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StartseiteHintergrundKreativität kontra Quote18.06.2011

Kreativität kontra Quote

Das deutsche Fernsehen: Leit- oder Lightmedium?

Noch nie schauten die Deutschen so viel fern wie heute - ganze 223 Minuten täglich. Gleichzeitig vermögen es nur wenige Sendungen, sehr viele Zuschauer zu binden. Zudem spotten Kritiker in einer der vielfältigsten Fernsehlandschaften regiere Einheitskost aus Casting-Shows, Doku-Soaps und Kochsendungen.

Von Brigitte Baetz

Ganze 223 Minuten täglich schauen die Deutschen fern. (Stock.XCHNG / Andre Lubbe)
Ganze 223 Minuten täglich schauen die Deutschen fern. (Stock.XCHNG / Andre Lubbe)
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"Für mich persönlich liegt auf 'Wetten, dass …?' jetzt einfach ein Schatten, der es mir schwer machen würde, jemals wieder zu der guten Laune zurück zu finden, die Sie von mir zu recht in dieser Sendung erwarten. Aber ein Event, der 30 Jahre lang in regelmäßigen Abständen zu Ihrem, aber auch zu meinem Samstagabend gehörte, hat ein solches Ende nicht verdient."

Eine Ära geht zu Ende, die Ära der großen Showmaster, bei denen schon die Person allein das Programm war. Thomas Gottschalk nimmt den Unfall eines Wettkandidaten, der seit seinem Auftritt in der Show gelähmt ist, zum Anlass, sich von der Sendung zu verabschieden.

Einer Sendung, der schon lange eine gewisse Behäbigkeit nachgesagt worden war. Die Show-Konkurrenz der kommerziellen Sender - Schlag den Raab oder Deutschland sucht den Superstar - ist spektakulärer. Kritiker glauben sogar, dass der riskante Stunt des verunglückten Samuel Koch dem Wettbewerb um die Gunst eines jüngeren Publikums geschuldet war.

Die Frage der Nachfolge für Thomas Gottschalk gestaltet sich für "das Zweite" schwierig. Eigenen Show-Nachwuchs hat der Mainzer Sender nicht. Das ZDF steht für "Wetten, dass …?" und "Wetten, dass …?" für das ZDF. Als Günther Jauch die Moderation der RTL-Sendung Stern-TV aufgab, sackte die Sendung in der Zuschauergunst sofort ab. Im Fernsehen lassen sich Personen nicht so einfach ersetzen. "Wetten, dass …?" gilt zudem als das letzte große Lagerfeuer der Fernsehnation, die letzte Sendung, die, von großen Fußballereignissen einmal abgesehen, noch alt und jung vor dem Bildschirm vereint. Doch ein Programm für alle - ist das überhaupt noch zeitgemäß?

"Tja, die Vorstellung ist ja schon lange weg und die ist ja in 'Wetten, dass …?' sozusagen noch mal als die eigene Legende noch mal aufrecht erhalten worden."

Der Fernsehkritiker Fritz Wolf.

"In Wirklichkeit ist das schon lange weg. Es ist schon lange weg in den Familien, wo alle einen eigenen Fernseher haben und jeder etwas anderes guckt. Da gibt's ja schon kein Vollprogramm mehr, und jetzt, wo sich über die vielen anderen Zugänge zum Medium jetzt das Programmschema sich aufzulösen beginnt und die festen Termine aufzulösen beginnen, da bleibt ja auch nicht mehr viel. Da gibt's ja immer gerade noch den Sonntag um 20 Uhr 15 den Tatort, das ist glaub ich einer der letzten dieser fixen Termine, wo sich das alles aufzulösen beginnt. Das ist eigentlich eine zwangsläufige Entwicklung. Das Problem wird eher sein: wo finden dann die Zuschauer ihre Sender und vor allem wo finden dann die Sender ihre Zuschauer in dieser sehr aufgesplitterten Seherschaft?"

Noch nie schauten die Deutschen so viel fern wie heute - ganze 223 Minuten täglich, oder anders ausgedrückt: drei Stunden und 43 Minuten jeden Tag. Doch gleichzeitig schwindet die Bindungskraft des Mediums - bis auf große Sportwettkämpfe oder einige wenige Formate, die sich als Ereignisse inszenieren: wie das RTL-Dschungelcamp oder die diversen Casting-Shows wie Germany´s Next Topmodel oder Deutschland-sucht-den-Superstar, die regelmäßig ein Millionenpublikum erreichen.

Viele Sender, kein Programm - so spotten Kritiker. In einer der vielfältigsten Fernsehlandschaften der Welt, in Deutschland, regiere die Einheitskost aus Casting-Shows, Dokusoaps, Kochsendungen und Talkshows. Innovationen, Experimente, gesellschaftliche Relevanz: Fehlanzeige. Der Schauspieler und Satiriker Oliver Kalkofe:

"Inzwischen arbeiten beim Fernsehen nicht mehr die Leute, die wirklich das Fernsehen lieben oder die das Publikum schätzen. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Ein Großteil der Redakteure und der Menschen, die da irgendwie für zuständig sind, die machen das, weil das ihr Job ist, weil sie den behalten wollen, weil sie bloß keine Fehler machen wollen und deswegen alles so machen wie es die anderen machen oder wie es schon jemand anderes vorgemacht hat. Das ist der kreative Tod: wenn man nur noch kopiert und nur noch guckt: was ist in einem anderen Land erfolgreich oder auf einem anderen Sender und das machen wir, nur ein bisschen schlechter, jetzt einfach nach, das geht eben nicht."

Was erfolgreich ist beim Zuschauer, wird so lange nachgeahmt bis das Publikum des Ganzen überdrüssig wird. Auf die Krawalltalkshows am Nachmittag und gespielten Gerichtsverhandlungen folgen bei den Privatsendern gestellte Dokumentationen über überschuldete Familien und über Menschen, die ihre Wohnung neu einrichten wollen. Wiederholungen amerikanischer Sitcoms wechseln sich ab mit Klatsch- und Tratschmagazinen und preiswert herzustellenden Telenovelas - und auch ARD und ZDF folgen dem Trend zur Billigproduktion, etwa hier, in der 179. Folge von "Lena, Liebe meines Lebens":

Natürlich bestätigen Ausnahmen im Sendereinerlei, wie sie bei ARTE, 3sat oder auch den Themenabenden des Privatsenders Vox laufen, auch hier die Regel. Aber: Formatierung heißt das Credo der meisten Programmmacher. Schnell wieder erkennbare Programme binden Zuschauer und verlangen ihnen wenig ab - während aufwendig produzierte Qualitätsprogramme immer den Keim des Scheiterns in sich tragen - zumindest was die Quote anbelangt. Der Fernsehkritiker Fritz Wolf, Mitglied in der renommierten Jury des Grimme-Preises:

"Es ist ein extrem konservatives Medium, überhaupt seit das kommerzielle Fernsehen da ist. Es geht in der Hauptsache um die Quoten, es gibt wenig Risiko und ich finde, die Risikobereitschaft hat sehr stark abgenommen, das kann man bei den kommerziellen Sendern genauso sehen, die gehen ja überhaupt nicht mehr ins Risiko. Die quetschen jedes erfolgreiche Format so lange aus, bis nichts mehr dran ist."

Kaum ein Sender, ob öffentlich-rechtlich oder privat, kommt heute ohne Kochshow aus. Ebenso beliebt: Geschichten über deutsche Auswanderer oder Singles, die einen Partner suchen. Die Formate heißen: "Bauer sucht Frau", "die Auswanderer", oder ganz konsequent "Auswanderer sucht Frau".

Auf der Fernsehbranche lastet ein enormer Kostendruck. Teilweise ist er selbst auferlegt, teilweise den Umständen geschuldet. Nach 2001 und noch einmal im Zuge der Wirtschaftskrise von 2009 sanken die Werbeeinnahmen drastisch. Die großen Fernsehunternehmen legen die Kosten auf die Produktionsfirmen um:

"In der Werbekrise haben die Sender massiv gestrichen, man spricht so von 30 Prozent und das ist ja auch nachvollziehbar. Die konnten nicht mehr ausgeben als sie eingenommen haben. Aber diese Kürzungen wurden jetzt nach dem Ende der Krise nicht rückgängig gemacht."

Jens Steinbrenner, Pressesprecher der Allianz Deutscher Produzenten.

"Dabei feiern die Sendergruppen Rekordergebnisse. Die RTL-Group hat letztes Jahr sein operatives Ergebnis um knapp 40 Prozent auf knapp 1,1 Milliarden gesteigert, der Konzerngewinn fiel mit 730 Millionen Euro sogar doppelt so hoch aus wie im Vorjahr. Und bei der ProSieben.SAT.1-Gruppe hat sich 2010 das Konzernergebnis nach Steuern auf 312,7 Millionen Euro verdoppelt. Da gibt's auch eine Pressemitteilung und was steht, ist ganz schön: 'Die operative Marge stieg von 20,9 Prozent und spiegelt die hohe Profitabilität des Unternehmens wider.' Diese hohe Profitabilität geht aber leider auf Kosten der Produzenten."

Auch ARD und ZDF sparen. Die Gebühreneinnahmen der öffentlich-rechtlichen Anstalten sinken, weil immer mehr Menschen aus sozialen Gründen von ihnen befreit sind. Gleichzeitig stecken ARD und ZDF in einer systemimmanenten Zwickmühle. Sie müssen sowohl einen Informations- als auch Kulturauftrag erfüllen, sehen sich aber gleichzeitig gezwungen, eine möglichst große Zahl von Menschen zu erreichen, um ihre Existenzberechtigung zu dokumentieren. Die vergleichsweise preiswert produzierten Fernsehfilme der ARD mit Christine Neubauer fahren regelmäßig weitaus höhere Quoten ein als qualitativ hochstehende Programme wie der preisgekrönte Krimimehrteiler "Im Angesicht des Verbrechens". Wie Programmdirektor Volker Herres sagt, will "das Erste" beide bedienen: die Mitte der Gesellschaft, aber auch ihre Ränder.

"In der Tat ist ein Trend in unserer Medienwelt, das sich die Angebote immer mehr zersplittern, fragmentieren, dass die Vielfalt zunimmt, nicht nur der inhaltlichen Angebote, sondern auch der Ausspielwege und das ist ein Trend, der auch zur Separierung des Einzelnen führt, den ich auch mit einer gewissen Sorge betrachte. Ich glaube, gerade wir als öffentlich-rechtlicher Anbieter haben immer auch die Aufgabe, so etwas wie der Kitt der Gesellschaft zu sein, für Zusammenhalt, für gemeinsame Seh- und Hörerlebnisse, Gesprächsstoff zu sorgen. Das ist nicht leichter geworden, da muss man aufpassen, dass man sich sehr konzentriert und sich nicht verzettelt und klare Prioritäten setzt in unserem Programm."

Ende Dezember letzten Jahres gründeten Drehbuchautoren, Schauspieler, Regisseure, Maskenbildner und andere kreative Fernsehleute die "Deutsche Akademie für Fernsehen". Sie reagierten damit auf den großen zeitlichen und finanziellen Druck, der inzwischen ihre Arbeit fürs das Medium bestimmt. Michael Brandner ist Vorsitzender der Akademie und auch Vorstand beim Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler:

"Man muss immer davon ausgehen, dass die Kreativen und auch die Teams letztlich immer sehr, sehr bemüht sind, das Beste zu geben. Darauf hat man sich immer verlassen können. Das ist das Unfairste an der ganzen Geschichte, dass man davon ausgegangen ist, dass die Leute immer das Beste erreichen wollen. Da quälen sich auch Kollegen, selbst wenn sie auf dem Zahnfleisch laufen. Wir reden ja nicht mal von den Dailys, wo die Kollegen wirklich Stunden schrubben, das ist ja wirklich Schwerstarbeit. Dass da noch einigermaßen Qualität bei raus kommt, das ist wirklich hoch, hoch anzurechnen."

In der Branche ist es kein Geheimnis, dass regelmäßig arbeitsschutzrechtliche Bestimmungen umgangen und Drehtage über das Maß hinaus verlängert werden, um Zeit und damit Geld zu sparen. Die Entwicklung ganz neuer Formate würde von den Produzenten erwartet, auf eigene Rechnung und eigenes Risiko, so Produzentensprecher Jens Steinbrenner:

"Die Kosten sind gestiegen in den letzten zehn Jahren. Einmal die, die immer getragen werden mussten, also Gagen, Löhne, Mieten, diese ganzen Sachen. Zusätzlich erwarten die Sender immer größere Entwicklungsleistungen von den Produzenten, die nicht unbedingt übernommen werden. Was dagegen nicht gestiegen ist, das sind die Budgets. Für einen Tatort zum Beispiel wird heute nicht mehr gezahlt wie vor 15 Jahren. Die Zahl der Drehtage musste von damals 23 auf jetzt 20 reduziert werden. Wenn Sie sich das vorstellen, keine Budgeterhöhung in 15 Jahren und was in den Jahren ein Liter Benzin gekostet hat, können Sie sich vorstellen, unter welchem Druck die Produzenten stehen."

Den Initiatoren der Deutschen Akademie für Fernsehen, den so genannten kreativen Köpfen der Branche, geht es aber nicht nur um die Arbeitsbedingungen im Fernsehgeschäft, für sie, so sagt der Schauspieler Michael Brandner, steht mit der Qualität im Fernsehen auch die Kultur in Deutschland auf der Kippe.

"Sagen wir mal so: wir wollten einschreiten, bevor sie so schlimm wird. Unser Fernsehen ist immer noch das Beste in ganz Europa, keine Frage. Aber es gibt trotzdem wirklich klar erkennbar Einschnitte. Fernsehen ist ein Medium, was in fast jeden Haushalt kommt, und wenn wir uns ansehen, welche fatale Folgen es hat, wenn so ein Medium ein Niveau hat wie in Italien, ich hab nichts gegen Italiener, aber es ist halt so, dass das kulturelle Niveau enorm sackt."

Und dies, meint Brandner, habe auf die Dauer Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft. Beispiel: die so genannte Scripted Reality. Ein unschlagbar preiswertes Programm, in dem Laien für die Kamera ihr eigenes Leben spielen - nach dem Drehbuch von Produktionsfirmen. Erfundene Geschichten statt Wirklichkeit. Das untere Drittel der Gesellschaft bevorzugt in Szene gesetzt als asozial, faul oder zumindest ziemlich dumm.

Sprecher: "Die 32-Jährige ist zum zweiten Mal schwanger, doch als die Wehen einsetzen, vergnügt sich ihr Ehemann in einer Diskothek."
Frau: "Da lieg ich im Krankenhaus und krieg grad ein Kind, da schickt mein Mann mir eine SMS von wegen ja, er hätte schon eine Geburt gesehen, ich würde das schon schaffen. Wünscht mir auch noch viel Glück. Also, da wär ich am liebsten in die Disco gefahren und hätte den von der Tanzfläche gezerrt."
Mann: "Die Natascha soll sich mal nicht so anstellen. Ich weiß, dass jede Geburt verdammt hart ist, aber schließlich wollte sie ja ein Baby haben. Und da muss sie durch. Mir reicht's, was damals mit Johanna los war."

Untersuchungen zeigen, dass die meisten Zuschauer durchaus wissen, dass Sendungen wie "Familien im Brennpunkt" keine wahren Begebenheiten zeigen, beziehungsweise dass diese vorgeblich wahren Begebenheiten dramatisiert worden sind. Und doch bleiben diese beliebten Formate, die es ausschließlich bei den kommerziellen Anbietern gibt, nicht ohne Folgen auch für das Programm der öffentlich-rechtlichen Sender, sagt der Fernsehjournalist und Dokumentarfilmer Michael Schomers.

"Die Entwicklung ist deswegen fatal, weil diese gescripteten Geschichten, die sind, ich sag's mal so: auf Krawall gebürstet. Da toben die Emotionen, da passiert jede Minute was, da gibt es keine ruhigen Beobachtungen, sondern die Geschichte wird immer weiter getrieben und das ist glaub ich dramaturgisch langsam, und ich hör das auch aus den Sendern und von den Produzenten, das ist langsam die Entwicklung, die man in den Dokumentationen auch will. Auch da muss es knallen und es müssen Emotionen hochgehen und es muss was passieren. Die ruhige, stille Beobachtung hat kaum noch auf diesen Sendeplätzen eine Chance."

Michael Schomers befürchtet, dass eine individuelle Handschrift der Fernsehautoren bald nicht mehr gefragt sein wird. Möglichst preiswert und möglichst bunt, so sollten die Fernsehdokumentationen sein, mit suggestiver Hintergrundmusik, die oft genug die dünnen Inhalt kaschiere - und das könnten große Produktionsfirmen, die Konfektionsware ablieferten, besser als kleine, unabhängige Autoren.

"Wir haben insgesamt eine Tendenz, dass die Themen entertainisiert werden, also es muss unterhaltend sein. Ich habe gerade einen Film gemacht mit einem alten Briten, ein fantastischer Protagonist, der die Wildkamele in der Wüste Gobi schützt und der jetzt auch eine andere Expedition vorhat, dieses Thema hab ich dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorgeschlagen und dann kam die Reaktion von der Redakteurin: der ist uns zu alt, weil er 75 ist. Also, man will heute gut aussehende, knackige Menschen und eben dazu sollen sie natürlich auch noch ein interessantes Leben haben. Aber wer hat das schon mit 30?"

Wo aber findet das wahre Leben statt, wenn sogar Informationsprogramme dem Diktat der Unterhaltung unterworfen werden? In der Talkshow-Schiene, mit der die ARD ab Herbst einen großen Teil ihres Abendprogramms im Ersten bestreiten wird, eher nicht, meint der Fernsehkritiker Fritz Wolf. Gute Dokumentationen zu angemessenen Sendezeiten seien heute wichtiger denn je.

"Der Dokumentarist Andres Veiel hat den schönen Begriff 'Rastplatz für Reflexion' benutzt als etwas, was die Sender eigentlich auch leisten müssten und was man gerade in diesen Zeiten, wo sozusagen eine große Krise die andere erschlägt, also wirklich dringlich bräuchte, um eigentlich auch mal in Ruhe nachdenken zu können, was eigentlich läuft."

Das Fernsehen - das meist genutzte Medium der Deutschen - setzt schon lange kaum noch eigene Themen. Die großen öffentlichen Debatten der letzten Monate, von Sarrazin bis Wikileaks und zu Guttenberg, wurden nicht vom Fernsehen angeschoben. Eine der wenigen Sendungen, die für produktive Aufregung sorgte, war eine Reportage über die umstrittenen Methoden des Finanzdienstleisters AWD und seines Gründers Carsten Maschmeyer - eine Produktion unter Federführung von NDR-Panorama. Die Sendung feierte in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Für die Moderatorin Anja Reschke ein Beweis dafür, dass die öffentlich-rechtlichen Sender noch am ehesten Garant für Qualität im Fernsehen sind.

"Investigativer Fernsehjournalismus, wie er bei Panorama seit 50 Jahren gemacht wird, wird auf Dauer nur beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen möglich sein, weil sie die Mittel dazu haben, sowohl personell wie auch finanziell, um solche Sachen zu machen. Das ist ihre Aufgabe und ich finde es gut, dass es nach wie vor gemacht wird. Bei Panorama und Panorama Reporter merken wir das, dass die Leute das immer noch sehen wollen und dass die Leute das interessiert und dass sie das auch goutieren. Man muss schon aufpassen in der heutigen Fernsehwelt, das nicht alles quasi immer der Unterhaltung und dem schnellen Geschäft und dem schnellen Oberflächenreiz unterliegt, sondern dass man auch sauber und ruhig an manchen Geschichten dran bleibt, weil: es wird belohnt, es wird vom Zuschauer belohnt."

Auch was die renommierten Fernsehpreise betrifft, sind ARD und ZDF bislang kaum zu schlagen. Die Frage ist nur: machen sie sich selbst überflüssig, wenn sie anspruchsvolle Sendungen nicht mehr zur besten Sendezeit und eher in ihren Spartenkanälen ausstrahlen? Volker Herres, ARD-Programmdirektor, sagt nein. Auch in der sogenannten Prime-Time werde Information transportiert - über das Mittel der Unterhaltung.

"Nehmen Sie Sendungen wie Quiz der Tiere, Starquiz, da geht es immer um Wissen, um Bildung, und Ähnliches. Auch das ist typisch öffentlich-rechtlich und was die fiktionale Unterhaltung angeht: ich glaube, da brauchen wir wirklich keine Nachhilfe. Wenn Sie den Mittwochsfilm sich anschauen, dann laufen da hervorragende Filme, die Alle gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen. Wir haben gerade 'Kehrtwende' gezeigt, einen Film über häusliche Gewalt, also einen Mann, der sein Kind und seine Frau schlägt, werden 'Homevideo' dieses Jahr ausstrahlen, in dem es um Mobbing im Internet geht. Ich könnte Ihnen unendlich viele Beispiele nennen. Also, da haben wir wirklich Vieles, gerade im Fiktionalen, das ist eine ganz, ganz wichtige Säule hier bei uns im Programm."

Und die wichtigste Säule, zumindest was den Zuspruch der Zuschauer betrifft, ist die Information. Bei allen wichtigen Ereignissen wird hier ARD und ZDF die meiste Kompetenz zugetraut - und sei es bei der Hochzeit von William und Kate. Qualität und Quote müssen sich also nicht ausschließen, obwohl Fernsehmacher oft der Meinung sind, die Zuschauer verlangten gar nicht nach Qualität, auch wenn sie das öffentlich nie sagen würden. Der Fernsehkritiker Fritz Wolf sieht das anders.

"Nein, also ich streite das glatt ab, dass das Publikum vor der Qualität davon rennt. Ich glaube, es gibt eigentlich zu wenig qualitätvolle Sendungen. Auch wirkliche Qualität in der Unterhaltung. Wenn man sich ansieht, in was für einem miesen Zustand die Fernsehunterhaltung eigentlich ist. Auf welchem wirklich unteren Level die agiert, dann finde ich nicht, dass das Publikum an der fehlenden Qualität schuld ist, sondern die Sender."

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