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StartseiteForschung aktuellPilz gefährdet die Bananenernte in Lateinamerika19.08.2019

Krise in KolumbienPilz gefährdet die Bananenernte in Lateinamerika

Wegen eines unscheinbaren Pflanzenschädlings hat die Regierung Kolumbiens den nationalen Notstand ausgerufen. Der Grund: Der Pilz befällt 'Cavendish' - die meistverkaufte Bananensorte weltweit. Gelingt es nicht, seine Verbreitung einzudämmen, drohen dramatische Ernteausfälle.

Lucian Haas im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Cavendish Bananenstaude auf der Plantage, Taveta, Kenia, Afrika (imago / imagebroker)
Bananen der Sorte 'Cavendish' zählen zu den meistverkauften weltweit. Ein Pilz, der in Lateinamerika auf dem Vormarsch ist, gefährdet die Ernten. (imago / imagebroker)
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Uli Blumenthal: In Kolumbien wurde kürzlich ein nationaler Notstand ausgerufen. Der Auslöser dafür ist ein Fusarium-Pilz mit der Bezeichnung 'Tropical Race 4' oder kurz: TR 4. Dieser Pilz wurde im Juni auf Bananen-Plantagen im Nordosten des Landes entdeckt. Jüngst haben Forscher der Universität Wageningen bestätigt, dass es sich tatsächlich um TR 4 handelt. In manchen reißerischen Schlagzeilen ist nun von einem Killerpilz die Rede, der eine weltweite Bananen-Krise auslösen könnte. Doch was steckt dahinter? Frage an den Wissenschaftsjournalisten Lucian Haas, unseren Experten für Landwirtschaft: Muß man sich wirklich Sorgen um einen Kollaps des Weltmarkts für Bananen machen?

"Der Fund ist ein echter Schock"

Lucian Haas: Alarmismus im Sinne von "bald wird es keine Bananen mehr geben" ist aktuell noch nicht angebracht. Aber für die Bananenindustrie ist der Fund von TR4 auf mehreren Bananen-Plantagen in Kolumbien ein echter Schock. Wenn es nicht gelingt, die Ausbreitung von TR 4 einzudämmen, wird es in einigen Jahren auf jeden Fall deutlich weniger Bananen auf dem Weltmarkt geben.

Blumenthal: Was ist denn so gefährlich an diesem Pilz TR 4?

Haas: Der Pilz verstopft die Gefäße der Bananenstauden. Sie verwelken und sterben. Und bisher gibt es keine Möglichkeit, das aufzuhalten. Es gibt keine Fungizide, die gegen TR 4 wirken. Die Bananenpflanzen müssten sich schon selbst zur Wehr setzen und Resistenzen gegen den Pilz ausbilden. Aber die heute weltweit am meisten angebaute und verkaufte Bananensorte namens Cavendish ist dem Pilz heillos ausgeliefert. Und hier muss man wissen: 50 Prozent der Weltproduktion an Bananen und weit über 90 Prozent der Bananenexporte sind Cavendish-Bananen.

"Das Fusarium schlägt zurück"

Blumenthal: Ist denn dieser Pilz etwas Neues, gab es den bisher nicht?

Haas: Zumindest in Lateinamerika kam TR 4 bisher nicht vor. Es gab aber in den 1950er Jahren eine Variante davon, die sogenannte 'Tropical Race 1'. Diese sogenannte Panama-Krankheit hat die Bananen-Industrie Lateinamerikas schon einmal fast ruiniert. In jener Zeit wuchsen auf den Plantagen hauptsächlich Bananen einer Sorte namens Gros Michel. Und Gros Michel wurde durch TR 1 quasi ausgerottet. Überlebt hat die Bananen-Industrie nur, weil sie eine Sorte fand, die gegen TR 1 resistent war. Und das ist Cavendish. Jetzt haben wir mit TR 4 im Grunde die Panama-Krankheit 2.0. Man könnte auch sagen: Das Fusarium schlägt zurück.

Blumenthal: Was kann man dagegen tun?

Haas: Erst einmal werden die Bananen-Exportländer versuchen, die Verbreitung des Pilzes so gut es geht aufzuhalten. Dafür werden befallene Plantagen unter Quarantäne gestellt, niedergemacht und abgebrannt.

Schutzmaßnahmen helfen, Zeit zu gewinnen

Und dann können dort über Jahrzehnte hinaus keine Bananen mehr angebaut werden. Denn der Pilz kann sehr lange im Boden überdauern. Das zeigen Erfahrungen aus Asien, wo TR 4 schon vor 25 Jahren erstmals aufgetreten ist und sich seither immer weiter ausgebreitet hat. Die Erfahrung zeigt aber auch: Durch strikte Kontrollen und Quarantäne lässt sich die Verbreitung etwas bremsen, um Zeit zu gewinnen.

Blumenthal: Zeit wofür? Um neue resistente Sorten zu züchten?

Haas: Ja, das wäre die theoretisch beste Lösung. Aber in der Praxis ist das sehr schwer. Die meisten Bananen, die für den Verzehr geeignet sind, lassen sich nicht einfach untereinander kreuzen. Bananen werden vegetativ als Stecklinge vermehrt. Im Grunde wachsen auf den Bananen-Plantagen lauter Klone, die genetisch identisch sind. Deshalb sind sie ja auch so anfällig. Rafft es einen dahin, sind gleich alle in Gefahr. Also gilt es jetzt, nach wilden Bananenpflanzen zu suchen, die von Natur aus gegen TR 4 resistent sind, um dann deren Resistenzen irgendwie in essbare Bananensorten zu übertragen.

Blumenthal: Zeichnen sich da schon Erfolge ab?

Haas: Nicht wirklich. In Honduras gibt es seit vielen Jahren ein Zuchtprogramm. Es gibt auch resistente Sorten, aber sie schmecken nicht oder liefern viel zu wenig Ertrag. In Australien haben Forscher Cavendish-Bananen mithilfe der Gentechnik TR4-resistent gemacht. Dazu beginnen jetzt erste Freilandversuche. Aber: Werden die Verbraucher bereit sein Gen-Bananen zu kaufen? Viele Experten haben da so ihre Zweifel.

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