Samstag, 23.02.2019
 
StartseiteVerbrauchertippNur auf den ersten Blick ein Traumschiff31.12.2018

Kreuzfahrtschiffe Nur auf den ersten Blick ein Traumschiff

Kreuzfahrten sind beliebt, die Reedereien übertrumpfen sich mit immer moderneren und größeren Schiffen. Stiftung Warentest hat einen Blick hinter die Kulissen der Flotten geworfen. Ihr Fazit: In Sachen Sicherheit müssen sich Passagiere keine Sorgen machen, dennoch gibt es erhebliche Mängel an Bord.

Von Dieter Nürnberger

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Kreuzfahrtschiff vor Malta (Deutschlandradio / T. Forchheimer)
Deutsche Kreuzfahrtschiffe fahren oft unter ausländischen Flaggen (Deutschlandradio / T. Forchheimer)
Mehr zum Thema

Kreuzfahrtschiffe Umweltschutz meist auf Minimalniveau

Abwasserentsorgung der Kreuzfahrtschiffe Auf See duschen, im Hafen spülen

NABU-Ranking Schlechte Umweltnoten für Kreuzfahrtschiffe

Die Auftragsbücher der Werften sind voll - 2019 werden beispielsweise rund 20 neue Kreuzfahrtschiffe in See stechen. Die größten unter ihnen bieten inzwischen Platz für mehr als 6.500 Passagiere. Die Luxusliner sind somit längst schwimmende Kleinstädte - mit allem, was dazu gehört: Einkaufszentren ebenso wie eigene Müllverbrennungsanlagen oder Klärwerke. Doch gerade beim Umweltschutz herrscht im wahrsten Sinne des Wortes weiterhin dicke Luft, sagt Anne Kliem. Die Stiftung Warentest untersuchte vier große auch in Deutschland aktive Kreuzfahrtanbieter: 

"Vier von zwölf Schiffen im Test haben beispielsweise gar keine Abgasfilter. Und ein Rußpartikelfilter ist nur bei zwei Schiffen verbaut. Das Hauptproblem ist, dass die meisten Schiffe noch mit Schweröl fahren. Das ist ein besonders schädlicher Kraftstoff, weil dieser viele verschiedene Luftschadstoffe ausstößt.

Eine Alternative wäre zum Beispiel, dass die Schiffe mit Diesel fahren - Marinediesel ist ein deutlich saubererer Kraftstoff. Oder eben auch mit Flüssiggas, so wie die "Aida Nova", die jetzt als erstes Kreuzfahrtschiff weltweit mit Flüssiggas betrieben wird."

Das Kreuzfahrtschiff "MSC Meraviglia" der Kreuzfahrtgesellschaft MSC Crociere verlässt am 21.07.2017 den Hafen von Barcelona (Spanien). Foto: Hauke-Christian Dittrich (picture alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)Kreuzfahrtschiffe seien auf Notfälle hervorragend vorbereitet, so die Stiftung Warentest. In Sachen Schadstoffe sei aber noch Handlungsbedarf. (picture alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)

Schadstoffbestimmungen an Bord oft viel zu lasch

Die Reedereien zeigten sich in der Untersuchung übrigens durchaus kooperativ. So gaben sie an, dass die zwölf untersuchten Ozeanriesen mit ihren Schadstoffemissionen die gesetzlichen Regelungen einhalten – offenbar ist dies für die Stiftung Warentest nicht selbstverständlich. Allerdings seien hier geltende Bestimmungen oft viel zu lasch, sagt die Verbraucherorganisation. So gibt es Grenzwerte für den Schwefelgehalt derzeit nur entlang der Nord- und Ostsee und an den nordamerikanischen Küsten.

Befriedigende Noten beim Umgang mit Wasser und Müll

Immerhin erzielten die Test-Kreuzfahrtschiffe beim Umgang mit Wasser und Abfall an Bord noch befriedigende Noten.

Seit dem tragischen Unfall der "Costa Concordia" 2012 mit 32 Toten steht bei Kreuzfahrtschiffen auch die Sicherheit der Passagiere im Vordergrund. Hier scheint die Branche dazugelernt zu haben. Durch ständige Überprüfung der Kurs-, Wetter und Maschinendaten beispielsweise, auch durch vorgeschriebene Notfallübungen.   

"Die Crews sind dafür super ausgebildet. Die Schiffe sind wirklich auf Notfälle vorbereitet. Außerdem gibt es an Land sogenannte Flottenzentren, die alle Schiffe überwachen und die in kritischen Situationen auch Unterstützung bieten können."

Schlechte Noten für Arbeitsbedingungen an Bord

Während sich in puncto Sicherheit einiges verbessert hat, konnte keine Reederei bei sozialen Aspekten punkten. Weshalb wohl "Aida", "Tui", "Costa" und "MSC" auch nicht unter deutscher Flagge fahren. Strengere Regeln werden so umgangen. Vor allem die Arbeitsbedingungen stehen in der Kritik. Warentesterin Anne Kliem.

"Das liegt daran, dass die Crew an Bord - hier haben wir uns das Hotel- und Servicepersonal angeschaut - ein extremes Arbeitspensum hat. Und nur relativ wenig verdient. An Bord herrscht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Es gibt zum einem eben die nautischen und technischen Offiziere und dann gibt es das Hotel- und Servicepersonal, welches den Großteil der Crew ausmacht. Dieses Personal kommt eigentlich aus aller Welt, sehr viele aus südost-asiatischen Raum. Und die höher qualifizierten Arbeitskräfte sind häufig Europäer."

Fazit der Stiftung Warentest: Kreuzfahrtschiffe dürfen als sicher gelten, doch vor allem wegen der oft dicken Luft und schlechter Arbeitsbedingungen für die Besatzungen eignen sich nur bedingt für die Bezeichnung "Traumschiff".  

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk