Kommentare und Themen der Woche 26.05.2020

Kritik an Virologe DrostenDie "Bild"-Zeitung greift in die unterste SchubladeVon Ralf Krauter

Beitrag hören Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter des Instituts fuer Virologie der Charite Berlin, am 29.01.2020 in einem der Labore im Institut für Virologie.  (laif / Andreas Pein)Prof. Dr. Christian Drosten ist Leiter des Instituts für Virologie der Charite Berlin (laif / Andreas Pein)

Mit gutem Journalismus habe der jüngste "Bild"-Artikel über Christian Drosten nichts zu tun, kommentiert Ralf Krauter. Das Blatt liefere Verschwörungstheoretikern Futter und unterstelle methodische Fehler - ohne sie zu benennen. Dass der führende Corona-Forscher ins Visier gerät, sei alarmierend.

Christian Drosten ist ein renommierter Virologe und seine Expertise in Sachen neues Coronavirus so unstrittig, dass uns im Ausland viele um diesen klugen Kopf beneiden. Doch die Redakteure der "Bild"-Zeitung dachten sich nun offenbar: Höchste Zeit, dass diesen COVID-19-Flüsterer, dessen Wort im Kanzleramt und den Staatskanzleien Gewicht hat, endlich mal jemand von seinem hohen Ross runter holt. Kann ja nicht angehen, dass der uns vorschreibt, wie wir unser Leben zu führen haben und ab wann und in welchem Umfang Schulen und Kitas wieder öffnen dürfen.

Der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter auf einer Bundespressekonferenz in Berlin die Fragen der Journalisten.  (Sebastian Kahnert / dpa) (Sebastian Kahnert / dpa)Kritik an "Bild"-Artikel über Drosten
Der ehemalige stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter hat die aktuelle Berichterstattung der "Bild" über den Virologen Christian Drosten kritisiert. Die Zeitung habe mehrere handwerkliche Fehler gemacht, sagte Streiter, der früher selbst für die Zeitung gearbeitet hat, im Dlf.

Die "Bild"-Zeitung hat zum Angriff geblasen und greift dazu in die unterste Schublade. Der jüngste Artikel über Christian Drosten stellt Behauptungen auf, ohne sie zu belegen. Er unterstellt methodische Fehler, ohne sie genau zu benennen. Er legt Experten aus dem Kontext gerissene Zitate in den Mund.

Normalität wird zu einer kruden Enthüllungsstory aufgebauscht

Natürlich ist auch Christian Drosten nicht unfehlbar. Die in der Kritik stehenden Studienergebnisse, wonach Kinder, die mit dem Coronavirus infiziert sind, den Erreger womöglich ebenso leicht weiter verbreiten wie Erwachsene, stehen nach Ansicht anderer Forscher auf wackligen Füßen. Die Resultate wurden Ende April eilig publiziert, ohne Qualitätscheck durch externe Gutachter. Und ja: Man hätte die Daten vielleicht auch anders interpretieren können, als der Professor aus Berlin das getan hat.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Experten streiten seit Wochen darüber, doch das ist weder ungewöhnlich noch ehrenrührig: Kontroverse Debatten sind das Wesen der Wissenschaft. Allerdings werden sie sonst unterm Radar der Öffentlichkeit geführt. "Bild" zerrt sie nun ins Rampenlicht und bauscht banale Normalität zu einer kruden Enthüllungsstory auf, wonach Christian Drosten seine eigenen Daten falsch interpretiert haben soll.

Drosten wäre der Erste, der Fehler zugeben würde

Selbst wenn da was dran sein sollte: Der Virologe von der Charité wäre der Erste, der seinen Fehler zugeben würde. Schließlich hat er im Licht neuer Erkenntnisse schon mehrfach öffentlich eingeräumt, dass er auf dem Holzweg war. Soviel Format wäre den Reportern der "Bild"-Zeitung auch zu wünschen.

Mit gutem Journalismus hat deren Geschichte nichts zu tun, aber das wäre wohl auch zu viel verlangt. Die Zeitung mit den großen Buchstaben will Klicks und Aufmerksamkeit um jeden Preis – und das geht am besten, indem man Emotionen schürt, Prominente an den Pranger stellt und Verschwörungstheoretikern Futter liefert. Soweit so bekannt und so durchschaubar. Dass nun Deutschlands führender Corona-Forscher ins Visier gerät, ist allerdings alarmierend. Denn den Mann brauchen wir noch – und er unsere Unterstützung.

Christian Drosten ist Direktor am Institut für Virologie der Charité Berlin (Imago/ phototek/ Janine Schmitz) (Imago/ phototek/ Janine Schmitz)Virologe Drosten zu Aerosol-Übertragung
Die Übertragung des Coronavirus durch Aerosole, also Schwebeteile in der Luft, gerät immer mehr in den Fokus. Sie könnte gleichbedeutend mit der Tröpfchenübertragung sein, sagte der Virologe Christian Drosten im Dlf. Regelmäßiges Lüften könne das Risiko einer Aerosol-Übertragung verringern.

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