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StartseiteKommentare und Themen der WochePalmer postet sich aufs Abstellgleis24.04.2019

Kritik an Bahn-WerbungPalmer postet sich aufs Abstellgleis

Boris Palmer, der grüne OB von Tübingen, hat sich per Facebook über Werbefotos der Deutschen Bahn echauffiert. Die Aufregung ist groß. Genau das dürfte wohl auch das Kalkül Palmers gewesen sein, vermutet unser Kommentator Thomas Wagner.

Von Thomas Wagner

Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen), Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, am 22.11.2018 bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Buches "Geht's noch, Deutschland?" von Claus Strunz in Berlin, fotografiert durch eine Glasscheibe. (dpa / Gregor Fischer)
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) verordnet sich eine Facebook-Pause (dpa / Gregor Fischer)

Der Mann scheint irgendwie in seinem Chefbüro des Tübinger Rathauses nicht so recht ausgelastet zu sein: Mal lauert er zur späten Abendstunde lärmenden Studierenden in Tübinger Altstadtgassen mit dem Smartphone auf, um sie zwecks Anzeige zu fotografieren, mal äußert er sich despektierlich über die Bundeshauptstadt- und jetzt das: Palmer findet die Fotos nicht gut, die die Deutsche Bahn AG auf ihrer Website veröffentlicht hat – Werbefotos, wohlgemerkt. Hier der ZDF-Koch Nelson Müller, dunkle Hautfarbe, dort die Moderatorin Nazan Eckes, türkischer Migrationshintergrund – diese Bilder bildeten nicht die Gesellschaft ab, so wie sie wirklich ist, schreibt Palmer – und erntet dafür viel Kritik und Empörung.

Seine eigene Partei, die Grünen, distanzieren sich, die Deutsche Bahn distanziert sich, Journalisten distanzieren sich – Aufregung pur: Palmer hier, Palmer da: Palmer beherrscht die Schlagzeilen - wieder einmal.

Bewusste Provokation

Mal ganz im Ernst: So wirklich überrascht wird Palmer über diese Reaktionen nicht sein - im Gegenteil: Man könnte ja sogar soweit gehen zu sagen: der grüne OB von Tübingen hat das genau kalkuliert, hat auf ein größtmögliches Medienecho spekuliert. Schließlich gilt er vor allem wegen dem, was er den ganzen lieben Tag lang so postet, als bekanntester Oberbürgermeister Deutschlands. Und Palmer scheint sich in dieser Rolle zu gefallen - mehr als je zuvor.

Und spätestens da wird es problematisch. Wenn ein Mann wie Palmer auf Deibel komm raus bekannt werden will - o.k., seine Sache. Aber wenn er dieses Ziel mit rassistischen Untertönen verfolgt, dann ist das Ganze nicht mehr lustig - und genau das ist im jüngsten Fall geschehen: Man kann der Deutschen Bahn so manches ankreiden – zum Beispiel die Unpünktlichkeit der Züge, verfallene Bahnhöfe - aber auf keinen Fall die Auswahl der Protagonisten auf ihrer Webseite. Ein Fernsehkoch, der durchaus besser als Palmer schwäbische Spätzle brutzeln kann, eine Moderatorin, die im übrigen besseres Hochdeutsch spricht als Palmer selbst - was soll daran verwerflich sein?

Und dass Werbefotos auf der Website der Bahn die Gesellschaft in ihrer tatsächlichen Zusammensetzung widerspiegeln müssen, steht nirgendwo geschrieben. Das ist eine Erfindung Palmers, der - und das ist das Schlimme daran – auf Kosten von Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund provozierend die Öffentlichkeit bemüht. Dass der grüne Oberbürgermeister dabei ausgerechnet auch noch von der AfD Beifall bekommt, sollte ihm zu denken geben.

Palmer schadet sich selbst

Palmer, der Provokateur, der Spalter: Genau in dieser Rolle - und das ist das Tragische an der Person Palmer - handelt er seiner eigenen Arbeit als Oberbürgermeister zuwider: Seien es die Ideen für ökologische Stadtbebauung mit Nahverdichtung oder das Eintreten für den "doppelten Spurwechsel", also für das Bleiberecht für arbeitende Migranten: Auch dafür kämpft Boris Palmer. Nur darüber redet nun kein Mensch mehr.  

Gibt die jüngste Meldung Anlass zur Hoffnung? Palmer hat versprochen, seinen Facebook-Account* bis zum Tag der Europawahl nicht mehr zu bedienen. Vielleicht täte dem Tübinger OB digitales Schweigen auch in den Wochen und Monaten danach noch gut.

*Anmerkung der Redaktion: In der Audiofassung des Kommentars heißt es, Boris Palmer twittert. Tatsächlich hat Palmer keinen Twitter-Account, sondern einen Facebook-Account. Aus diesem Grund haben wir die Audiofassung gelöscht.

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