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StartseiteInterview"Schließungen ohne alternative Formate"07.01.2021

Kritik an Schulschließungen "Schließungen ohne alternative Formate"

Moritz Piepel vom Jugendrat der Generationen Stiftung hat die Schulschließungen in Deutschland kritisiert. Er sieht bei den Coronamaßnahmen ein Ungleichgewicht zwischen Wirtschafts- und Bildungspolitik. Sein Vorschlag: stärker auf Homeoffice setzen, damit Schulen offen bleiben können.

Moritz Piepel im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Ein Grundschüler sitzt zuhause in der Küche und rechnet in seinem Schulheft. Bund und Länder haben sich auf die Verlängerungen des Lockdowns bis zum 31.1.2021 geeinigt. Bis dahin bleiben Schulen und Kitas geschlossen. (dpa-Zentralbild)
Moritz Piepel von der Generationen Stiftung hält die Bildungspolitik der Bundesregierung während der Coronakrise für fatal - auch ökonomisch gesehen. (dpa-Zentralbild)
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Junge Menschen sind besonders stark betroffen von der Verlängerung des Lockdowns, der die Ausbreitung der Corona-Pandemie verhindern soll. Die Schulen bleiben komplett geschlossen. Unterrichtet werden soll digital – allerdings oft ohne Plan und die nötigen technischen Voraussetzungen. Auch Sport und soziale Kontakte bleiben durch die Einschränkungen auf der Strecke.

Ein Schriftzug „Bleiben Sie gesund!“ steht am Theater am Aegi. Die Menschen in Deutschland müssen sich auf eine Verlängerung der Corona-Maßnahmen und dem Lockdown bis Ende Januar einstellen. (picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte) (picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte)Bund und Länder verlängern Lockdown bis Ende Januar
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Moritz Piepel ist Mitglied des Jugendrats der Generationen-Stiftung. Das ist eine Organisation, die sich selbst als Lobbygruppe für Generationengerechtigkeit bezeichnet. Im Interview mit dem Dlf kritisiert er vor allem die Unausgewogenheit zwischen wirtschaftlichen Einschränkungen und den Schulschließungen. "Es wurde im Sommer versäumt, eine langfristige und tragfähige Strategie für die Bildungspolitik aufzusetzen, die auch Formen des Distanzunterrichts integriert", so Piepel im Dlf.


Tobias Armbrüster: Herr Piepel, bevor wir einsteigen, Sie sind Student, 21 Jahre alt, eigentlich in Dresden. Was bedeuten die aktuellen Corona-Beschlüsse für Sie persönlich?

Moritz Piepel: Auch mein Leben hat sich natürlich im Zuge der Beschlüsse dramatisch verändert. Im sozialen Bereich und auch im privaten Bereich habe ich meine Kontakte sehr reduziert, und die Universität findet natürlich auch online statt. Das hat sich soweit auch ganz gut etabliert, aber eine ganze andere Situation ist es natürlich an den Schulen, wo die digitalen Lernformate so eben noch nicht angekommen sind.

Armbrüster: Was sind da die Rückmeldungen, die Sie da bekommen?

Piepel: Die sind nicht gut, weil im Sommer, obwohl schon seit Langem vor der zweiten Welle gewarnt wird von der Wissenschaft, es versäumt wurde, eine langfristige, tragfähige Strategie für die Bildungspolitik aufzusetzen, die auch Formen des Distanzunterrichts integriert. Jetzt die Schulen einfach so wieder zu schließen, ohne wirklich eine Alternative aufzuzeigen, wie das Lernen jetzt weiter stattfinden kann, das halten wir für einen großen Fehler.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Wir sehen da eine Disbalance"

Armbrüster: Das heißt, Sie wären völlig dafür, wenn das alles jetzt genauso verabschiedet wäre, wenn gleichzeitig das Distanzlernen richtig organisiert wäre und wenn die Digitalisierung in den Schulen auf dem aktuellen Stand wäre, dann wären Ihrer Meinung nach Schulschließungen in Deutschland völlig in Ordnung?

Piepel: Das würde ich so auch nicht sagen. Um das noch mal klarzustellen: Natürlich ist es vollkommen richtig, dass man jetzt sehr scharfe Maßnahmen ergreift, um das Pandemiegeschehen einzudämmen, und dass man da die Schulen miteinbeziehen muss, das ist auch klar. Trotzdem sehen wir da eine Disbalance, dass die Schulen jetzt vollkommen runtergefahren werden, ohne Konzepte, und die Wirtschaft aber trotzdem zumindest in weiten Teilen offen bleiben kann und da lediglich mit Appellen hantiert wird, doch bitte, bitte ins Homeoffice zu gehen, aber, das zeigen die Mobilitätsdaten ja auch, dass das auf weiter Front eben nicht geschieht. Deswegen hätte man da nach unserer Perspektive, nach Perspektive der Generationen-Stiftung, diese Schieflage beseitigen müssen und alle Gruppen gleichermaßen beteiligen müssen. Dann hätte man, wenn man die Wirtschaft stärker eingeschränkt hätte, natürlich auch die Schulen in stärkerem Maße offen halten können. Wenn man jetzt vorher die Schulen vollkommen offen gelassen hat, zumindest in NRW, ohne jegliche alternative Formate, ist man jetzt dazu übergegangen, sie gänzlich zu schließen. Wir glauben, dass da eine Balance gutgetan hätte, dass man schon frühzeitig auch auf Distanzangebote zurückgegriffen hätte, dass man zum Beispiel den Unterricht in leerstehende Hotels oder Veranstaltungsräume verlagert hätte und so ermöglicht hätte, ein reduziertes Lehrangebot über die gesamte Dauer des Lockdowns aufrechtzuerhalten. Aber jetzt von hundert Prozent auf null runterzuschalten und das für einen ganzen Monat, das halten wie für fatal.

"Es gibt auf breiter Front keine Homeoffice-Pflicht"

Armbrüster: Herr Piepel, verstehe ich Sie da richtig, Sie hätten dafür plädiert, die Betriebe, die Unternehmen, die Büros in Deutschland ähnlich von oben herab dichtzumachen wie die Schulen?

Piepel: Na ja, also es wird appelliert, doch bitte ins Homeoffice zu gehen, aber es gibt eben auf breiter Front keine Homeoffice-Pflicht. Natürlich hätte man davon Ausnahmen machen müssen für systemrelevante Berufe oder auch für Unternehmen, wo es dafür triftige Gründe gibt, dass man ins Unternehmen kommen muss, aber auf breiter Front ist es nun mal eben so, dass es nicht angezeigt ist momentan, die Angestellten in Großraumbüros oder Werkhallen zu zwängen. Da hätte man stärker nachschärfen müssen – nicht als Selbstzweck, sondern um eben den Schwächsten der Gesellschaft, vielen Schülerinnen und Schülern weiter den Zugang zur Bildung zu ermöglichen.

Armbrüster: Ich könnte mir vorstellen, dass an dieser Stelle viele Leute sagen, ja, aber Betriebe kann man ja gar nicht so ohne Weiteres schließen, das kostet ja unglaublich viel Geld, da würden viele Betriebe pleitegehen, wenn man sie dazu zwingen würde, ihre Mitarbeiter zu Hause zu lassen.

Piepel: Na ja, es geht ja nicht darum, die Betriebe zu schließen, sondern es geht darum, von zu Hause zu arbeiten. Das hat sich ja jetzt in weiten Teilen auch schon gezeigt, dass es gut möglich ist, nur dass da eben noch eine gewisse Unwilligkeit herrscht.

"Schon im letzten Jahr 17 Wochen Schulschließungen"

Armbrüster: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, Sie haben gerade eine Werkshalle angesprochen, wo sagen wir mal beispielsweise Autos oder Maschinen konstruiert werden, da kommen Menschen möglicherweise zusammen. Ja, das ist so, das kann man nicht so ohne Weiteres ins Homeoffice verlagern.

Piepel: Deswegen sagte ich ja auch, dass man da sicherlich differenzieren muss. Wenn triftige Gründe vorliegen, die das verhindern, dann kann man das sicherlich nicht umsetzen. Aber weil Sie gerade den finanziellen Aspekt ansprachen: Es ist sicherlich teuer, jetzt auf Homeoffice-Lösungen zurückzugreifen und die Wirtschaft noch weiter herunterzufahren, aber es hat ja auch ganz individuell für Schülerinnen und Schüler, die jetzt nicht in die Schulen können, erhebliche Auswirkungen, auch erhebliche finanzielle Auswirkungen, weil die Forschung ja nun mal auch zeigt, dass ein Jahr weniger Schulbildung meistens mit 9 bis 12 Prozent weniger Lebenseinkommen – nicht Jahreseinkommen, sondern Lebenseinkommen – einhergeht. Wenn man sich vor Augen führt, dass wir schon im letzten Jahr 17 Wochen Schulschließungen im Schnitt in Deutschland hatten, was deutlich über dem OECD-Durchschnitt liegt, dann hat das auch ökonomische Folgen, wenn man jetzt die Schulen schließt.

"Es gehen soziale Kontakte verloren"

Armbrüster: Abgesehen von diesen langfristigen Folgen, ganz kurz zum Schluss noch die Frage: Was konkret geht jungen Menschen jetzt gerade in diesen Wochen verloren?

Piepel: Es gehen soziale Kontakte verloren, aber es gibt viele Menschen in den Schulen – und das halten wir für viel schlimmer –, die jetzt den Anschluss verlieren in den Schulen, die nicht mehr wissen, wie sie dem folgen sollen. Es gibt keine Perspektive, wie in diesem Jahr Schulabschlüsse realistisch und fair erlangt werden müssten. Deswegen glauben wir, dass es sofort eine langfristige Strategie braucht, wie man die Lehrpläne neu ausrichtet und auch so umschreibt, dass diese Lernrückstände irgendwie kompensiert werden können und Schülerinnen und Schüler dann ihre Bildungslaufbahn möglichst schnell fortsetzen können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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