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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Vereinigte Königreich könnte am Brexit zerbrechen08.04.2021

Krawalle in NordirlandDas Vereinigte Königreich könnte am Brexit zerbrechen

Die Spannungen in Nordirland zwischen pro-britischen Unionisten und den Anhängern eines vereinigten Irlands haben wieder zugenommen. Am Ende könnte England allein dastehen mit seinem Brexit, meint Christine Heuer. Das Schlimme dabei sei: Die EU-kritische Tory-Basis hätte damit kein größeres Problem.

Ein Kommentar von Christine Heuer

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Ausschreitungen in Nordirland - eine Auto fährt am 7. April 2021 an dem brennenden Wrack eines Translink Metrobuses in Belfast vorbei. Hintergrund ist auch eine umstrittene Justizentscheidung: Die Staatsanwaltschaft stellte Ermittlungen gegen Vertreter von Sinn Féin ein, die am Begräbnis des IRA-Führers Storey teilgenommen hatten. (Liam McBurney/PA)
Ausschreitungen in Nordirland - alte Spannungen aus dem Bürgerkieg treten angesichts der Brexitfolgen wieder zu Tage (Liam McBurney/PA)

Der Brexit ist schuld. Er spaltet die Briten immer noch, und am stärksten spaltet er die Nationen, die nicht englisch sind, sondern schottisch, walisisch und nordirisch. In Nordirland eskaliert diese Spaltung gerade in roher Gewalt. Jugendliche, viele kaum älter als 13, werfen Molotow-Cocktails, setzen Busse in Brand, greifen Polizisten und Reporter an. Es ist eine Rebellion gegen die Grenze in der Irischen See. Diese Grenze trennt Nordirland faktisch vom britischen Mutterland. Sie verlangt Kontrollen beim Waren-Transport, hinterlässt leere Regale in nordirischen Supermärkten und nährt die Lust der Republikaner auf eine Wiedervereinigung mit Irland. Alles Teufelszeug aus Sicht der probritischen Unionisten, die möglichst eng mit London verflochten sein möchten. Das Vertrackte an der Sache: Ihr größter Freund, Boris Johnson, ist zugleich ihr ärgster Feind. Denn niemand strebte die verhasste See-Grenze mehr an als der britische Premier. Und niemand tut weniger dafür, dass sie halbwegs friktionslos funktioniert.

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Die Grenze als Preis für den Brexit

Johnson wollte keine Kompromisse. Er wollte raus aus der Europäischen Union, koste es was es wolle. Nicht einmal der Preis einer Grenze quer durchs Königreich erschien ihm zu hoch. Das sei gar kein Problem, wedelte der Chef in Downing Street frühe Bedenken lässig weg. Die Briten würden mit einer tollen neuen Digitaltechnik schon dafür sorgen, dass niemand sie spürt: Diese Grenze im eigenen Land. Allein: Die Technik gibt es bis heute nicht. Und alle spüren sie: Die Grenze als Preis für den Brexit. Dass der den Frieden in Nordirland gefährden könnte, war von Anfang an die große Sorge. Die Devise deshalb: Auf keinen Fall dürfe es wieder eine Grenze zwischen Nordirland und Irland geben. Nun zeigt sich: Auch an der alternativen Grenze entzünden sich Unruhen. Brexit und Frieden auf der Irischen Insel: Das ist die Quadratur des Kreises.

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Spaltung in Unionisten und Nationalisten

Der EU-Austritt hat dem Vereinigten Königreich ein schier unlösbares Problem beschert. Nordirland ist nur die Spitze des Eisbergs. Besonders sichtbar, weil die Spaltung in Unionisten und Nationalisten seit langem etabliert ist. Weil der Brexit sich dort am deutlichsten materialisiert. Und weil die Nerven hier besonders blank liegen. Aber auch in anderen Landesteilen gärt es längst. Nächsten Monat wählen die Schotten ein neues Parlament. Bestätigen sie die nationalistische Regierung, dann ist das eine Vorentscheidung für ein neues Unabhängigkeitsreferendum. Sogar im Brexit-freundlichen Wales liebäugeln immer mehr Bürger damit, sich von London loszusagen. Am Ende könnte England allein dastehen mit seinem Brexit: Little England statt Global Britain. Und das Schlimme ist: Umfragen belegen, dass die EU-kritische Tory-Basis damit kein größeres Problem hätte. Ihr ist der Brexit wichtiger als das Königreich.

Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christine Heuer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) Christine Heuer, geboren 1967 in Bonn, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Anglistik. Sie war für den Deutschlandfunk freie Korrespondenten im Bonner und Berliner Hauptstadtstudio, Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen und in der Kölner Chefredaktion Chefin vom Dienst. Heuer war zuletzt Redakteurin in der Abteilung Aktuelles und moderierte viele Jahre lang die Sendung "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Seit 2020 berichtet sie als Korrespondentin aus Großbritannien und Irland.   

 
 
 

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