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StartseiteKommentare und Themen der WocheMacron vor einem Scherbenhaufen03.12.2018

Krawalle in FrankreichMacron vor einem Scherbenhaufen

Bei Protesten gegen die Reformpolitik von Präsident Emmanuel Macron sind in Paris mehr als 100 Menschen verletzt worden. Die Regierung setzt jetzt auf Verhandlungen mit den sogenannten Gelbwesten. Doch Jürgen König bezweifelt, dass Macron in der Lage ist, diese Proteste aufzufangen.

Von Jürgen König

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Bei gewalttätigen Protesten in der französischen Hauptstadt Paris hat es nach Angaben der Regierung mehr als hundert Festnahmen gegeben.  (AFP/Geoffroy VAN DER HASSELT)
Krawalle in der französischen Hauptstadt (AFP/Geoffroy VAN DER HASSELT)
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Frankreich nach den Gelbwesten-Protesten "Macron muss reden"

Proteste in Frankreich Regierung sucht den Dialog mit den "Gelbwesten"

Die Ereignisse dieses Wochenendes bedeuten eine Zäsur. "Le samedi noir", der "Schwarze Samstag" hat brutal gezeigt, wie groß die Brüche innerhalb der französischen Gesellschaft sind. Festzustellen ist, dass einem Teil der französischen Bevölkerung Recht und Gesetz herzlich egal sind. Denn wie sonst soll man die  Brutalität deuten: mit der ganze Gruppen von Menschen mit Gelber Weste Polizisten in die Enge trieben, zu Boden rissen und minutenlang in den Bauch und auf den Kopf traten; wie soll man es sonst verstehen, dass auch unter denen, die sich als "friedliche Demonstranten", als "ganz normale Bürger" bezeichneten, nicht eben wenige diese Gewalt ausdrücklich begrüßten: ohne brennende Autos, war zu hören, ginge es nun mal nicht, nur so könne die Regierung zum Zuhören gezwungen werden.

Öffentliche Ordnung vor Zusammenbruch

Festzustellen ist auch, dass im Verlauf des Samstags die Öffentliche Ordnung – zumindest in Paris – nach und nach zusammenbrach und am Abend nicht mehr existierte: in aller Ruhe konnten Vermummte in der Avenue Kléber, einer sonst belebten Geschäftsstraße,  ein Auto nach dem anderen anzünden, ohne dass irgendjemand sie dabei gestört hätte. Wie es dazu kam, welche Fehler die Polizei gemacht hat, ist derzeit noch nicht zu sagen. Feststeht, dass für das Gebiet um die Champs-Elysées 4000 Polizisten und Gendarmen aufgeboten wurden, so viele waren es zuletzt im Mai 1968 - viel mehr wird es auch in Zukunft nicht geben – dabei wird für Samstag schon das nächste "Wochenende der Wut" im Netz organisiert. 

Kein Mandat für Gelbwesten

Festzustellen ist ferner, dass weder die französischen Parteien noch die Gewerkschaften in der Lage sind, die Proteste aufzufangen.  Zu vielen gelten sie als diskreditiert, konsequent stellen sich die Gelbwesten außerhalb der parlamentarischen Ordnung auf; die anfängliche Forderung nach einer Rücknahme der Steuererhöhung auf Benzin und Diesel wird inzwischen von einer einzigen Generalforderung überdeckt: Macron muss weg. Dass der Präsident jetzt Gespräche mit den Gelbwesten organisiert, kommt viel zu spät: worüber will man noch sprechen? Über Macrons Rücktritt? Und mit wem will man sprechen? Eine Art Sprecherrat der Gelben Westen hat sich konstituiert - ob die Bewegung ihn akzeptieren wird? Er hat kein Mandat, seine Mitglieder wurden nie gewählt - und die Interessen innerhalb der Gelbwesten-Bewegung gehen weit auseinander, das einzige, was sie verbindet, ist ihr Hass auf Macron, der in ihren Augen den täglichen Lebenskampf der "ganz normalen Bürger" brutal ignoriert.

Und das hat Macron tatsächlich getan. Es rächt sich bitter, dass er die Nähe zur Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt seiner Amtszeit gesucht, für seine Reformen nie wirklich geworben hat. Jetzt scheint es fast zu spät zu sein. Macron steht vor einem Scherbenhaufen - und schweigt.

(©Deutschlandradio / Bettina Straub)Jürgen König (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Jürgen König, geb. 1959, Journalist, Autor, Moderator. Studierte Musikwissenschaft und Neue deutsche Literatur in Hamburg und Berlin. Von 1991 bis 1996 freier Kulturkorrespondent in Paris, seither für Deutschlandradio tätig als Redakteur und Moderator, Kulturkorrespondent im Hauptstadtstudio von 2010 bis 2013, im Anschluss Redaktionsleiter von "Studio 9 - Kultur und Politik". Seit Januar 2016 Korrespondent in Paris.

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