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StartseiteTag für TagOrthodox und verfeindet03.04.2017

Krieg im Donbass und die Kirchen Orthodox und verfeindet

Vor 25 Jahren hat sich die orthodoxe Kirche in der Ukraine von der russischen Mutterkirche in Moskau losgesagt. Bis heute verweigert das Moskauer Patriarchat dem Kiewer Patriarchen die Anerkennung. Seit Beginn des Krieges in der Ost-Ukraine hat sich dieser konfessionelle Konflikt verschärft. Er hinterlässt Spuren auch unter den Soldaten.

Von Holger Lühmann

Filaret Denysenko, Patriarch der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, segnet Mitglieder des ukrainischen Bataillons Zolotye Vorota in einem Trainingslager der Nationalgarde nahe Kiew (picture alliance / dpa / Tatyana Zenkovich)
Filaret Denysenko, Patriarch der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, segnet Mitglieder des ukrainischen Bataillons Zolotye Vorota in einem Trainingslager der Nationalgarde nahe Kiew (picture alliance / dpa / Tatyana Zenkovich)
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Seit mehr als drei Jahren stehen sich russische Separatisten und ukrainische Soldaten feindlich gegenüber. Der Konflikt in der Ostukraine ist ungelöst - und das scheint auch die orthodoxe Kirche nicht ändern zu können. Weil sich Christen derselben Konfession bekämpfen, zeigt sie sich neutral. Doch die inszenierte Parteilosigkeit kommt immer mehr ins Wanken. Nicht zuletzt durch die Soldaten, die ihren Kampfeinsatz zum Teil religiös legitimieren. So wie Vitali aus Kiew, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte:

"Es geht uns um einen Kreuzzug gegen die Häresie, das heißt gegen das Moskauer Patriarchat, das für uns ein satanisches Regime darstellt. Und darum müssen wir es bekämpfen."

Vitali ist Soldat im ukrainischen Sankt-Maria-Bataillon, einem militärischen Freiwilligenverband mit christlicher Mission. Diese Truppe wurde 2014 bei Kriegsbeginn spontan gebildet - von einigen Dutzend Soldaten, um den Donbass zu verteidigen. Später wurde sie eingegliedert in die ukrainische Armee. Mitglieder der ersten Stunde wie Dimitri, der seinen Nachnamen ebenfalls nicht nennen will, bleiben dabei: Sie führen einen Glaubenskrieg gegen das russisch-orthodoxe Epizentrum in Moskau und dessen Patriarch Kyrill I.

"Die Kirche in Russland war in der Geschichte schon immer ein Instrument expansiver Politik. Bis heute ist sie von der Regierung abhängig und handelt nicht wie eine souveräne Kirche. Das Übel sitzt also im Patriarchat von Moskau und deswegen erkennen wir es auch nicht an."

Kirchengemeinden wechseln die Seiten

Damit folgt Dimitri der Linie des Patriarchen in Kiew, Filaret Denysenko, der den russischen Präsidenten Wladimir Putin als "Mörder" und "Teufel" bezeichnet. Vor 25 Jahren hatte sich Filaret von der russisch-orthodoxen Mutterkirche losgesagt, um in der damals noch jungen Republik Ukraine eine eigene orthodoxe Nationalkirche aufzubauen. Der Schritt in die Selbständigkeit - er wird bis heute von Moskau boykottiert, so der Moskauer Historiker Nikolay Mitrokhin:

"Trotzdem führt die russische Seite offiziell noch immer Verhandlungen mit dem Patriarchat in Kiew, um es zurück in den Schoß Moskaus zu holen. Diese Erwartung ist nicht unbegründet. Immerhin haben sich bereits einige abtrünnige ukrainische Gemeinden wieder dem Kirchenoberhaupt in Moskau untergeordnet."

Doch in manchen Gemeinden ging man den umgekehrten Weg, so im Fall von Kaplan Andrij Dmitrijew. Noch während seiner theologischen Ausbildung im südukrainischen Cherson unterstand er dem Patriarchen in Moskau. Dann, 2014, als Russland die Halbinsel Krim annektierte, wechselte er die Seiten.

"Dass der Moskauer Patriarch Kyrill geschwiegen hat, war für mich unverständlich. Das Stillhalten war gleichzusetzen mit einer Duldung, ja einer Teilnahme an russischen Angriffen. Ich will keiner Kirche angehören, die an solchen Taten beteiligt ist. Darum habe ich im Gottesdienst mitgeteilt, dass ich das nicht länger unterstütze. Ich habe die Gemeinde gefragt, ob sie hinter mir steht. Und sie sagte: Ja! Und so haben wir uns dann mit der gesamten Pfarrkirche dem Kiewer Patriarchat angeschlossen."

Wladimir Putin und der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche Kyrill I. (picture alliance / dpa / Foto: Sergey Guneev)Der russische Präsident Wladimir Putin und der Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche Kyrill I. (picture alliance / dpa / Foto: Sergey Guneev)

70 weitere orthodoxe Gemeinden folgten dem Beispiel, erzählt der Geistliche. Der Krieg hat den ohnehin sichtbaren Spalt zwischen den orthodoxen Christen noch tiefer werden lassen. Und den Konkurrenzkampf angefacht, wer die kirchenpolitische Vorherrschaft in der Ukraine beansprucht: das Patriarchat in Kiew oder das in Moskau. Der Historiker und Soziologe Nikolay Mitrokhin macht vor allem dem Kiewer Patriarchen Filaret Vorwürfe:

"Der Patriarch in Kiew braucht eine Zielscheibe. Und das ist das Moskauer Kirchenoberhaupt. Anstatt die wirklichen Verursacher des Krieges anzuprangern, wird auf Kirchenebene abgerechnet. Es geht hier eben auch um kirchenpolitische Interessen, also um den Status einer eigenständigen ukrainischen Nationalkirche."

Argumente für eine eigene Kirche - unabhängig von Moskau - findet man in der Geschichte. Denn von Kiew aus wurde seit dem zehnten Jahrhundert im Osten christianisiert. Die Stadt Moskau war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gegründet.

Dürfen Kaplane Panzer segnen?

Heute befeuert das Kriegsgeschehen den Streit um die Legitimität beider Kirchen. Alltags-Fragen werden zu Propaganda. Sind Kaplane parteiisch, wenn sie Panzer segnen? Oder: Dürfen Priester müden Soldaten eine Nacht im Gemeindebüro gewähren? Auf solche Fragen geben Geistliche sehr unterschiedliche Antworten, sagt Nikolay Mitrokhin. Und doch sieht er in ihnen nicht die treibende Kraft für all die Spannungen in der Region:

"Was immerhin feststeht, ist, dass die Kirche auf beiden Seiten keine tragende Rolle bei der Entstehung des Konflikts gespielt hat. Ich glaube einfach, dass sich die Geistlichen vor Ort nützlich machen wollen, anstatt Öl ins Feuer zu gießen."

Und dennoch sind konfessionelle Konflikte auch an der Basis spürbar, nachzulesen in den Tagesberichten der OSZE, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die den Kriegsverlauf mit 800 Mitarbeitern beobachtet. Alexander Hug vom OSZE-Büro in Kiew:

"Wir haben schon dokumentiert, dass es in der Tat Spannungen zwischen den Kirchen gibt, nicht nur im Osten, sondern auch im Westen, wo sich innerhalb der orthodoxen Kirche hier die verschiedenen Gruppierungen um Gebetsräume bemühen und es dann Konflikte gibt, welche Gruppe denn die Gebäude nutzen darf."

Das ist vor allem dort zu beobachten, wo Pfarrgemeinden gespalten sind - nicht in liturgischen Fragen wohlgemerkt, sondern in der Bindung der Geistlichen an Kiew oder Moskau. Doch obwohl sich auch Kaplan Dmitrijew vom Moskauer Patriarchen Kyrill abgewandt hat, wirbt er dafür, aufeinander zuzugehen - vor allem auf Gemeindeebene.

"Es ist doch egal, ob ich der einen oder anderen Kirchen angehöre. Und es macht keinen Unterschied, wer Ukrainisch oder Russisch spricht. Das Entscheidende ist nur, ob ich die Ukraine liebe oder nicht."

Eine patriotische Botschaft, die vor dem Hintergrund des Krieges bei einigen orthodoxen Gläubigen verfängt. Vermutlich nicht unbedingt bei Filaret und Kyrill, den Patriarchen von Kiew und Moskau, aber möglicherweise bei den Nachfolgern der heute 88 beziehungsweise 70 Jahre alten Kirchenoberhäupter.

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