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StartseiteKalenderblattKriminelles Firmengeflecht24.02.2007

Kriminelles Firmengeflecht

Vor 15 Jahren begann der Wirtschaftsprozess um die co op AG

Es war ein Wirtschaftsprozess, wie ihn die Bundesrepublik noch nicht gesehen hatte. Ehemalige Manager der co op AG wurden 1992 vor dem Frankfurter Landgericht angeklagt, sich aus dem Lebensmittelkonzern in großem Stil bereichert zu haben. Fast drei Jahre später erhielten sie Gefängnisstrafen unter zehn Jahren, Bewährungs- und Geldstrafen.

Von Agnes Steinbauer

Das Verfahren trübte das Ansehen der Justiz. (Stock.XCHNG / joana franca)
Das Verfahren trübte das Ansehen der Justiz. (Stock.XCHNG / joana franca)

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel” nannte es das "perfekte Verbrechen” - das, was am 24. Februar 1992 vor der Zweiten Wirtschaftsstrafkammer des Frankfurter Landgerichts zur Verhandlung kam, ging als bis dahin größter Wirtschaftscoup in die Nachkriegsgeschichte ein. Wegen Bilanzfälschung, Verstoß gegen das Aktiengesetz, Untreue, Kapitalanlage- und Kreditbetrug sowie persönlicher Bereicherung waren sieben ehemalige Top-Manager des Handelsriesen co op AG angeklagt; unter anderen Ex-Aufsichtsrat Alfons Lappas und der ehemalige co-op-Vorstandsvorsitzende Bernd Otto:

"Das wäre ja für alle Beteiligten gut, wenn die Wahrheit mal langsam zu Tage gefördert werden würde."

Tatsächlich blieb vieles im Dunkeln. In den folgenden Prozess-Jahren gelang es dem Gericht nur teilweise, den Dschungel der zahlreichen mutmaßlich illegalen Finanztransfers im co-op-Imperium zu durchdringen. Die über 300 Seiten starke Anklageschrift musste angesichts immer neu auftauchender Verdachtsmomente ständig aktualisiert werden. So kam der Prozess immer wieder ins Stocken.

Unter anderem waren Lappas und Otto dringend tatverdächtig, mit Hilfe der Ex-Vorstände und co-op-Direktoren Hoffmann, Werner, Lösch und Schröder-Reinke 118 in- und ausländische Banken um mehr als zwei Milliarden Mark Kredite betrogen zu haben; ein Punkt der Anklage, der später aus Gründen der Prozessökonomie zur Beschleunigung des Verfahrens fallen gelassen wurde. "Der Spiegel" schrieb dazu:

"Das für juristische Laien Unvorstellbare gelang: Staatsanwalt Ernst Klune erklärte sich bereit, umfangreiche Teile der Anklage als 'unwesentliche Nebenstraftat' fallen zu lassen. Als Gegenleistung sollte Otto ein Geständnis ablegen in Sachen Untreue und persönlicher Bereicherung."

Das tat der ehemalige Vorstandsvorsitzende und erhielt im Juni 1993 eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren, die er großenteils im offenen Vollzug verbrachte, und über die er sich nachdrücklich beklagte:

"Ich habe mit einem Freispruch gerechnet, aber die Unwägbarkeiten des deutschen Justizsystems haben das offensichtlich ausgeschlossen."

Aussagen dieser Art verfestigten damals in der Öffentlichkeit die Meinung vom fortschreitenden Realitätsverlust von Top-Managern wie Bernd Otto und seiner Mitstreiter. Bis heute gilt der co-op-Coup als weitgehend ungelöster Fall schwerer Wirtschaftskriminalität. Wie die Ermittlungen im Vorfeld des Prozesses ergaben, war der Lebensmittelkonzern mit 50.000 Angestellten und zwölf Milliarden Mark Jahresumsatz nur scheinbar gesund. Die 1974 aus über hundert maroden Konsumgenossenschaften gegründete Verbraucher AG schleppte von Anfang an einen Schuldenberg von mehreren hundert Millionen Mark mit sich: ein Geburtsfehler, der anfangs vertuscht werden konnte, weil die Schuldenlast aus Krediten der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft BfG stammte. "Eigentlich war co op immer pleite", kommentierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Ihre Spitzenmanager verschachtelten den Konzern im Lauf der Jahre in ein kompliziertes Geflecht aus zahllosen Firmen, AGs und Stiftungen im In- und Ausland und schufen damit ideale Voraussetzungen für illegale Finanztransfers:

"Die co op gehört letztlich sich selbst - gut verborgen im Dickicht der zahllosen Firmen","

hieß es zum Prozessauftakt in den Medien. 1988 hatte "Der Spiegel" die co-op-Affäre ins Rollen gebracht. Im Laufe der Untersuchungen wurden Milliarden Schulden, die in den offiziellen Bilanzen nicht auftauchten, in verdeckten Büchern gefunden. Die genaue Summe ist bis heute umstritten. Die Rede war von bis zu vier Milliarden Mark. Für 20 Millionen übernahm Bernd Otto schließlich auf Anraten seiner Anwälte die Verantwortung, um so sein mildes Urteil zu ermöglichen. Alfons Lappas bekam zwei Jahre Haft auf Bewährung und musste die Million zurückgeben, die aus co-op-Vermögen auf ein Stiftungskonto geflossen war, zu dem nur er und seine Frau Zugang hatten.

""Nach gut 500 Stunden können die Gauner im Verwirrspiel um co op über ihre milden Urteile nur lächeln","

kritisierte "Der Spiegel". Das aktuellste Beispiel dafür, wie schwierig es ist, Managern großer Konzerne strafrechtlich die Stirn zu bieten, ist das milde Urteil gegen den VW-Manager Peter Hartz. Just an dem Tag, als es gefällt wurde, stellte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries ein neues Gesetz zur Beschleunigung von Großverfahren vor. Ein wesentliches Ziel: die Einsparung von Mitteln der Justizhaushalte. Die "Süddeutsche Zeitung" kritisierte es als "Deal-Gesetz":

""Es verwandelt das Strafgesetzbuch in ein Handelsgesetzbuch. Das mag die Gerichte entlasten, belastet aber das Recht."

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