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StartseiteWissenschaft im BrennpunktKrieg mit Keule24.12.2010

Krieg mit Keule

Die Anfänge der organisierten Gewalt

Geborstene Knochen, Holzknüppel, durchlöcherte Schädel – sie sind stumme Zeugen einer Schlacht, die sich vor gut 3000 Jahren am Ufer des Flüsschens Tollense in Mecklenburg Vorpommern ereignete. Hier graben Archäologen nach den Wurzeln des Krieges. Lange Zeit haben Philosophen spekuliert, ob der Mensch im Naturzustand eher edler Wilder war oder seines Mitmenschen Wolf. Antworten geben jetzt neue Daten aus der Forschung.

Von Volkart Wildermuth

Der Schädel eines etwa 35- bis 40-jährigen Mannes mit einem Pfeil im Gesicht aus der Zeit um 3499 v. Chr. ist im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/Saale zu sehen. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Der Schädel eines etwa 35- bis 40-jährigen Mannes mit einem Pfeil im Gesicht aus der Zeit um 3499 v. Chr. - Gewalt gehört zum Menschen, von Anfang an. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
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"Das ganze Tollensetal ist voll mit Funden, wenn man so will. Mein Vater hat das damals entdeckt beim Schlauchbootfahren. Er war halt unterwegs und da hat er gesehen, da gucken menschliche Knochen raus."

Das Tollensetal in Mecklenburg Vorpommern. Ein kleiner Fluss schlängelt sich zwischen grünen Wiesen. Links und rechts Hügel, auf der einen Seite ein Wald. Einzige Spur der Zivilisation: weit hinten eine Hochspannungsleitung. Ansonsten Idylle, eine friedliche Landschaft, in der Ronald Borkward gerne spazieren geht.

"Und da hab ich dann mal nachgeguckt am nächsten Tag und bin dann sofort fündig geworden. Das Erste, was kam, war gleich dann ein Oberarm mit einer Pfeilspitze drin und da war schon klar, worauf das hinausläuft."

Flugzeugabfertiger, das ist Ronald Borkwards Beruf, seine Leidenschaft ist die Geschichte.

"Da hab ich eine Notbergung gemacht und bin dann auf den Holzhammer und habe den weiter verfolgt in die Böschung rein. Und da lag dann ein Schädel drauf, von einer 30- bis 40-jährigen Frau auf dem Holzhammer. Und das wagt man ja gar nicht zu glauben, in dem Moment. Fast ein Highlight des Lebens, wenn man so will."

Das Landesdenkmalamt kontaktierte Archäologen der Universität Greifswald und beauftragte Thomas Terberger mit den Ausgrabungen. In der steifen Brise von der Nordsee zogen seine Helfer ein Skelett nach dem anderen aus dem Torf. Bald war klar, dass man auf eine Sensation gestoßen war.

"Bislang ist das aus unserer Kenntnis doch einmalig, dass auf einem so langen Teil eines Flusses, über Kilometer, immer wieder Menschenreste aus einer bestimmten Schicht zutage treten. Dies ist bislang ohne Parallele. Und insofern wäre das quasi das älteste Schlachtfeld, was wir in dieser Form untersuchen können."

"Ich hab die letzten zwei Tage eher viel geschaufelt irgendwie und jetzt endlich mal da wo auch quasi was zu finden ist, also es ist spannend auf jeden Fall. Ich bin froh, dass ich gerade dieses Quadrat abbekommen habe, ja."

Ein Quadratmeter Geschichte für den angehenden Lehrer Ole Storm. Gemeinsam mit rund einem Dutzend anderer Studenten hat er sich vorgearbeitet, erst mit dem Spaten, dann mit Metallkratzen, schließlich mit dem Holzspatel. Immer tiefer, durch die Grasnarbe, durch den Torf bis zu einer sandigen Schicht. Obenauf liegt dichtes Flechtwerk aus bröckeligen Hölzern, vielleicht ein Zaun, vielleicht Fischreusen. Sie stammen wohl aus der Eisenzeit, ein paar Hundert Jahre vor Christi Geburt. Nur Zentimeter darunter und 1000 Jahre älter das, was all die Ausgräber ins Tollensetal gebracht hat: Knochen aus der Bronzezeit. Ole Storm:

"Das sieht so ein bisschen so aus, als ob das ein Kugelgelenk vielleicht wäre, so eine Ansatzkante für ein Kugelgelenk. Könnte sein, irgendwas Beckenmäßiges, schwierig zu sagen."

Noch steckt der Knochen in der Erde, aber nach einer Stunde vorsichtigen Schabens wird ihn Ole Storm herauspräpariert haben. Ein Puzzleteil mehr für die Rekonstruktion der Wurzeln des Krieges. Thomas Terberger:

"Ja, die Definitionen für Krieg fallen ja sehr unterschiedlich aus."

Wann beginnt Krieg? Richard Wrangham, Harvard Universität:

"Wie sich Schimpansengruppen zueinander verhalten, das erinnert durchaus an Krieg. Es gibt Koalitionen von Männchen, die bei günstigen Gelegenheiten angreifen und Mitglieder anderer Gruppen töten. Die Formel ist ganz einfach: Wenn Du ohne Risiko töten kannst, dann lohnt sich das."

Haben sich Menschen also schon immer bekämpft, führt eine direkte Linie vom Gebiss des Schimpansen über Faustkeil und Bronzeschwert bis zur Kalaschnikow? Terberger:

"Wenn ich es mit einer Zeit zu tun habe, in der wir eine sehr, sehr geringe Bevölkerungsdichte haben, können schon 100 oder 200 Individuen ein hoher Anteil der männlichen Population oder der Gesamtpopulation sein, die an einem solchen Konflikt beteiligt war. Und dann kann man durchaus von einem Krieg sprechen."

Oder gab es einst ein friedliches Zusammen- oder auch Nebeneinanderherleben. Vielleicht mit Schlägereien, vielleicht mit Morden, aber ohne die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Gruppen? Heidi Peter-Röcher, Würzburg:

"Nach meinen Ergebnissen beginnt der Krieg mit hierarchischen Gesellschaftsformen, mit Befehlsstrukturen. Das heißt, an dem Zeitpunkt, wo es Leute gibt, die andere zu etwas zwingen können. Das ist sicher der Kriegsbeginn."

Entstand der Krieg erst, als die Menschen sesshaft wurden, oder noch später, als sie begannen Schwerter zu schmieden? Jürg Helbling, Konstanz:

"Krieg muss organisiert werden, es gibt Versammlungen, die Frage, ob man die Alliierten mobilisieren will oder nicht. Wann man losschlagen will, auf welche Weise. Ob man Überfälle startet oder zuerst eine Art Schlacht veranstaltet. Also das sind hochkomplexe Dinge, die nichts von dieser Emotionalität und Spontaneität von individuellen Gewaltausbrüchen haben."

Theorien zum Ursprung des Krieges gab es viele. Die einen träumten vom edlen Wilden, die anderen vom blutigen Naturzustand des Homo sapiens. Doch erst langsam sammeln sich ausreichend Daten an, um all die Thesen zu bewerten. Rick Schulting, Oxford:

"Menschen sind weder von Geburt an kriegerisch noch sind sie friedlich. Es hängt von den Bedingungen an. Ob sie gezwungen sind zu kämpfen, oder ob der Kampf einfach eine Möglichkeit ist, den Lebensunterhalt zu verdienen."

"Einen Wirbel wahrscheinlich von einem Pferd. Würde sehr nah kommen, weil drüben in dem Stück liegt auch Pferdeknochen. Vielleicht könnte man interpretieren, dass da irgendein Reiter gefallen ist. Man hat ja auch den Bronzering gefunden und der Schädel liegt ja auch noch da. Vielleicht irgendeine Elite. Wäre wahrscheinlich möglich. Aber ist nur eine Theorie."

Der Student Paul Hirschberg blickt auf das größte Grabungsfeld an der Tollense. Hier ist die Fundschicht schon auf zwanzig Quadratmetern freigelegt, ein Gewirr aus Hölzern und Knochen, ein Huf, ein Schädel, alles säuberlich freipräpariert. Thomas Terberger:

"Ja, hier haben wir eine besonders fundreiche Situation. Und hier hat man den Eindruck, dass die Überreste mindestens eines Menschen verteilt sind. Links haben wir den Schädel, mindestens zehn, zwanzig Rippen, nah beieinander liegend, da ist vielleicht der Brustkorb dann zusammengefallen, aber wir sehen auch Ober- und Unterschenkel, die vermutlich eben zu demselben Individuum gehören. Und die Knochen an der Stelle noch anatomisch in richtiger Lage zusammengeblieben sind."

Ein Mensch der Bronzezeit, gestorben vor über 3000 Jahren. Der Archäologe Thomas Terberger wird ihn bald genauer kennenlernen. Er sorgt dafür, dass die Knochen von Anthropologen und Chirurgen auf Verletzungen untersucht werden, dass sie mit Hilfe der Radiokarbonmethode exakt datiert werden, dass Veterinäre Tierknochen bestimmen und dass Archäobotaniker anhand von Pollen die vergangene Landschaft nachzeichnen. Noch ist es an dieser Grabungsstelle nicht so weit, jetzt kommt es erst einmal darauf an, den Fund zu dokumentieren. Die Archäologiestudentin Jana Dräger vermisst jedes einzelne Knochenstück, bevor sie es in ihren Plan einzeichnet.

"Wenn da ein Knochenhaufen mit mehreren Rippen und Wirbeln und dann noch das Holz dazu, wenn das alles übereinander und untereinander und quer und kreuz liegt, dann kann man es auf dem Foto nie so genau erkennen, als wenn man es von 20 cm Entfernung sieht und zeichnet."

Das Durcheinander der Knochen belegt: Die Menschen der Bronzezeit sind nicht direkt hier gestorben. Die Leichen müssen flussaufwärts ins Wasser gefallen sein, sie trieben ein Stück, bevor sie auf einer Sandbank, in einem Altarm der Tollense hängenblieben, im Schlick versanken. Die Kleider, das Fleisch zersetzte sich. Allein die Kochen blieben im feuchten Torf über mehr als drei Jahrtausende erhalten. Nun liegen sie wieder frei und Grabungsleiterin Dr. Gundula Lidke muss schnell handeln. Was sie jetzt übersieht wird für immer im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben.

"Ja, momentan ist es noch so, dass man vielleicht wie ein Arzt am OP-Tisch, das einfach nur als Fundsituation begreift. Das Schicksal der einzelnen Person dahinter ist momentan eher wenig interessant."

Immer wieder stoßen Archäologen auf Spuren gewaltsamer Ereignisse. Die frühesten Belege stammen mit aus Deutschland. In der Großen Ofnethöhle bei Nördlingen fanden sich 33 zum Teil eingeschlagene Schädel. Sie sind 9000 Jahre alt und stammen von Jägern und Sammlern der Mittelsteinzeit. In Thalheim bei Heilbronn entdeckte man auf einem Acker die Überreste eines Massakers an 34 Menschen der Jungsteinzeit. Gewalt gehört zum Menschen, von Anfang an. Doch diesmal geht es um ganz andere Dimensionen. Im Tollensetal sind vor über 3000 Jahren wahrscheinlich mehrere Hundert Menschen gewaltsam zu Tode gekommen.

Wie alltäglich war dieses Ereignis? Prägte die organisierte Gewalt das Leben der Menschen damals bereits? Rick Schulting:

"Wir sehen uns Verletzungsspuren direkt an Knochen an. Sie sind der direkte Beweis für körperliche Gewalt."

Auf der Suche nach aussagekräftigen Funden ist Rick Schulting durch Museen in ganz Europa gereist. Am Ende konnte der Archäologe an der Universität Oxford über 2000 Schädel untersuchen. Viele waren zerbrochen, trotzdem wagte er sich an eine Bestandsaufnahme der Gewalt.

"Wir haben die Kriterien angewandt, mit denen Rechtsmediziner Verbrechen und Morde nachweisen. So konnten wir unterscheiden, ob der Bruch im Schädel kurz vor dem Tod auftrat, als die Knochen noch elastisch waren. Später brechen sie anders, weil die Knochen ganz trocken sind."

Schultings Schädel stammen aus drei Phasen der Frühgeschichte: Die weitaus längste ist die Altsteinzeit. Über 150.000 Jahre lebten die Menschen als Jäger und Sammler. Das änderte sich, als Ackerbau und Viehzucht entstanden und die Bauern der Jungsteinzeit sesshaft wurden: in Mitteleuropa vor etwa 7.500 Jahren. Die Bronze erreichte den Kontinent vor etwa 4.200 Jahren. Die komplexe Metallbearbeitung erforderte komplexe Gesellschaften, mit umfassender Arbeitsteilung, oft hierarchischen Strukturen und weiträumigen Handelsbeziehungen. Spätestens hier mussten die Anfänge organisierter Gewalt zu finden sein. Doch wo genau? Rick Schulting:

"One of the problems looking at pre agricultural societies in western Europe is that we have far fewer skeletal to look at."

Über die langen Jahrzehntausende der Jäger-und-Sammler-Gesellschaften kann Rick Schulting kaum etwas sagen, es gab schlicht zu wenig Funde. Größere Auseinandersetzungen vermuten er und seine Kollegen für diese Periode aber nicht. Die Jäger und Sammler hatten wenig Besitz, um den zu kämpfen sich gelohnt hätte. Eine Ausnahme bilden die Küstenregionen mit ihren ergiebigen Fischgründen und Muschelfeldern.

"Und wie zu erwarten zeigt sich, dass aus dieser Zeit in Dänemark besonders viel Gewalt dokumentiert ist. Ein Kollege argumentiert sogar, dass es damals mehr Gewalt gab, als in den bäuerlichen Gesellschaften der Jungsteinzeit. Die Landwirtschaft hat dann den Druck eher gemildert, weil man die Gebiete im Landesinneren besser nutzen konnte."

Doch dann wuchs in der Jungsteinzeit die Bevölkerung. Die frühen Bauern konnten Besitz ansammeln, vor allem wertvolle Viehherden. Sie waren an ihre Felder gebunden, konnten streitbaren Nachbarn nicht einfach ausweichen. Es kam deshalb zu gewaltsamen Konflikten, die Rick Schulting in den Schädelsammlungen nachweisen kann.

"Die Zahlen schwanken etwas je nach Region und Zeit. Aber der Prozentsatz der Verletzungen, die keine Heilungsspuren zeigen, die also vermutlich die Todesursache waren, die liegen immer zwischen zwei und fünf Prozent. Das hört sich nicht nach viel an. Aber es gibt heute auf der ganzen Welt keine Gesellschaft, in der so viele Menschen an Kopfverletzungen sterben."

Die Jungsteinzeit, eine Periode der Gewalt. Doch die Daten lassen Raum für Interpretationen.

"Das hängt meines Erachtens an den Rechenwegen. Also wenn man eine kleine Gemeinschaft von sagen wir mal 30 Personen hat und da kommt in 20 Jahren ein gewaltbedingter Todesfall vor, weil sich irgendjemand dafür rächen will, dass ihm jemand die Frau weggenommen hat, dann ist das umgerechnet in solchen Zahlen, wie sie für Todesraten in Amerika berechnet werden, natürlich viel. Aber Tatsache ist: Es ist ein Todesfall in 20 Jahren. "

Heidi Peter-Röcher ist Professorin für Archäologie an der Universität Würzburg. Auch sie versucht die Bedeutung der Gewalt anhand von Knochen in Museumssammlungen abzuschätzen. Schädel hat sie nicht untersucht, sondern systematisch Veröffentlichungen ausgewertet. In ihre Analyse konnte sie so die Überreste von etwa 18.000 Individuen mit einbeziehen, von der Altsteinzeit bis ins Mittelalter. Generell sind die Verletzungsraten ähnlich verteilt wie in der Studie von Rick Schulting. Auffällig ist vor allem der Beginn der Jungsteinzeit.

"Diese Zeit der Sesshaftwerdung war, glaube ich, auch zumindest in einigen Gebieten von ziemlicher Gewalt begleitet. Ob das als Krieg bezeichnet werden darf, da hätte ich meine Zweifel, und als diese neuen Formen des Umgangs miteinander, diese neuen Regeln gefunden waren, hat die Gewalt auch wieder aufgehört, das sehe ich an meinen Skelettfunden, ja."

Die Knochenfunde zeigen: Sobald es etwas gab, um das zu kämpfen sich lohnte, wurde auch gekämpft. Doch erst mit dem Aufkommen komplexerer Gesellschaftsformen in der Bronzezeit häufen sich die Spuren organisierter Gewalt, so Heidi Peter-Röcher. Was nicht heißt, dass es nicht auch schon in der Jungsteinzeit größere Auseinandersetzungen zwischen Gruppen gegeben haben kann. Rick Schulting verweist auf über 5500 Jahre alte Befestigungsanlagen aus England.

"Um diese Hügel-Befestigungen zu bauen, mussten Hunderte Leute koordiniert werden. Wenn das möglich war, dann konnte man auch Hunderte Leute für andere Zwecke organisieren, für Überfälle oder Kriege. Das ist eine neue Dimension. Gelegentlich entdecken wir sogar Belege. In Hambledon Hill wurde der Wall niedergebrannt. Im Schutt fand sich ein Skelett mit einer Pfeilspitze im Brustkorb. Das ist ziemlich eindeutig. Und in Crickley Hill hat man 400 Pfeilspitzen gefunden, die offensichtlich durch das Tor geschossen wurden, das war wohl ein ziemlich großer Angriff."

"Herbert und ich, wir gehen jetzt erst mal hier vorne rein und gucken uns dieses lange Holzteil an, was eventuell ein Einbaum ist. Dann schwimmen wir beide das Gebiet 32 ab. Und du könntest dich jetzt hier im Prinzip schon rumtreiben lassen, in die Richtung."

"Und ich gebe die Funde raus?"

"Wenn sie im Ufer drinnen stecken, lässt Du sie erst mal stecken. Da kommen wir hin, messen die ein, fotografieren das, zeichnen das vielleicht, die bleiben erst mal drinnen, aber muss natürlich unbedingt gemeldet werden, hier steckt was drinnen. Und die verspülten Funde werden ganz normal von Land aus mit GPS eingemessen hochgegeben."

Ein Team von Forschungstauchern bereitet sich auf einen Tauchgang in der Tollense vor. Sie haben sich in die sperrigen Trockentauchanzüge gezwängt, die Flaschen auf den Rücken geschnallt, die Kamera festgebunden. Und jetzt geht es endlich los.

"Ist das schön, schön kühl!"

Jedes Jahr verschieben sich die Windungen der Tollense, schneidet der Fluss andere Erdbereiche an und legt dabei neue Knochen frei. Der Historiker Dr. Joachim Krüger steigt an den Wochenenden regelmäßig in den Fluss. Im klaren Wasser finden er und seine Mitstreiter kleine Fingerknochen, lange Oberschenkel, ganze Schädel.

"Ich führe im Moment was die Anzahl der geborgenen Schädel angeht. Also alles in allem müssten es so sechs, sieben Schädel beziehungsweise Schädelfragmente sein, die ich hier gefunden haben. Das war an einem Tag, dass ich diese drei Schädel hintereinander gefunden hatte, letzten Montag, das war natürlich schon ein ganz besonderes Erlebnis, das ist, ich glaube, kaum zu toppen."

Einer lag einfach auf dem sandigen Grund. Andere waren schon von Algen bewachsen, ähnelten großen Steinen. Der Fluss nimmt sie mit, so wie er wohl schon vor über 3000 Jahren Leichen mitgeschwemmt hat. Wo der eigentliche Ort des Geschehens liegt, ist nach wie vor unklar. Die Taucher beobachten die Ufer vor allem flussaufwärts. Hoffen, dass die Tollense irgendwann das Schlachtfeld selbst offenlegt. Krüger:

"Ich hab mir die alte Fundstelle da drüben angeschaut. Zustand kontrolliert. Ja, die Strömung hat da ziemliche Schäden angerichtet. Das Ufer ist dort stark ausgefressen. Große Sedimentblöcke sind raus gebrochen und runter gerollt, aber ich hatte dann dort frisch aus dem Profil heraus diesen Gelenkkopf. Also menschlich durchaus."

Wieder an Land informiert Joachim Krüger Grabungsleitern Gundula Lidke

"Den einzelnen Knochen, der drinnen steckte, den hab ich nur als WGS 84, den können wir jetzt nicht einmessen. Aber der Wirbel kam ziemlich dicht dabei raus. Ihr könnt trotzdem Euch an dem Wirbel orientieren, den Wirbel als südlichsten Punkt nehmen und von dort hochgehen."

"Ungefähr drei vier Meter? Wo müssen wir hin?"

"53, 44, 42, 2, 13"

Gundula Lidke:

"Wir haben im letzten Jahr schon auf beiden Seiten des Flusses solche Sondierungsgrabungen gemacht und das waren am Ende über 30. Es ist ja eigentlich ein Fundplatz. Und wenn der wirklich über mehrere Kilometer am Tal entlang zieht, dann ist das wirklich außergewöhnlich und spannend und wir wollen auch die Ausmaße dieser ganzen Sache rauskriegen, und dazu dienen diese kleinen Löcher."

Das Ausmaß der Gewalt im Tollensetal muss für damalige Verhältnisse enorm gewesen sein. Es gab keine Städte in der Region, keine großen Befestigungsanlagen. Norddeutschland war dünn besiedelt vor 3000 Jahren. Die Bauern lebten in kleinen, weit verstreuten Weilern von ein, zwei Dutzend Einwohnern. Sie fertigten kunstvolle Bronzearbeiten und trieben Handel mit weit entfernten Völkern, um das dafür nötige Kupfer und Zinn zu beschaffen. Aber mehrere Hundert Menschen an einem Ort, dazu Waffen, Verletzungen - das war außergewöhnlich. Was vor über 3000 Jahren geschah - niemand weiß das derzeit. Aber eine gewisse Vorstellung vom Krieg in Dorfgesellschaften kann die Völkerkunde vermitteln. Jürg Helbling:

"Ich war vor drei Jahren im Hochland von Neuguinea im östlichen Hochland und da sind wir letztlich in so einen Krieg reingelaufen, zwischen zwei Dörfern."

Jürg Helbling ist Professor für Ethnologie, zurzeit an der Universität Konstanz. Auslöser des Dorfkrieges, erzählt er, sei ein Betrug beim Kartenspiel gewesen.

"Das war ein Konflikt bei dem die beiden Seiten vereinbart haben, wann und wo sie sich bekämpfen wollen. Sie sind also noch nicht so auf 100 Prozent Eskalation gekommen, sondern sie haben zuerst auf Distanz zueinander mit Pfeilen vor allem sich beschossen. Das gab ein paar Verletzte aber keine Toten. Das ist bemerkenswert, weil diese Leute haben auch Gewehre. Also wir haben dann auch gehört, dass dieser Konflikt abgeflaut ist und nicht zu einer weiteren Eskalation geführt hat."

Bei solchen Schlachten gibt es nur wenige Tote. Anders bei Überfällen im Morgengrauen, bei denen die Angreifer bei geringem eigenen Risiko wahllos Männer, Frauen und Kinder töten. Das Hochland von Neuguinea ist bekannt für seine kriegerischen Dörfer. Jürg Helbling hat aber auch auf den Philippinen bei einem Volk gelebt, dem Gewalt praktisch unbekannt ist. Doch was ist der Normalfall? Unter welchen Umständen greift eine Gesellschaft an und unter welchen kehrt Friede ein? In alten Missionarsberichten, in Unterlagen von Kolonialbehörden und modernen Fachartikeln hat der Ethnologe nach Mustern gefahndet:

"Da zeichnet sich eigentlich ab, dass in Wildbeutergesellschaften, die also in kleinen mobilen Gruppen leben, vom Jagen und Sammeln leben, dass die keine Kriege führen. Es gibt zwar Gewalt zwischen Personen, aber es gibt keine Kriege in dem Sinne."

Von Krieg spricht Jürg Helbling, wenn eine ganze Gemeinschaft sich für einen Angriff entscheidet, wenn Gewalt nicht spontan aus einer Laune heraus geschieht, sondern organisiert wird. Wildbeuter haben das nicht nötig, können sich bei Konflikten im Notfall aus dem Weg gehen. Aber das ist nicht möglich für landwirtschaftlich geprägte Dörfer und auch nicht für Nomaden, die für ihre Herden Weidegründe brauchen. Helbling:

"In diesen Gesellschaften sind die Kriege ziemlich häufig."

Die wenigen wirklich friedlichen Völker sind meist von überlegenen Nachbarn umgeben, organisierte Gewalt ist für sie schlicht keine Option. Im Allgemeinen aber setzen Dorfgemeinschaften ihre Interessen auch mit Waffengewalt durch, wenn sie sich davon einen Vorteil versprechen.

"Man kann davon ausgehen, im Durchschnitt stirbt etwa ein Viertel der Bevölkerung, die stirbt an Folgen des Krieges, und bei den Männern ist es sogar ein Drittel. Und angesichts solch hoher Mortalitätsraten kann man wahrscheinlich nicht sagen, dass das etwas Seltenes ist."

Die Zahlen stammen von rund 30 Völkern, bei denen Ethnologen zum Teil über mehrere Jahrzehnte Todesursachen dokumentiert haben. - Nicht alle Forscher halten die Zahlen für repräsentativ. Heidi Peter-Röscher betont, dass selbst in sehr gewaltbereiten Gesellschaften Kriege selten eskalieren.

"Und das liegt sicher daran, dass feindliche Dörfer ja nicht immer feindlich sind, sondern man heiratet ja auch. Man pflegt Heiratsbeziehungen mit diesen Dörfern. Es gibt also eine Vielzahl von Beziehungen zu denen auch gewaltsame Beziehungen gehören, aber es gibt auf der andren Seite auch viele Regeln des Tausches oder der Kompensation, die verhindern, dass man sich gegenseitig sozusagen ausrottet."

Trotzdem fordern die ständigen Auseinandersetzungen einen hohen Blutzoll. Und der wiederum prägt die Gesellschaft. Wenn ein Dorf mit Überfällen rechnen muss, dann kann es nicht einseitig auf Frieden setzen. Das zeigt sich in der Größe der Dörfer auf Papua Neuguinea. Abgelegene Siedlungen zählen einige Dutzend Menschen, genug um erfolgreich zu wirtschaften. In den Dörfern der Zentralregion dagegen, dort wo es regelmäßig zu Konflikten kommt, leben mehrere Hundert Personen. Jürg Helbling:

"Und diese größeren Kooperationsgruppen letztlich, die dienen vor allem kriegerischen Zwecken. Man muss versuchen, möglichst viele Männer zu haben, möglichst mehr Männer zu haben, als die potentiellen Feinde in der Nachbarschaft. Und die kooperieren ja dann auch im Krieg."

Kooperation und Krieg hängen unerwartet eng zusammen. Das bestätigen auch die Funde aus Mecklenburg-Vorpommern. Der Gewaltausbruch im Tollensetal liegt zeitlich in einer Umbruchphase zwischen der Hügelgräber- und der Urnenfelderkultur. Die Siedlungsstruktur ändert sich. Schon 200 Jahre nach der Schlacht finden sich im Tollensetal neben vereinzelten Weilern auch größere, befestigte Siedlungen. Vielleicht eine Reaktion auf kriegerische Auseinandersetzungen.

"Das war die Schaufel, wahrscheinlich…"

"Hier, mach mal ein Loch"

"Hier kamen doch die Bronzeteile raus, die Axt und so ein Ring auch in der Tiefe."

"Es ist immer wichtig, dass das Ding in Bewegung bleibt, wenn es da drüber geht."

"Ich glaub hier tut sich nichts mehr."

"Das Ding geht ja."

Hier piept ein Metalldetektor an einer neuen Sondierung im Tollensetal. Der Grassoden ist säuberlich aufgestapelt. Jetzt graben sich die Helfer langsam tiefer. Die Tollense wird regelmäßig ausgebaggert, der Aushub am Ufer verteilt. Gelegentlich wandert dabei ein Stück Vergangenheit vom Grund des Flusses an Land. Gundula Lidke:

"Also wir haben hier verschiedene Arten von Bronzefunden. Zum einen so Schmuckgegenstände, wie Nadeln, mit denen man Kleidung zusammengehalten hat, vielleicht auch Haarnadeln, aber auch Waffen wie Beile, ein Tüllenbeil, fast alles was man sich an Bonze für diese Zeit vorstellen kann."

Aber eben leider nur an der Oberfläche und nicht in der Fundschicht selbst, bedauert Grabungsleiterin Gundula Lidke.

"Wir sind zwar in der Bronzezeit, haben aber wirklich nur Knochen."

An den Skeletten lassen sich Spuren von Pfeilen genauso nachweisen, wie schwerste Schädelverletzungen durch Keulen im Nahkampf. Schwertverletzungen gibt es dagegen nicht. Für Thomas Terberger eine wichtige Erkenntnis aus dem Tollensetal.

"Die effektivsten Waffen, die sich über Jahrtausende gehalten haben, sind eben solche Waffen, wie Pfeil und Bogen, die jeder herstellen kann, die jeder hatte, und auch Holzwaffen, die sich jeder anfertigen konnten. Es sind, wenn man so möchte, die Waffen des kleinen Mannes oder des einfachen Mannes, die aber sehr effektiv sind und mitunter sich viel schneller und effektiver einsetzen lassen, als vielleicht eine schwerere Bronzewaffe."

Die genaue Untersuchung der Knochen hat noch mehr ergeben. Einige Verletzungen zeigen frühe Spuren einer Heilung. Offenbar haben sich die Kämpfe über mehrere Tage, vielleicht Wochen entlang des Flusses hingezogen. Terberger:

"Insofern scheint es auch nicht ganz abwegig, sich vorzustellen, dass Kampfhandlungen zunächst über den Fluss hinweg stattfanden, Fernwaffen, Pfeil und Bogen, und dann eben an einer Furt es möglicherweise es zu konkreten Nahkampfhandlungen zwischen den Menschen gekommen ist. Wie viele Menschen daran beteiligt waren, darüber spekulieren wir noch. Mich würde es nicht wundern, wenn es eben doch 200, 300 Personen waren, oder gar mehr, die hier an den Kampfhandlungen beteiligt waren."

Thomas Terberger kann inzwischen erste Aussagen zur Identität der Kämpfer treffen. Forscher aus Århus haben die Isotopenmuster in den Knochen aus dem Tollensetal untersucht. Das Stickstoff- und Kohlenstoffmuster belegt: Viele der Kämpfer kamen nicht aus der Region. Sie ernährten sich von Hirse. Hirse gab es damals aber nur in Süddeutschland. Die genaue Herkunft können vielleicht die Strontiumisotope in den Zähnen oder Reste der Erbsubstanz verraten, aber diese Analysen laufen noch. In jedem Fall sind in der Bronzezeit Menschen von fern ins Tollensetal gekommen - und trafen auf Widerstand auf dem bislang ältesten Schlachtfeld der Welt. Terberger:

"Insofern handelt es sich hier nicht um eine Auseinandersetzung von Dorf zu Dorf, oder nur über den Fluss von Dorfgemeinschaft zu Dorfgemeinschaft. Sondern wir können uns gut vorstellen, dass dies ein Konflikt war, der von überregionaler Bedeutung war. Wo möglicherweise eine größere Gruppe aus einer anderen Region mit dem Ziel, diese Region - ich sagen jetzt mal: zu übernehmen oder zu besiegen die Menschen dieser Region, dass hier auch territoriale Ansprüche hier schon eine Rolle spielen und wir uns das nicht zu kleinmaßstäbig vorstellen sollten."

Gundula Lidke:

"Das hier im Tollense Tal ist schon wirklich ziemlich einzigartig. Also das gibt es in Europa so kein zweites Mal."

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