Montag, 23. Mai 2022

Krieg, Klimawandel, Corona
Zeit für einen radikalen Abschied vom Überkonsum

Die Krisen unserer Zeit zwingen uns, unseren Lebensstil radikal infrage zu stellen, kommentiert Sina Fröhndrich. Der Konsum der Wohlhabenden sei schon lange nicht mehr tragbar für diesen Planeten und mache uns zudem abhängig von Russland. Verzicht müsse endlich als Chance gesehen werden.

Ein Kommentar von Sina Fröhndrich | 09.04.2022

Ein Paketbote von Deutsche Post DHL bringt Päckchen und Pakete mit Hilfe einer Sackkarre über eine Straße.
Etwas umsteuern reiche nicht, wir müssen unseren Konsum radikal hinterfragen, fordert Sina Fröhndrich. (picture alliance / Wolfram Steinberg)
Was muss eigentlich noch passieren? Da ist der barbarische Krieg Russlands gegen die Ukraine. Da sind Warnungen des Weltklimarates – und ein Virus, das das Leben auf den Kopf gestellt hat.
Es sind Krisen, die die Gesellschaft herausfordern – und die zugleich dazu zwingen, existenzielle Fragen zu stellen. Was braucht der Mensch für ein gutes Leben? Ein Dach über dem Kopf, Kleidung, Gesundheit, Gesellschaft, Fürsorge, etwas zu essen. All das ist eigentlich genug. Diese Erkenntnis ist bei einigen da – bei anderen ist sie gezwungenermaßen gelebter Alltag, weil sie ohnehin von der Hand in den Mund leben.
Indes ein radikaler, auch politischer Kurswechsel ist nicht sichtbar – den braucht es aber, damit die einen umsteuern und die anderen nicht noch mehr Abstriche machen müssen.

Wir müssen unseren materiellen Wohlstand hinterfragen

Nötig ist ein richtiger Turbo bei der Energiewende – und nicht nur ein bisschen mehr Tempo, wie es im Osterpaket von Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck steckt. Auch ein Aufruf zum Energiesparen droht zu verhallen – laut Bundesnetzagentur stoßen solche Appelle bei 60 Prozent aller Menschen auf taube Ohren, aus Desinteresse, aus Zeitmangel und aus finanzieller Not.
Was gibt es stattdessen: Debatten über ausverkauftes Sonnenblumenöl. Über vermeintlich zu hohe Spritpreise und ein Tempolimit. Es wird geredet, und nur ein bisschen umgesteuert. Weder Virus, Krieg noch Klimawarnungen ändern etwas daran. Was muss denn noch passieren, um die Wohlstandsblase der Vielen endlich radikal zu hinterfragen?

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Weniger Konsum bringt weniger Abhängigkeit

Dieser Krieg wird uns Wohlstand kosten, heißt es jetzt. Das klingt nach einer Drohung. Dabei könnte es befreiend sein.
Keller, Schränke, Schließfächer, manche Bankkonten sind voll. Für zwei Nächte nach Paris fliegen, 20 Paar Jeans im Kleiderschrank, Wurst zum Frühstück, Steak zum Abendessen, alle zwei Jahre ein neues Smartphone, Plastikspielzeug – verschifft quer über den Globus in riesigen Containerschiffen. Selten lebten Menschen, zumindest die, die es sich leisten können, so über ihre Verhältnisse. All das, ohne einzupreisen, dass Natur und andere Menschen darunter leiden – und dass gefährliche Abhängigkeiten entstehen, Stichwort russisches Öl und Gas.
Es geht jetzt also nicht mehr nur darum, statt Schweinefilet den günstigeren Schweinerücken zu kaufen. Es geht um das Weniger und auch weniger Abhängigkeiten.

Weniger Konsum wäre ein Gewinn

Bis zu 70 Prozent aller Emissionen bis 2050 könnten eingespart werden, indem sich der Lebensstil ändert, schreibt der Weltklimarat. Was nicht hergestellt wird, nicht gekauft und konsumiert wird, braucht auch keine Energie. Und nein, das ist kein Verzicht. Das ist ein Gewinn. Autos und Lkw, die nicht über Straßen donnern, tun auch den Ohren gut.

Natürlich ist es wohlfeil, all das zu fordern, wenn man es sich leisten kann. Es gibt Haushalte, die können nicht noch mehr verzichten – sie müssen unterstützt werden. Es gibt dafür Hebel: höhere Steuern für hohe Einkommen und warum nicht auch eine Vermögensabgabe.
Umsteuern heißt, sich ehrlich machen – die erneuerbaren Energien radikal ausbauen und Verzicht endlich als Chance zu begreifen.
Sina Fröhndrich

Sina Fröhndrich

Sina Fröhndrich, Jahrgang 1984, ist Leiterin der Redaktion "Meinung & Diskurs". Sie ist aufgewachsen in Brandenburg und hat Alte Geschichte, Evangelische Theologie und Journalistik in Leipzig und Florenz studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschlandradio war sie bis 2021 Redakteurin der Abteilung "Wirtschaft und Gesellschaft".