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StartseiteKultur heuteKeine Versöhnung im ehemaligen Jugoslawien30.11.2017

Kriegsverbrechertribunal in Den HaagKeine Versöhnung im ehemaligen Jugoslawien

Gerichtsverfahren über 24 Jahre, 161 Angeklagte, 84 Verurteilte: Was bleibt vom UN-Kriegsverbrechertribunal, wenn es jetzt endet? Die kroatische Autorin Slavenka Drakulic hat die Verhandlungen monatelang begleitet. Ihre Bilanz ist düster.

Von Andrea Beer

Forensische Experten vom Internationalen Kriegsverbrechertribunal in den Haag untersuchen einen Massengrab in Pilica nordöstlich von Sarajevo  (AFP/Odd Andersen)
Forensische Experten vom Internationalen Kriegsverbrechertribunal in den Haag untersuchen einen Massengrab in Pilica nordöstlich von Sarajevo (AFP/Odd Andersen)
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"Was hat der Krieg mit normalen Menschen wie mir gemacht?", fragte sich Drazen Erdemovic bei seinem Geständnis vor dem Jugoslawientribunal. Schon ein Jahr nach Kriegsende gab er mit stockender Stimme zu, als Soldat der bosnisch-serbischen Armee unbewaffnete Zivilisten bei Srebrenica erschossen zu haben.

Wie wurde Drazen Erdemovic zum Täter? Blutige Lebensläufe wie diese hat die kroatische Autorin Slavenka Drakulic akribisch nachvollzogen und gnadenlos seziert. Sie machte unwillkommene Recherchen in Kroatien oder Bosnien und saß monatelang in Verhandlungen in Den Haag. In diesen steril wirkenden Räumen verfolgte sie auch den Prozess gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic. Slavenka Drakulic:

"Wenn Sie im Gericht sitzen, und diese Leute durch die Glaswände sehen, dann haben Sie einen völlig anderen Eindruck von ihnen. Das sind keine Monster. Und um alles verstehen zu können war es wichtig, die ganzen Dokumente des Tribunals zu lesen, es ist ja alles im Internet. Wie viele Stunden habe ich damit verbracht, zu finden was mir wichtig war."

"Archivierte Wahrheit" über den Völkermord

Slavenka Drakulic nimmt einen Schluck Ingwertee, rückt die strenge Brille zurecht und wirft einen kurzen Blick auf ihre Notizen. Ihre Altbauwohnung in Wien ist nicht immer so angenehm geheizt, denn die 68-jährige Autorin und Journalistin pendelt zwischen Wien, Stockholm und Zagreb. Natürlich habe das Tribunal viele Fehler gemacht, meint sie. Etwa zu umfassende Anklagen und entsprechend langwierige Verhandlungen. Doch die Opfer hätten zumindest teilweise Gerechtigkeit erlebt. Und an der "archivierten Wahrheit" zigtausender Dokumente käme nun keiner mehr vorbei und damit auch nicht an Völkermord, Vertreibung oder den systematischen Vergewaltigungen:

"Wenn Sie das den damals beteiligten Ländern überlassen hätten, gäbe es so viele Wahrheiten wie Länder. Bei fünf Ländern fünf Wahrheiten, bei drei Ländern drei Wahrheiten. Deswegen sind die Gerichtsdokumente von unermesslicher Bedeutung, um zu verstehen was in den drei Jugoslawienkriegen passiert ist."

Versöhnung zwischen den Völkern nicht in Sicht

Die Wahrheit eines Weltgerichts wird die Arbeit des Jugoslawientribunals oft genannt, trotz massiver Kritik der jeweils verurteilten Seite. Und trotz der dramatischen Ereignisse rund um den Suizid des verurteilten Kriegsverbrechers Slobodan Praljak in der letzten Verhandlung. Doch die mühsam erkämpfte Wahrheit vor Gericht führte leider nicht zu einer Katharsis und damit zu einer Versöhnung, bedauert Slavenka Drakulic.

"Versöhnung ist seit vielen Jahren ein großes Wort. Und Versöhnung ist in den Ländern, über die wir reden (Kroatien, Serbien, Bosnien, Anm. d. Red.) fast ein Witz. Niemand nimmt sie ernst. Wenn sie erwähnt wird, dann nur als Mittel zum Zweck der politischen Eliten."

Eliten, die Ideologie und Propaganda weiterhin genüsslich zu einem üblen Nationalismus mixen würden, der die Gesellschaften vergiftet, findet die Erfolgsautorin Drakulic. An Serbien oder auch an ihrem Heimatland Kroatien lässt sie da kein gutes Haar:

"Wenn ein Auto mit serbischem Kennzeichen vor 15 Jahren in der kroatischen Küstenstadt Split aufgetaucht wäre, wäre es ins Meer geworfen worden. Das würde jetzt nicht mehr passieren. Aber die Situation ist sehr fragil. Sobald die Menschen ein Signal von oben bekommen würden, dass Serben nicht mehr ok sind, dann würden sie es wieder tun. Das es nicht passiert, ist also kein Zeichen für Fortschritt."

Überlebende und Täter würden einander im Alltag oft begegnen, erzählt Slavenka Drakulic. Die Gerichte der ehemaligen Kriegsländer hätten also noch viel zu tun. Allein in Bosnien gibt es noch 3000 Verfahren, die geführt werden müssten, so der letzte Haager Chefankläger Brammertz. Slavenka Drakulic setzt nicht auf die Justiz:

"Es gibt ja schon längst Prozesse auch in Serbien, Kroatien und Bosnien. Aber diese Prozesse verlaufen sehr langsam. Es ist schwer, an Unterlagen zu kommen, sie hatten große Probleme mit Zeugen. Denn die Menschen wollten aus Angst in diesen Fällen nicht aussagen. Es ist also auch eine politische Frage, nicht nur eine juristische. So gesehen habe ich nicht viel Hoffnung, dass dies gründlich und sorgfältig gemacht wird, mit dem Ziel, nicht nur eine Art Gerechtigkeit zu erreichen, sondern auch zu sagen, was wirklich passiert ist."

Ein Rest des Jugoslawientribunals übernimmt ab 2018 noch Berufungen und Revisionen, bevor es endgültig endet. Der verurteilte Täter Drazen Erdemovic hat seine Strafe inzwischen verbüßt, doch den Bosnienkrieg wird er trotzdem nicht vergessen können. Und auch für Slavenka Drakulic werden die damaligen Verbrechen wohl ein Lebensthema bleiben.

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