Ludger Fittkau zeigt deswegen in seinem Kommentar Verständnis für Parties unter freiem Himmel. Was aber gar nicht gehe, seien Attacken auf Polizisten.

Corona ist ein Partykiller! Normalerweise tauchen an jedem Wochenende rund 50.000 Menschen allein in die vielfältige Clubszene von Frankfurt am Main ein und feiern. Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene ist die andauernde Club-Schließung besonders entbehrungsreich. Kein Wunder, dass sich ein Teil der Partyszene in den ersatzweise auf öffentlichen Plätzen versammelt - mit Ghettoblaster und ein paar Sixpacks Bier oder anderen Getränken.

Dass dabei nicht immer die Abstandsregeln eingehalten werden – nicht schön, wäre aber auch nicht allzu sehr der Rede wert, wenn nicht ein neuer Virusausbruch die Folge sein könnte. Klar, eine Party unter freiem Himmel ist nicht gleich Ischgl, das haben wir bisher in der Coronakrise gelernt.

Corona ist die Ursache für die Opernplatz-Not-Party

Aber was gar nicht geht: Junge Männer, mit oder ohne Migrationshintergrund, die Polizistinnen und Polizisten brutal attackieren, die einen Verletzen aus einer Schlägerei herausbringen wollen. Und hunderte Menschen, die dabeistehen und grölen ACAB: Die Abkürzung von "All cops are bastards".

19.07.2020, Hessen, Frankfurt/Main: Mitarbeiter der Stadtreinigung beseitigen am Morgen vor der Alten Oper Scherben der zertrümmerten Scheiben einer Bushaltestelle. In der Nacht zum 19.07.2020 ist es auf dem Opernplatz zu gewalttätigen Krawallen gekommen. Wie die Polizei mitteilte, hatten rund 3000 Menschen Partys gefeiert, als die Randale ausbrachen. 39 Menschen seien daraufhin festgenommen worden, acht davon seien am Sonntagmorgen noch in Gewahrsam gewesen. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst) (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)Konfliktforscher: "Der Corona-Sommer hat sicher als Katalysator gewirkt"
Am Wochenende kam es in Frankfurt/Main zu Ausschreitungen. Diese gehen nach Ansicht des Konfliktforschers Stefan Luft auf eingewanderte Menschen zurück, die in Deutschland nicht hätten Fuß fassen können.

Sicher, die hessische Polizei hat zurzeit keinen guten Ruf. Sie steht im Verdacht, dass sich in ihr rassistische Netzwerke gebildet haben, die vor allem Frauen bedrohen, die sich entschlossen gegen Rechtextremismus engagieren. Doch ACAB – Rufe - wären allenfalls akzeptabel, wenn sie bedeuteten "All Coronas are bastards".

Denn: Corona ist das Übel, das tückische Virus ist die Ursache für die Opernplatz-Not-Party. Die Polizisten, die angegriffen werden, sind lediglich die Überbringer der schlechten Nachrichten zur andauernden Club-Sperre. Sie müssen Eingreifen, wenn junge Männer mit zu viel Testosteron und Corona-Frust aufeinander losgehen und dabei Blut fließt.

Für Corona-Partys im öffentlichen Raum gibt es keine Türsteher

Im normalen Tanzclub reicht es oft schon, dass es durchtrainierte Türsteher gibt, die jede toxische Maskulinität, jede Lust auf eine männerbündische Schlägerei im Keim ersticken. Für Corona-Partys im öffentlichen Raum gibt es solche Türsteher leider noch nicht. Deshalb ist die heute angekündigte, künftige Wochenend-Sperrung des Opernplatzes in Frankfurt am Main nach Mitternacht, wenn die Gewaltbereiten die Oberhand gewinnen, die richtige Konsequenz.

Zerstörte Glasscheibe nach Krawallen in Stuttgart (imago images / Arnulf Hettrich) (imago images / Arnulf Hettrich)Krawalle in Stuttgart - Suche nach dem Motiv
Noch immer ist unklar, was bei den nächtlichen Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt passierte. Während die Polizei ermittelt, suchen auch Politiker nach Antworten. Die Randale und Plünderungen beschäftigen nun den Landtag.

Doch klar ist auch: Verbote alleine reichen nicht. Das Coronagenervte Partyvolk etwa in Frankfurt am Main wird sich andere Plätze fürs nächtliche Zusammensein suchen. Im Sommer unter freiem Himmel, etwa am beliebten Mainufer. Doch was ist mit dem Herbst und dem Winter? Wenn die Nächte wieder kühler werden, drängt das Partyvolk zurück in die Häuser. Wenn die legalen Clubs weiterhin Coronabedingt geschlossen bleiben sollten, wird es Feste an illegalen Orten geben. Die wären dann noch viel schwerer zu kontrollieren als zentrale Plätze wie der Opernplatz in Frankfurt am Main.

Also: Vertreibung ist keine Lösung, das Unterbinden von Gewalt muss jedoch sein! Corona nervt, geht aber hoffentlich irgendwann vorbei. Die Gewalt, die gegen Polizisten gerichtet wird, nervt genauso. Nochmal: Nicht die Cops sind in Sachen Corona das Problem, sondern das Virus selbst.

Ludger Fittkau –  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.

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