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Startseite@mediasres"Saarbrooklyn"? Wenn Fernsehen Ghetto will25.07.2019

Kritik an Spiegel-TV"Saarbrooklyn"? Wenn Fernsehen Ghetto will

"Saarbrooklyn – Der Randbezirk der Gesellschaft" – unter diesem Titel hat Spiegel TV über Saarbrücken berichtet. Die Stadt hat gegen den Beitrag Beschwerde eingelegt, die Oberbürgermeisterin sieht journalistische Grundsätze verletzt. Spiegel TV weist das zurück.

Von Tonia Koch

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Königsbruch 1-5, der nicht renovierte Teil der Folsterhöhe in Saarbrücken. (Deutschlandfunk / Tonia Koch)
Königsbruch 1-5, der nicht renovierte Teil der Folsterhöhe in Saarbrücken. (Deutschlandfunk / Tonia Koch)
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Charlotte Britz wird im Oktober ihren Sessel räumen. Sie hat die vor wenigen Wochen stattgefundene Oberbürgermeisterwahl verloren. Das Bild einer verwahrlosten Stadt aber, das Spiegel TV gezeichnet hat, will sie nicht stehen lassen. "Für mich ist es auch ganz wichtig, dass auf eine derartige journalistische Arbeit auch reagiert werden muss, dass man sich dagegen wehren kann, auch für die Menschen. Es geht mir um die Würde der Menschen."

Und diese Würde sieht nicht nur die noch amtierende Saarbrücker Oberbürgermeisterin verletzt, sondern viele Bewohner des Stadtteils Folsterhöhe. An der Plattenbau-Wohnsiedlung aus den 1960er-Jahren spiegelt der Film die Probleme einer Großstadt an ausgesuchten Einzelbeispielen: Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit, Rechtsextremismus, Alkoholismus, Drogenkonsum.

Dass es solche Probleme hier gibt, das wird wohl kaum jemand leugnen, ist sich Markus Münster sicher. Seit 50 Jahren lebt er in der Siedlung am Waldrand. "Es ist total verzerrt. Man hat ja den Eindruck, dass man, wenn man auf der Folsterhöhe wohnt, wirklich schon auf der untersten Stufe der sozialen Schicht angekommen ist, und das ist es beim besten Willen nicht, hier wird viel investiert, viel gemacht für Jugendliche, ältere Leute. Ja, ziemlich einseitig dargestellt von Spiegel TV."

Oberbürgermeisterin fordert mehr journalistisch Sorgfalt

Mit Ausnahme eines einzigen sind in jüngster Zeit sämtliche Gebäude von Grund auf saniert worden. Aber ausschließlich der noch unsanierte, überwiegend leer stehende Königbruch mit seinen beschmierten Aufzügen, zerborstenen Glasscheiben und zwei seiner verbliebenen unzufriedenen Bewohner dient den Filmemachern als Beispiel, um die Schattenseiten von Saarbrücken zu dokumentieren. Dass die Kamera dabei nicht links und nicht rechts geschaut hat, eben nicht auf die schöne neue Welt mit ihren gepflegten Grünanlagen oder den neu gestalteten Spielplätzen, verärgert die Bewohner. Sophie Vergani: "Sie haben nur den 13er gezeigt, der wird jetzt neu renoviert, nur negativ, nur negativ, und das finde ich nicht schön."

Die Folsterhöhe in Saarbrücken. (imago images / Becker&Bredel)Die Folsterhöhe in Saarbrücken, eine Plattenbau-Wohnsiedlung aus den 1960er-Jahren. (imago images / Becker&Bredel)

Auch die Oberbürgermeisterin verlangt in ihrer Programmbeschwerde nach mehr Sorgfalt. "Man sagt, dass Beiträge ausgewogen und sachlich sein müssen, das ist hier überhaupt nicht der Fall. Wen man sich wirklich das Gebiet Folsterhöhe anschaut, acht, neun Gebäudekomplexe und alle sind saniert außer einem – dann ist das nicht ausgewogen. Und das ist für mich ein Punkt, wo man sagen kann, das ist für mich journalistisch keine saubere Arbeit."

Spiegel TV weist Kritik zurück

Spiegel TV versucht den Vorwurf der fehlenden Ausgewogenheit zu entkräften. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es, es sei nicht das Anliegen des Beitrages gewesen, den Stadtteil Folsterhöhe oder Saarbrücken in all seinen Facetten darzustellen. In solchen Schwerpunkt-Berichten liege daher auch keinerlei Problem der Ausgewogenheit.

Ob Verstöße gegen die Wahrheitspflicht und die damit verbundene Plicht zur vollständigen Berichterstattung vorliegen, wird von den zuständigen Gremien wohl frühestens im September geprüft.

Für Drogenkonsum Geld gezahlt?

Nicht Gegenstand der Programmbeschwerde, aber schwerwiegend ist der Vorwurf, den der Leiter des Saarbrücker Drogenhilfezentrums, Peter Becker, gegenüber Spiegel TV erhebt. Das Team habe den Cocktail, den sich ein Drogensüchtiger im Film injiziert hat, finanziert. "Wir haben über Dritte von Tobi erfahren, man hat ihm 20 Euro gegeben, hat ihm mehr Geld in Aussicht gestellt, wenn der Dreh abgeschlossen ist. Und als dann der Dreh abgeschlossen ist, war das Kamerateam einfach weg, er hat nicht mehr Geld bekommen, man hat ihn einfach dort allein gelassen."

Dieser Darstellung widerspricht Spiegel-TV. Man habe keinem der gezeigten Drogenabhängigen Geld dafür bezahlt, damit er sich vor der Kamera eine Spritze setzt. Becker hingegen hält die Aussage des Drogensüchtigen für glaubwürdig. "Drogensüchtige sind Menschen wie Sie und ich, die auch die Wahrheit sagen. Ich sehe keinen Grund, an seiner Aussage zu zweifeln."

Im Film ist der Beinahe-Zusammenbruch des Junkies zu sehen. Aber auch darauf hat das Team nach Angaben des Senders angemessen reagiert. Es habe nach der Szene im Park noch eine ganze Zeit lang mit dem jungen Mann verbracht und habe mit ihm geredet. Einen Anlass, zum Beispiel einen Notarzt zu verständigen, habe man nicht gesehen.

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