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StartseiteInterview"Entschuldigungen und Bußgänge bleiben folgenlos"24.03.2021

Kritik am Erzbistum Köln"Entschuldigungen und Bußgänge bleiben folgenlos"

Maria Mesrian von der Initiative Maria 2.0 glaubt nicht, dass nach der Veröffentlichung des Gutachtens zu sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln die systembedingten Ursachen angegangen werden. Für einen Neuanfang seien "Konsequenzen in der obersten Leitungsebene" notwendig, sagte sie im Dlf.

Maria Mesrian im Gespräch mit Stefan Heinlein

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Plakat der katholischen Frauen-Initiative Maria 2.0 (dpa/ picture alliance/ ULMER Pressebildagentur)
Die Frauen-Initiative Maria 2.0 fordert Konsequenzen an der Spitze des Erzbistums Köln (dpa/ picture alliance/ ULMER Pressebildagentur)
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Sexualisierte Gewalt im Erzbistum Köln 314 Betroffene, 202 Beschuldigte

Nach der Veröffentlichung des Gutachtens über den Missbrauchsskandal im Erzbistum Köln hat Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki den rund 300 Betroffenen ein persönliches Gespräch angeboten. Zugleich forderte Woelki eine Verschärfung des Kirchenrechts, etwa durch eine Verlängerung von Verjährungsfristen nach sexualisierter Gewalt. Auch habe er angeordnet, dass künftig keine Akten mehr vernichtet werden dürften. Er kündigte zudem eine bessere Schulung von Personalverantwortlichen an. Aus dem Gutachten hatte sich ergeben, dass aufgrund der noch verfügbaren Akten im Erzbistum Köln zwischen 1975 und 2018 314 Personen – meist Jungen unter 14 Jahren – Opfer von sexueller Gewalt geworden waren.

Mesrian: Bruch mit dem "System Meisner" notwendig

Maria Mesrian von Maria 2.0, einer von Frauen in der katholischen Kirche gegründeten Initiative, hält die angekündigten Schritte des Erzbistum Köln nicht für ausreichend. Es müsse grundsätzlich mit dem alten "System Meisner" gebrochen werden, sagte sie im Dlf. "Dieses System versetzt das Bistum immer noch in Angst und Schrecken. Priester hätten Angst, offen ihre Meinung zu äußern. Sie seien immer noch in dem System gefangen. "Das wurde in der Amtszeit Woelkis auch nicht besser in Köln." 

Mesrian befürchtet nun, dass immer mehr Menschen die Kirche verlassen werden - auch die "die wirklich in der Mitte der Kirche beheimatet waren". Das sei unerträglich.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki bei einer Messe im Dom (picture alliance / Federico Gambarini/dpa | Federico Gambarini) (picture alliance / Federico Gambarini/dpa | Federico Gambarini)Das Kölner Gutachten
Hinweise auf 202 Beschuldigte und 314 Betroffene sowie Pflichtverletzungen durch den ehemaligen Erzbischof - ein Überblick zum Gutachten der Kölner Kanzlei Gercke & Wollschläger. 

Das Interview im Wortlaut:

Stefan Heinlein: Ein Kardinal im Büßergewand, hörbar um Wiedergutmachung, um Reue bemüht. Wie glaubhaft ist aus Ihrer Sicht diese neue Rolle von Rainer Maria Woelki?

Maria Mesrian: Für mich ist sie nicht glaubhaft, weil ich sehe nicht, dass wirklich an die systemischen Ursachen des Missbrauchs und der Vertuschung in Köln jetzt herangegangen wird. Was in Köln jetzt als systemische Ursachen beschrieben wird, das sind fehlende Aktenordnung. Es wird ein bisschen die Intervention und die Prävention gestärkt. Aber richtig ranzugehen an diese neuralgischen toxischen Punkte wie unkontrollierte Macht, ein Priesterbild, das überhöht ist, das sehe ich nicht. Deshalb bleiben Entschuldigungen und Bußgänge eigentlich folgenlos.

Über Woelki: "Für die Institution Kirche geht er nicht weit genug"

Heinlein: Aber Rainer Maria Woelki, Frau Mesrian, hat ja klar eingestanden, er habe im Umgang mit den Missbrauchsfällen persönlich Schuld auf sich geladen. Das ist sehr weitreichend und etwa von Politikerinnen und Politikern nur sehr, sehr selten zu hören. Er geht da schon sehr weit.

Mesrian: Er geht weit für sich persönlich sicher, aber für die Institution Kirche geht er nicht weit genug. Das reicht einfach nicht, um zu einer wirklichen Veränderung zu gelangen.

Heinlein: Reicht Ihnen das mea culpa nicht? Wollen Sie den Rücktritt des Kardinals?

Mesrian: Ich würde mir wünschen, dass im Erzbistum Köln mit dem System Meisner gebrochen wird. Dieses System versetzt immer noch dieses Bistum in Angst und Schrecken. Wenn Sie mit Priestern reden, die haben Angst, offen ihre Meinung zu äußern, und das bedeutet, dass sie immer noch in diesem System letztlich gefangen sind. Das wurde in der Amtszeit Woelkis auch nicht besser in Köln. Deshalb würde ich mir wünschen, um wirklich auch von der Basis her einen Neuanfang hier in Köln zu bewirken, dass auch in der obersten Leitungsebene Konsequenzen zu sehen sind.

Offene Diskussion "wird mit aller Macht verhindert"

Heinlein: Ist dieses System Meisner, das Sie so nennen, ist das, was jetzt Stück für Stück im Erzbistum Köln ans Tageslicht kommt, ein besonders krasser Fall, oder ist das nur stellvertretend für dieses systemische Problem der Katholischen Kirche in Deutschland insgesamt?

Mesrian: Natürlich ist es stellvertretend, aber es ist in Köln besonders ausgeprägt. Und wir sehen hier: Was mich wirklich auch letztlich erschüttert, ist, dass mit keinem Wort auf die wirklich systembedingten, wissenschaftlich erforschten Ursachen des sexuellen Missbrauchs und der Vertuschung eingegangen wird, wie wir sie aus der MHG-Studie kennen, wie sie auf dem Synodalen Weg behandelt werden. Es wird mit aller Macht von Generalvikar Dr. Hofmann und von Kardinal Woelki verhindert, dass wir hier wirklich in eine offene Diskussion, in einen offenen Diskurs gehen, was sich in dieser Kirche ändern muss, damit sie auch glaubwürdig in die Zukunft gehen kann.

Kardinal Rainer Maria Woelki hält sich bei der Vorstellung des Gutachtens die Hand an den Kopf (picture alliance/ASSOCIATED PRESS|Ina Fassbender) (picture alliance/ASSOCIATED PRESS|Ina Fassbender)Kirchenrechtler: Sehr wahrscheinlich, dass Woelki von Fällen wusste
"Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" habe Kardinal Rainer Maria Woelki in seiner Zeit als Kölner Weihbischof Kenntnis über Vorwürfe zu sexueller Gewalt gehabt, sagte der Kirchenrechtler Bernhard Anuth im Dlf.

Heinlein: Warum sind Sie so streng mit Kardinal Woelki? Er hat ja angekündigt, sich weiter in die Pflicht nehmen zu lassen. Das Ganze sei kein Schlussstrich, sondern das sei ein Neubeginn. Er streckt Ihnen, der katholischen Reformbewegung, damit ja die Hand entgegen. Warum ergreifen Sie die nicht?

Mesrian: Nein, es ist kein Entgegenstrecken. Überhaupt nicht, weil er mitnichten auf diese Dinge, die wir anmahnen, eingeht. Er geht nicht darauf ein, dass Macht kontrolliert werden muss, dass Männerbünde – das kann man im Bistum Aachen in dem Gutachten von WSW lesen. Die sagen, es ist begünstigend, dass diese Männerbünde existieren. Die müssen aufgebrochen werden.

Er geht mitnichten auf diese Diskussion ein und wir haben heute schon wieder gelesen, dass er auch dem Segnungsverbot, das jetzt aus dem Vatikan gekommen ist, natürlich wohlwollend gegenübersteht, das sogar begrüßt. Und da sehen wir, an diesem Kirchenbild wird sich nichts ändern. Das ist letztlich meine große Sorge, dass dieses Bistum jetzt in Agonie versinkt und dass die Gläubigen – man sieht es ja an den Austrittszahlen -, die Leute verlassen die Kirche. Es verlassen Leute die Kirche, die wirklich in der Mitte der Kirche beheimatet waren, und das finde ich unerträglich.

"Homosexualität nicht als etwas Abartiges ansehen"

Heinlein: Sie haben über dieses Segnungsverbot gesprochen. Wäre das eine Kehrtwende, Frau Mesrian, diese Würdigung? Wäre das ein Signal, wenn jetzt die Glaubenskongregation sagt, homosexuelle Paare, die wollen wir doch segnen? Wäre das tatsächlich ein Zeichen, dass die Katholische Kirche sich öffnet und ändert, auch bei diesen strukturellen Problemen?

Mesrian: Ja, es wäre ein erster Schritt, ein Zeichen. Dann müsste sie aber auch wirklich an ihre Sexualmoral rangehen und Homosexualität nicht als etwas Abartiges ansehen, sondern nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen als das, was es ist, und das wird sie nicht tun. Deshalb ist es auch nur ein halber Schritt. Die Katholische Kirche muss einfach in diesen Feldern so tief in ihr eigenes Selbstverständnis eingreifen, um in die Zukunft gehen zu können, und da bin ich skeptisch.

"Wir kommen nicht umhin, wirklich an die Grundsubstanz zu gehen"

Heinlein: Sie haben es angesprochen. Viele katholische Christen hadern ja derzeit tatsächlich mit ihrer Kirche, zweifeln an der Institution. Gerade hier im Erzbistum Köln treten sehr, sehr viele Menschen aus der Kirche aus. Wird sich das jetzt wieder beruhigen, glauben Sie, nach den Vorstellungen, nach der Präsentation dieses Gutachtens und dem reuevollen Auftritt von Kardinal Woelki? Oder werden die Menschen weiter in Scharen aus der Kirche fliehen?

Mesrian: Nein. Ich glaube, sie werden weiter gehen, weil sie letztlich auch mit der Präsentation, die jetzt gekommen ist, nicht zufrieden sein werden. Sie werden in Resignation, in Schweigen versinken wahrscheinlich. Ich wünsche mir natürlich, dass die Leute noch offensiver auftreten, noch mehr diese Veränderungen einfordern. Ich appelliere auch an die Pfarrgemeinderäte, die ja die ganze Zeit Briefe geschrieben haben und über diese Zustände sich beklagt haben, dass die dran bleiben, weil wir kommen hier nicht umhin, wirklich an die Grundsubstanz zu gehen, und da sehe ich keine Diskursmöglichkeit mit dieser Bistumsleitung. Das hat sie leider schon vorher bewiesen, dass sie dazu nicht in der Lage ist, dass nur autoritäre Diskurse geführt werden. Ja, da habe ich leider wenig Hoffnung.

Heinlein: Wenig Hoffnung. Aber, Frau Mesrian, wenn ich Sie fragen darf, Sie persönlich halten weiter Ihrer Kirche die Treue? Glauben Sie letztendlich noch an die Reformfähigkeit der Katholischen Kirche?

Mesrian: Ich halte vor allem der Botschaft Jesu, dieser revolutionären Botschaft die Treue. Ich glaube auch, dass sie in Teilen vielleicht dem gerecht werden kann. Ich halte ihr weiterhin die Treue. Ich weiß nur nicht genau, wie lange noch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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