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StartseiteKommentare und Themen der WocheEnde der Führungsmacht USA17.09.2019

Krise am GolfEnde der Führungsmacht USA

Der US-amerikanische Präsident wisse nicht, was er tue, kommentiert Thilo Kößler. Donald Trumps Außen- und Sicherheitspolitik fehle es nicht nur an rationalen Einschätzungen und Strategien - sondern auch an Werten und Moralvorstellungen. So könne aus Unkenntnis und Ignoranz ein Krieg entstehen.

Von Thilo Kößler

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Über einer Ölraffinerie steigt bei Nacht Rauch in den Himmel. Zu sehen sind auch helle Feuerschweife. (dpa-Bildfunk / Validated UGC / Uncredited )
Über der Ölraffinerie Abqaiq steigt Rauch in den Himmel. (dpa-Bildfunk / Validated UGC / Uncredited )
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Noch eindringlicher und für alle Welt sichtbarer hätte Präsident Trump das Strategiedefizit oder besser: die Kopflosigkeit der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik kaum dokumentieren können. Statt in dieser brandgefährlichen Krise am Golf, die unversehens in einen veritablen Krieg münden könnte, Augenmaß, sicheres Urteilsvermögen und Führungskompetenz zu zeigen, wartet Donald Trump mit Fehleinschätzungen auf, mit gefährlichen Mutmaßungen und einem dilettantischen Führungsverständnis. Ebenso staunend wie erschrocken muss die Welt zur Kenntnis nehmen, dass die Substanz der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik unter Donald Trump aus Hörensagen, Bauchgefühl und bemerkenswerter Ignoranz besteht.

Trump hat keinen Plan

Nur zwei Beispiele: Den Iran als Drahtzieher dieser Angriffe auf saudische Öleinrichtungen zu bezeichnen, ohne auch nur den kleinsten Beweis vorlegen zu können, ist – zumindest – leichtfertig. Mit der amerikanischen Militärmacht zu drohen, aber gleichzeitig keinerlei Initiative zu einer konstruktiven Lösung dieses brandgefährlichen Konflikts zu ergreifen, ist – zumindest – konzeptionslos. Dieser Präsident ist weder verfahrenssicher noch krisenfest.

Hinzu kommt, dass Trump zunehmend desorientiert wirkt, je mehr er auf sich allein gestellt ist. Jetzt zeigen sich in aller Deutlichkeit die Folgewirkungen seiner Personalpolitik, die auf Loyalität statt auf Kompetenz abzielt. Das filigrane System des nationalen Sicherheitsrates ist außer Kraft gesetzt – der Rat der Fachleute aus den Ministerien und Behörden ist nicht mehr gefragt, die so wichtige Kommunikation mit den Experten aus den Fachressorts und Geheimdiensten funktioniert nicht mehr richtig.

Was die Lage noch dramatischer macht, ist die Tatsache, dass Donald Trump die Axt nicht nur an die erprobten Strukturen und bewährten Mechanismen des eigenen Politikbetriebes gelegt hat. Der US-Präsident hebelt auch mehr und mehr die Mechanik der werte- und regelbasierten Weltordnung aus. Sie beruht auf Institutionen, die Trump ablehnt. Auf Verträgen, die Trump aufkündigt. Und auf Allianzen, die ihm lästig sind.

Trump überlässt Außenpolitik anderen

So stiehlt sich der Präsident der Supermacht USA mehr und mehr aus der weltpolitischen Verantwortung, zieht sich aus den Krisenregionen der Welt zurück und hinterlässt dabei gefährliche geopolitische Leerstellen.

Im konkreten Fall der Irankrise heißt das, dass Donald Trump ausgerechnet dem saudischen Königshaus die Lageanalyse überlässt und damit auch die Entscheidung, wie auf die Angriffe auf die saudischen Ölanlagen zu reagieren ist. Sicherheitsexperten in der US-Hauptstadt sprechen bereits von einer bedenklichen Auslagerung der amerikanischen Außenpolitik.

Dass sich Donald Trump dabei geradezu blindlings auf den saudischen Kronprinzen verlässt, spricht Bände: Mohamed bin Salman lässt die jemenitische Zivilbevölkerung bombardieren. Er ließ den libanesischen Ministerpräsidenten entführen und den saudischen Journalisten Jamal Kashoggi ermorden.

Will sagen: Donald Trumps Außen- und Sicherheitspolitik fehlt es nicht nur an rationalen Einschätzungen und schlüssigen Strategien. Sondern auch an Werten und Moralvorstellungen.

Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)Thilo Kößler - Dlf Korrespondent in Washington, USA (Marion Meakam)Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington

 

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