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Startseite@mediasres"Ein Beispiel, das repräsentativ für andere steht"01.02.2021

Kritik an WDR-Talkshow "Letzte Instanz""Ein Beispiel, das repräsentativ für andere steht"

War es richtig, die "Zigeuner-Sauce" umzubenennen? Dieser Frage ging ein WDR-Format nach. Vier weiße Menschen diskutierten über Diskriminierung. Hier seien nicht die Gäste problematisch, sondern redaktionelle Entscheidungen dahinter, sagte die Journalistin Hadija Haruna-Oelker im Dlf. In manchen Redaktionen fehle immer noch ein Bewusstsein für Diversität.

Hadija Haruna-Oelker im Gespräch mit Christoph Sterz

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"DIE LETZTE INSTANZ - DER MEINUNGSTALK MIT STEFFEN HALLASCHKA", am Freitag (29.01.21) um 23:30 Uhr. Moderator Steffen Hallaschka (l) mit den Gästen v.l.n.r. Schlagersänger Jürgen Milski, Autor und Moderator Micky Beisenherz, Schauspielerin Janine Kunze und Entertainer Thomas Gottschalk. (WDR/Max Kohr)
Die letzte Instanz - Der Meinungstalk mit Steffen Hallaschka (WDR/Max Kohr)
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Die WDR-Talkshow "Die letzte Instanz" vom vergangenen Freitag ist in der Mediathek inzwischen nur noch mit Warnhinweis zu sehen: "Die nachfolgende Sendung steht aktuell unter starker Kritik - und das zurecht", heißt es dort. Moderator Steffen Hallaschka und seinen Gästen wird vorgeworfen, über Rassismus und Diskriminierung diskutiert zu haben, ohne Betroffene zu Wort kommen zu lassen. Konkret war es um die Frage gegangen, ob die "Zigeuner-Sauce" noch so genannt werden dürfe oder ob der Begriff rassistisch sei. Im Rahmen der Debatte fielen mehrere Äußerungen, die von People of Color, aber auch vielen anderen massiv kritisiert wurden.

Christoph Sterz: Der WDR und auch mehrere Talkgäste haben sich inzwischen entschuldigt, aber das reicht nicht, findet Hadija Haruna-Oelker. Sie ist Journalistin vor allem für den Hessischen Rundfunk. Ihre Schwerpunktthemen sind unter anderem Migration und Rassismusforschung, und ich habe sie kurz vor der Sendung gefragt, ob wir diese Talk-Sache nicht doch irgendwie einfach mal abhaken und weitermachen können.

"Nicht das Mindestmaß an Expertise"

Hadija Haruna-Oelker: Bitte nicht! Ich meine, im Endeffekt ist dieses Beispiel eines, das repräsentativ für viele andere steht, die wir in den letzten Jahren in allen Sendern, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, sehen konnten. Das Besondere hier ist nur, dass es so in geballter Ladung gekommen ist. Ich meine, man halte sich fest: Das Format heißt "Die letzte Instanz". Diese letzte Instanz besteht aus vier weißen prominenten Personen, die sich über Themen austauschen, von denen sie - und das wurde sehr deutlich - ja nicht das Mindestmaß an Expertise mitbringen - die man auch bei einem Format, das irgendwie unterhaltend provokante Fragen vermitteln soll, rübergebracht haben. Da kann man sich natürlich fragen: Wenn es schon so provokant sein soll, warum ist dann nicht auch diese Gästeschar einfach ein bisschen kontrovers? Und können das nicht auch Promis sein, die eben unterschiedliche Merkmale mitbringen und nicht nur weiße Frauen und weiße Männer sind, in dem Fall sogar nur eine weiße Frau?

Vor einem blauen Himmel sieht man eine handgefertigte, handbemalte bunte Flagge wehen. (Jennifer Griffin / unsplash) (Jennifer Griffin / unsplash)Feature: Die Öffentlich-Rechtlichen und die Migrationsgesellschaft
Was tut sich eigentlich bei den Öffentlich-Rechtlichen selbst in Sachen Vielfalt? Dieser Frage ist Hadija Haruna-Oelker zusammen mit Lorenz Rollhäuser für ein Dlf-Feature nachgegangen

Sterz: Das Publikum besteht coronabedingt aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Produktionsfirma - übrigens die Produktionsfirma von ARD-Talker Frank Plasberg. Und auch diese Menschen, die da zuschauen bei der Aufzeichnung, die sagen: Nö, ist alles überhaupt nicht rassistisch. Und dann kommt auch noch Schlagersänger Jürgen Milski. Der sagt im Prinzip sinngemäß: Na ja, meine schwarzen Freundinnen und Freunde und die einfachen Leute, die interessiert diese Diskussionen gar nicht. Die haben irgendwie Wichtigeres zu tun. Das heißt, ist es irgendwie eine Diskussion, die halt einfach auch in diesem Jahr 2021 noch nicht so viele erreicht hat?

Haruna-Oelker: Na ja, es kommt ja immer darauf an, wem man die Plattform gibt zu sprechen. Stellen wir uns vor, dort hätte auch eine schwarze Person gesessen, dort hätte auch eine Person gesessen, die aus der Sinti- und Roma-Community kommt. Dann wäre diese Diskussion sicherlich ganz anders verlaufen, und alles, was so als selbstverständlich erscheint, wäre plötzlich in Frage gestellt. In der Erklärung der Macher*innen heißt es ja auch, dass sie sich den Verlauf anders vorgestellt haben. Da könnte man natürlich fragen: Wie haben Sie ihn sich dann anders vorgestellt, wenn bestimmte Einspieler, die Moderation und alles, das Setting, ja auch dafür gesorgt hat, dass ein bestimmter Frame entstanden ist. Das sind ja nicht nur die Gäste. Über die kann man jetzt sagen, was man will. Die bringen ihre Geschichten mit und ihr Nichtwissen oder ihre Ahnungslosigkeit oder ihre internalisierten Rassismen, mit denen wir alle ja sozialisiert sind. Aber das andere ist ja auch die Formatfrage. Und da kann man ja sagen: Wer sitzt in den Redaktionen? Wer entscheidet über die Fragestellungen? Wer entscheidet darüber, welche Themen interessant sind und wer das Publikum ist, das sich das anschauen soll? Also diese Sendung war zum Beispiel nicht für mich gemacht oder für schwarze Menschen oder eben für Menschen, die aus der Sinti- und Roma-Community sind. Aber das sind ja natürlich auch Zuschauer*innen eigentlich. Und das sind alles so Sachen, das sind redaktionelle Fragen. Und hier setzt auch meine Kritik an. Und das nicht nur bei dieser Sendung, sondern generell.

"Dann entsteht so eine homogene Bubble"

Sterz: Ja, Sie haben vor kurzem recherchiert zu gesellschaftlicher Vielfalt in Redaktionen für ein Feature vom Deutschlandfunk. Was ist denn da so Ihr Fazit? Also die gesellschaftliche Vielfalt - bildet die sich ab in den Redaktionen?

Haruna-Oelker: Leider nein. Ich meine, es gibt nicht unendlich viele Erhebungen darüber, aber die, die es gibt, die zeigen ja ganz deutlich, dass die mediale Repräsentanz nicht gleichzusetzen ist mit der Vielfalt, die wir in der Gesellschaft haben. Und das ist natürlich ein Problem, weil wenn es nicht mal ein Diversitätsbewusstsein gibt! Also das eine ist, dass die Leute drin sitzen und mitmachen, die es betrifft. Das andere ist, dass in den Redaktionen ein bestimmtes Bewusstsein über Diversität herrscht und damit auch als Fachgebiet anerkannt ist, wo man sich schulen lassen muss, und das nicht als gesellschaftliches Randthema zu betrachten. Dann passiert es natürlich, dass es hakt bei so Redaktionssitzungen. Dann entsteht so eine homogene Bubble, so unter sich. Da werden bestimmte Perspektiven vielleicht einfach nicht gesehen, nicht kritisch beleuchtet, weil die Bezüge fehlen, weil das Wissen fehlt. Ich sage es mal so: In den Redaktionen, die divers aufgestellt sind, wo Journalist*innen mit Migrationsgeschichte, aber auch nicht-weiße Journalist*innen, aber auch Journalist*innen mit Behinderung, queere Journalisten sitzen, da verändert sich die Perspektive auf ein Thema. Und es geht mir dabei nicht nur um die Themen, die dann mit Rassismus oder den Menschenfeindlichkeiten zu tun haben, sondern ich beziehe das auf alle Themen. Es wäre so ein bisschen wie: Man macht eine Gesprächsrunde und die geht um Architektur. Und dann gibt es da niemanden, der von Architektur Ahnung hat. Das ist eigentlich ein Problem. Oder: Man kann das natürlich machen, aber es wird unter Umständen flach.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Trainee-Programms "Puls Talente" des Bayerischen Rundfunks stehen mit Abstand auf einer Wiese: Kevin Haong, Lisabell Shewafera, Cory Rudder, Iman Hassan undRaphaela Heinzl (v.l.n.r.) (Deutschlandradio / Burkhard Schäfers) (Deutschlandradio / Burkhard Schäfers)Nachwuchsprogramme für mehr Vielfalt in den Medien
Viele Medien bemühen sich um mehr Diversität – vor allem in der Journalismusausbildung. Der Bayerische Rundfunk will mit seinem neuen Trainee-Programm "Puls Talente" neue Themen, Fragen und Perspektiven ins Programm bringen.

"Es geht darum, differenzierter zu berichten"

Sterz: Das heißt, die Lösung wäre - damit auch so etwas nicht noch einmal passiert -, dass man die Redaktionen anders aufstellt und dass man Seminare anbietet, zum Beispiel mit Ihnen oder mit anderen Expertinnen, um eben die Redaktionen besser zu schulen und zu sensibilisieren für verschiedenste Themen.

Haruna-Oelker: Ja, also tatsächlich, das ist ja jetzt eigentlich auch keine neue Idee. So Vereine wie die Neuen Deutschen Medienmacher*innen, zu denen ich gehöre, bieten schon seit über einem Jahrzehnt Glossare, Leitfäden, Trainings an, um sich eben mit diesem Thema Diversitätsbewusstsein auseinanderzusetzen. Es gibt auch Vereine wie die "Leidmedien", die machen das ähnlich. Das sind alles Journalist*innen aus diesem Feld, die die Möglichkeit anbieten der Berichterstattung, die eine Sensibilität mitbringt. Es geht nicht darum, bestimmte Themen nicht zu machen oder sich einen Schuh anzuziehen, sondern es geht darum, differenzierter zu berichten. Und das ist schon seit Jahren eine Kritik. Und natürlich geht es auch um die Personalauswahl, um die Frage, wie werden Zugänge geschaffen, damit eben sich auch die Redaktionslandschaft verändert. Also nicht immer zu fragen: Ja, wir wollen die gerne, aber die kommen ja nicht, sondern zu sagen, warum sitzen die nicht bei uns in den Redaktionen? Warum gibt es so viele von denen, die sind Freischaffende? Und wir bemerken ja den Unterschied. Diese Twitter-Stürme, die sich über Redaktionen ergießen, die haben ja einen Grund. Und oftmals sind ja da auch Kolleginnen of Color oder die, die von diesem Thema betroffen sind, dabei. Und in diesem Fall zeigt sich ja, da ist eine Veränderung drin. Und die Redaktionen, die Medienhäuser, müssen sich dafür öffnen. Es ist so ein bisschen wie mit der Digitalisierung. Wer jetzt nicht mitmacht, der wird abgehängt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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