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StartseiteCampus & KarriereKritik am System07.03.2008

Kritik am System

Aktionsrat Bildung fordert Nachbesserungen im deutschen Bildungssystem

In seinem Jahresgutachten stellt der Aktionsrat Bildung Defizite des deutschen Bildungssystems fest. Die Verkürzung der Schul- und Studienzeit auf weniger Jahre sei im Grunde zwar richtig, so der Ratsvorsitzende, Professor Dieter Lenzen von der FU Berlin. Weil es aber weiterhin zu wenig Ganztagsschulen gebe, sei das Unterrichtsvolumen insgesamt zu klein, sodass Deutschland international nicht konkurrenzfähig sei.

Moderation: Jörg Biesler

Dieter Lenzen: "Das Unterrichtsvolumen insgesamt ist zu klein." (Stock.XCHNG / John Julian Hansen)
Dieter Lenzen: "Das Unterrichtsvolumen insgesamt ist zu klein." (Stock.XCHNG / John Julian Hansen)
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Aktionsrat Bildung

Jörg Biesler: Deutschland droht mit seinem Bildungssystem im internationalen Vergleich ins Hintertreffen zu geraten. Gestern hat der Aktionsrat Bildung sein Jahresgutachten vorgelegt. Der Aktionsrat setzt sich aus Bildungsexperten von Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen. Sein Vorsitzender ist Professor Dieter Lenzen, der Präsident der Freien Universität Berlin. Guten Tag, Herr Lenzen!

Dieter Lenzen: Guten Tag!

Biesler: Derzeit diskutieren die Kultusminister vor allem über das achtjährige Gymnasium, also die Verkürzung der Schulzeit. Sie geben viele Empfehlungen in Ihrem Gutachten. Das Thema G8 kommt bei Ihnen überhaupt nicht vor.

Lenzen: Wir hatten nicht vermutet, dass dieses ein Thema werden könnte, weil bei klarer Betrachtung eigentlich die politischen Linien hätten deutlich sein müssen. Warum? International liegt das Lebensalter derjenigen, die eine Hochschule verlassen, in Deutschland noch immer viel zu hoch. Das war vor einigen Jahren der Anlass dazu, die BA/MA-Reform einzuführen, das heißt den dreijährigen Bachelor, und gleichzeitig das Gymnasium zu verkürzen auf acht Jahre bzw. die Gesamtschulzeit auf zwölf Jahre. Dabei ist nicht bedacht worden, dass beides zusammen dazu führt, dass die Gesamtstundenzahl, die jemand lernt, zu klein ist, sodass die Bachelor-Absolventen deutscher Universitäten an vielen internationalen Universitäten, insbesondere in den USA, nicht in einen Master-Studiengang wechseln können. Dabei ist nicht bedacht worden, dass das internationale System Ganztagsschulen vorsieht und nicht Halbtagsschulen, sodass das Unterrichtsvolumen insgesamt zu klein ist. Jetzt stehen wir vor diesem Scherbenhaufen, und es müssen Kleinstreparaturmaßnahmen ergriffen werden, die durch die Entscheidung der Kultusministerkonferenz nun auf die unterste Ebene verschoben worden sind, dort, wo sie eigentlich nicht hingehören, sondern hier hätte eigentlich eine Steuerung durch die Politik erforderlich sein müssen, die insbesondere die Ganztagsschule realisiert, und das heißt mehr Geld ins System.

Biesler: Außer den Länderministern und der Bundesbildungsministerin gibt es ja im Augenblick auch nicht viele Befürworter für dieses schnellere Abitur. Die Bundesbildungsministerin hat heute Morgen im Deutschlandfunk gesagt, Deutschland sei international nicht mehr konkurrenzfähig, wenn man das Abitur in 13 Jahren erwerben würde, so wie das bislang der Fall war.

Lenzen: Damit hat sie völlig recht, das ist gar keine Frage. Es ist nur das Problem, dass die Unterrichtszeit, die am Tage stattfindet, einfach zu kurz ist. Das heißt, hier muss der zweite Schritt noch nachgebessert werden.

Biesler: Dann kommen wir mal zu Ihrem Gutachten, das dem deutschen Bildungssystem auch keine besonders guten Noten beschert und große Mängel aufzeichnet, vor allen Dingen im Bereich Fremdsprachen und Kleinkinder.

Lenzen: Die größte Fähigkeit, die Menschen künftig haben müssen, ist diese, mit Unsicherheit umzugehen. Denn der Globalisierungsprozess lässt alle Sicherheiten, mit denen wir normalerweise zu leben gewohnt sind, zurücktreten, in sich zusammenfallen. Das heißt, wir empfehlen, insgesamt eine Fähigkeit zu vermitteln, die Flexibilität heißen könnte, um auf diese Weise Sicherheit zu gewinnen, also so etwas wie "Flexicurity", das ist ein Kunstwort. Wir haben des Weiteren gesagt, wir müssen die Anschlussfähigkeit des Systems international herstellen, das heißt eine frühere Beschulung, eine frühere Aufnahme in den Kindergarten, dort bereits auch Fremdsprachenunterricht mit Vorhalten - in einer spielerischen Form, das versteht sich. Aber so, dass die Begegnung mit einer anderen Sprache sehr früh stattfindet, übrigens auch mit anderen Kulturen. Unsere Empfehlung deckt ein weites Spektrum ab, beginnend mit dem Kindergarten bis hin zu der Weiterbildung, wo wir in Deutschland zum Beispiel das Problem haben, dass ältere Menschen in bestimmte Weiterbildungsmaßnahmen gar nicht mehr hineinkommen, weil es eine Art Altersdiskriminierung gibt, die international unbekannt ist.

Biesler: Um diese Qualifikation schon der kleinen Kinder zu erreichen, sagen Sie aber auch, mindestens ein Erzieher oder eine Erzieherin in dem Kindergarten muss von der Hochschule qualifiziert werden, also nicht nur so, wie das bislang der Fall ist.

Lenzen: Das ist richtig. In dem Augenblick, wo Erzieherinnen und Erzieher nicht nur eine Beaufsichtigungsfunktion haben, sondern in der Tat eine Bildungsaufgabe wahrnehmen, genügt natürlich nicht das, was bis vor wenigen Jahren noch genügte, nämlich einen erweiterten Hauptschulabschluss zu haben, um dann Erzieher werden zu können, sondern wir empfehlen die Ausbildung auf dem BA-Niveau, zumindest für einen Teil der Erzieherinnen und Erzieher, die dann mit solchen schwierigen Aufgaben versehen werden, wie sie heutzutage eben auch Grundschullehrer und Grundschullehrerinnen haben. Stichwort Lehrerinnen: Wir empfehlen auch, dass wir den Anteil der männlichen Lehrer und männlichen Erzieher deutlich erhöhen, denn Rollenvorbilder sind auch gerade für die Jungen, die zunehmend benachteiligt werden im Bildungssystem, ganz wesentlich.

Biesler: Wenn man das jetzt mal verlängert sozusagen in die Hochschule hinein, die Kindergartenkinder, die dann vielleicht schon früh mit anderen Kulturen und mit Fremdsprachen in Kontakt gekommen sind und ein Auslandssemester gerne machen möchten, die werden ja durch den Bachelor eigentlich im Augenblick daran gehindert, weil auch da die Lehrpläne so dicht sind, dass sie es sich eigentlich gar nicht leisten können, mal für ein Semester was anderes zu machen, im Ausland zu gucken, wie man da studiert.

Lenzen: Die Tatsache, dass der Bachelor überfrachtet ist, ist direkte Folge der Verkürzung der Bachelor-Ausbildung auf drei Jahre. Es ist in der Tat so, dass die Zahl der Auslandsstudien, das heißt der jungen Menschen, die aus Deutschland für ein oder zwei Semester weggehen, um an einer anderen Universität zu studieren, sich nach der Einführung von BA/MA halbiert hat. Das heißt, es ist der gegenteilige Effekt von dem eingetreten, was mit dieser Reform eigentlich gedacht war, nämlich die Weltläufigkeit, die Mobilität der Studierenden außerhalb Deutschlands zu erhöhen. Und das ist natürlich eine bedauerliche Entwicklung, gegen die sofort angegangen werden muss. Das hat auch was übrigens mit der Bereitstellung von Stipendien zu tun, denn was im Ausland häufig selbstverständlich ist, dass, wer in ein anderes Land zum Studieren geht, auch ein entsprechendes Stipendium bekommt oder sogar Deutsche, die beispielsweise in den Vereinigten Staaten studieren, dieses mit einem Stipendium gewissermaßen versilbert bekommen, das ist in Deutschland doch nur in begrenztem Maße der Fall. Und deswegen scheuen sich auch viele, insbesondere natürlich solche auch aus nicht so gut bemittelten Familien, einen solchen Schritt zu tun und etwa ein Jahr lang in Frankreich, England oder woanders zu studieren.

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