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StartseiteKommentare und Themen der WocheRussischer Staatszynismus in Reinform21.08.2020

Kreml-Kritiker Alexej NawalnyRussischer Staatszynismus in Reinform

Wer für den schlechten Gesundheitszustand des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny verantwortlich sei, sei noch unklar, aber eigentlich auch gar nicht entscheidend, kommentiert Thielko Grieß. Was in Omsk passiere, sei ein Modell dessen, wie sich Russland seit Jahren im Umgang mit anderen Ländern verhalte.

Thielko Grieß

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Der Chefarzt des Krankenhauses in Omsk steht vor Journalisten. (Dimitar DILKOFF / AFP)
Erst untersagen die Ärzte in Omsk die Verlegung Nawalnys nach Deutschland, dann stimmen sie doch zu (Dimitar DILKOFF / AFP)
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Alexej Nawalny darf nun doch nach Berlin. Also alles gut? Überhaupt nicht! Denn in Omsk spielt sich russischer Staatszynismus in Reinform ab. Ein Oppositioneller, aber erst einmal vor allem ein Mensch, liegt im Koma. Und weil die Vermutung begründet ist, dass die weltbeste Medizin gerade nicht in Omsk zu Hause ist, gibt es Hilfsangebote von außen. Ein Flugzeug aus Deutschland, ausgestattet mit Medizinern und Gerät für schwer kranke Koma-Patienten, steht startbereit auf dem Flughafen, wird aber stundenlang hingehalten.

Für eine Beurteilung ist gar nicht wichtig, ob man Alexej Nawalny mag oder nicht, und auch nicht, ob er nun wirklich vergiftet wurde und womit. Wichtig ist nur, was unbestritten Fakt ist: Er ist schwer krank. 

Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawaln  (imago images / tass / Sergei Fadeichev) (imago images / tass / Sergei Fadeichev)"Osteuropa"-Chefredakteur über Nawalny: "Der einzige Oppositionelle, der dem Putin-Regime die Stirn bietet"
Mit seinen Enthüllungsberichten über Korruption und Machtmissbrauch habe sich Kreml-Kritiker Alexej Nawalny in Russland ungemeine Anerkennung in der Gesellschaft eingebracht, sagte Manfred Sapper im Dlf.

Doch der Patient darf nicht schleunigst ausgeflogen werden, weil er aus Sicht des russischen Staates eben nicht einfach nur ein Mensch ist, sondern ein Oppositioneller. Der russische Staat gibt unverblümt zu erkennen: Nicht Ärzte oder seine Ehefrau entscheiden darüber, was mit ihm geschieht. Sondern kühle Geheimdienstler. In ihren Augen liegt da im Koma einer vor ihnen, der die Frechheit besaß, mit seinen Recherchen Korruption offenzulegen und damit auch noch bekannt geworden ist. Möge er doch weiter ruhen, danach handeln sie.

Umgang mit Nawalny soll abschreckend wirken

Wir wissen nicht, ob für Nawalnys schlechten Gesundheitszustand sibirische Provinzbosse die Verantwortung tragen, oder ob es eine Weisung aus Moskau dazu gab – und von wem. Doch auch das ist nicht entscheidend für eine Beurteilung. Denn wir wissen, wie der amtierende russische Präsident für die Beseitigung politisch Missliebiger oft genug Straflosigkeit gewährt hat.

Was in Omsk passiert, ist übrigens im Kleinformat ein Modell dessen, wie sich der russische Staat seit Jahren im Umgang mit vielen anderen Ländern verhält. All die Schlauberger, die in Deutschland zu jeder unpassenden Gelegenheit ahnungslos, dafür wortreich ihren hohlen Appell verbreiten, man müsse dringend wieder mit den russischen Regierenden "ins Gespräch" kommen, sei gesagt: Schaut nach Omsk. Das Gesprächsangebot ist längst da.

Als Reaktion von russischer Seite erhält man regelmäßig erst einmal eine Abfuhr,  Widersprüche, Ausflüchte, ein paar schlecht versteckte Lügen und einen Wust von Bürokratie. Eben das, womit ein Geheimdienststaat zu arbeiten in der Lage ist. Wenn sich dann doch, wie nun, etwas rührt, ist der Schaden längst entstanden.

Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

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