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StartseiteKulturfragenKritik ohne Kriterien25.06.2006

Kritik ohne Kriterien

Raoul Schrotts Abrechnung mit dem Literaturbetrieb zu Beginn des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs

Der Schriftsteller Raoul Schrott, der vor über zehn Jahren einen Preis in Klagenfurt erhielt, hat das Procedere des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, vor allem aber die fehlenden Kriterien für eine fundierte Literaturkritik massiv attackiert. Schrott äußerte seine Kritik als Eröffnungsredner des 30. Bachmann-Wettbewerbs.

Bücher im Regal. (AP)
Bücher im Regal. (AP)

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie haben mir die ehrenvolle Aufgabe übertragen, zu Ihrem 30-Jahre-Jubiläum eine Rede zu halten, wohl wissend, dass Sie in mir einen Bock zum Gärtner bestellen. Seien sie mir deshalb nicht gram, wenn ich mich für diese paradoxale Verpflichtung mit 29 weiteren Paradoxa bedanke. 'Bock' sage ich deshalb, weil mir die Art. wie zu meiner Zeit bei dieser literarischen Landwirtschaftswoche die Leithammel von den Schafen getrennt wurden, stets recht zuwider war. Das Reglement der Leistungsschau widersprach ja allem, was Geschriebenes zunächst erreichen will: Momente gedankenvoller Überraschung. Denn wer wie die Juroren damals über einen zum ersten Mal gehörten Text, kaum dass sein Autor beim letzten Satz angelangt ist, schon zu einem Urteil ansetzt, verneint damit entweder, dass er oder dass die Literatur etwas zu sagen hat, worüber es sich nachzudenken lohnt. Trotzdem habe ich diesem Wettbewerb – Paradoxon Nr. 5 – einen wesentlichen Teil meiner Schriftstellerkarriere zu verdanken.

Grund meiner Teilnahme damals – wohl wissend, dass Böcke hier weniger prämiert denn geschossen wurden – war der Umstand gewesen, dass ein halbes Dutzend publizierter Bücher nicht ausgereicht hatten, um wahrgenommen, geschweige denn verrissen zu werden. Das lag nicht zuletzt daran, dass mein ehemaliger Verlag in Innsbruck ansässig war, womit er das Mäntelchen älplerischer Provinzialität umhängen hatte, paradoxerweise vor allem seitens des österreichischen Feuilletons, das – anders als das schweizerische – die eigene Literatur nur rezensierte, wenn sie sich entweder in Deutschland durchgesetzt hatte oder aus der Wiener Szene stammte. Diese Veranstaltung dagegen bot mir eine Bühne, bei der man sich Gehör verschaffen und einen Namen machen konnte; sie vermittelte mir schließlich Einladungen zu Lesungen und damit auch die Möglichkeit, vom Schreiben leben zu können.

Nichts ist widersprüchlicher als die Haltung, mit der man schreibt, und die Rolle, die einem die Öffentlichkeit dann zuweist. Wie fehl am Platz ich mir damals hier vorkam, vermag nur die unzeitgemäßeste aller Allegorien zu illustrieren. In ihr ist die Literatur eine Aventiure, für die man auszieht wie weiland Parsifal, auf der Suche nach dem Schönen und Wahren, das sich nie finden lässt, weil es immer nur auf unvorhersehbare Weise sich offenbart, jeder Satz eine rote Spur im Schnee. Ah – welch naive Blauäugigkeit!

Aber auch Parsifal ritt aus in einem bocksfelligen Narrenkleid, in der Hoffnung, in den Kreis der anderen Ritter von mehr oder minder trauriger Gestalt aufgenommen zu werden, um zu hören, worauf sie gestoßen und woran sie gescheitert waren. Einmal die Klagenfurt durchschritten, entpuppte sich die Tafelrunde jedoch als Stammtisch voller Spießgesellen, die lieber die Ellenbogen als Fahne zeigten, Monsalvaesche als beutelschneiderische Garküche namens Loretto, wo die Gralshüter im langen Schatten eines Anfortas namens Reich-Ranicki saßen, und der Gral selbst als von den Medien gesponserter Spucknapf. In dieser Einöde, die heute noch auf Ortschilder wartet, hatte sich aber ein Brauchtum der vormalig römischen Zivilisation – das panem et circenses – auf ganz eigene Art weiterentwickelt: wer sich um die Hand einer Ingeborg genannten Frouwe bewerben wollte, musste sich zum Bockspringen in eine Theaterarena begeben. Oh goldene Jugend – zu glauben, das man so die höheren literarischen Weihen empfinge! Was einem widerfuhr, war vielmehr die Einweihung in den Literaturbetrieb, als 13. Paradoxon.

Nur ihm kann es einfallen, Texte gegeneinander antreten zu lassen, in der Meinung das Unterschiedliche von Fiktionen wäre irgendwie vergleichbar und das Eigenständige ihrer Weltentwürfe überhaupt bewertbar. Wer ist besser: Bachmann oder Bernhard? Da von besser und schlechter statt vom jeweils anderen zu reden, über diese Absurdität hinwegzusehen und solche Rangordnungen – als 15. Paradoxon – sogar für wünschenswert zu erklären, das bringt nur eine Jury fertig. Trotzdem bin ich dann selber oft genug in solchen Gremien gesessen.
Dabei lernt man schnell, dass jede Arbeit am Text letztlich eine Scharade bleibt. Denn auf welche Weise sich ein Stück Prosa freischreibt, damit ihm dieses widerspenstig andere gelingt – die Darlegung seiner handwerklichen Kriterien also, über die allein sich objektive Aussagen treffen ließen, wird ja umgangen und als nicht diskussionsfähig und öffentlichkeitstauglich erachtet. Man lädt zwar eine zu fachlichen Aussagen fähige Jury ein, verurteilt sie dann aber dazu, subjektive Geschmacksurteile abzugeben, für die eine Instanz weit eher berufen ist: das anwesende Publikum.

In den letzten zehn Jahren hat sich daran vieles grundlegend verändert: die Juroren bekommen die Texte nun vorher in die Hand, die Wertungen werden überlegter und inzwischen auch mit einem gewissen Maß an Höflichkeit ausgesprochen, sogar ein Publikumspreis und ein Literaturkurs wurden eingeführt. Dabei ist die Breitenwirkung dieses Wettbewerbs jedoch im selben Maß gesunken wie das Niveau der Texte; denkt man an die ersten Gewinner – Jonke, Plenzdorf, Hofmann oder Nadolny – gehört der letztjährige Siegertext eigentlich eher in einer Schülerzeitung. Womit dieses 20. Paradoxon alle vorhergehenden wieder aufhebt, was erst recht die Frage nach dem Warum aufwirft.

Installiert wurde dieser Wettbewerb vor 30 Jahren, um die ästhetischen und politischen Überkonstruktionen der 70er Jahre wieder auf den gutbürgerlichen Boden der Gruppe 47 herabzuholen und allen literarischen Spiegelfechtern die Allüren auszutreiben, indem man ihnen Publikum und Jury vor die Nase setzte. Das war so hinterhältig wie gelungen. Was die Kritik angeht, hat man dabei aber jenen nasssprachigen Popularisierern die Bühne überlassen, deren Namen ich gar nicht zu nennen brauche, weil sie Ihnen allen geläufig sind. Doch wieder, warum? Etwa weil sie sich durch fachliche Kompetenz auszeichnen? Nein, zu hommes de lettres vom Schlage eines Roland Barthes oder eines Eco haben wir es ja immer noch nicht gebracht. Zum Großkritiker wird man bei uns, weil man als Selbstdarsteller zu glänzen versteht, nicht etwa einer bedeutsamen Positionsbestimmung zur Literatur wegen. Oder kennen Sie von ihnen auch nur eine erwähnenswerte theoretische Stellungnahme, die über ein bloßes Lippenbekenntnis hinausgeht und sich der ewig changierenden Frage stellt, was Literatur ist? Gar eine Kritik, die ihre eigenen Positionen hinterfragt?
Diese Kritikergeneration sieht inzwischen ihrem Altenteil entgegen. Die Dynamik aber einmal eingespielt, was kommt nach? Heidenreichsche Kommentare, deren unprätentiöse Subjektivität mir zwar allemal lieber ist als das sonst übliche päpstliche Unfehlbarkeitsgebahren; einige wenige Kritiker, die auf ein fast menschliches Maß geläutert sind, nachdem sie auch selber ein Buch verfasst haben. Ansonsten haben wir es weiterhin mit einer apodiktischen Kritik zu tun, die weder formuliert, auf welche Postulate sie sich beruft, noch dass sie das überhaupt will oder gar noch kann.

Wie sonst ist zu verstehen, dass die Jury vermeintliche Siegertexte letztes Jahr als 'Gebrauchsanweisungen für einen Abgang zu Lebzeiten' etikettieren zu müssen meinte, als 'Sehnsuchtstexte, die um die halbe Welt führen und Herz und Hände dabei ausstrecken nach der kleinen Heimat unter märkischen Kiefern', als 'lückenlos kalkulierte Thriller, die ein Vater-Sohn-Drama als Kammerspiel auf der Tenne inszenieren'‚ als 'alltägliche Dramen des Wohnens, die zeigen, dass der nächste Supermarkt soweit entfernt ist wie der Himalaja', als 'Prosa, die sachlich kalt bleibt, ohne kalt zu werden, und gerade dadurch zu berühren weiß' oder als 'Texte, die die Papierkörbe schweizerischer Großraumbüros ausleeren’? Das sind Formeln, wie man sie sonst in Fernsehprogrammen findet. Haben wir es wirklich schon mit solchem Schwachsinn zu tun? Zumindest reden wir so darüber. Dieser Diskursverlust führt jedoch dazu, dass nicht einmal mehr bestimmt werden kann, wie und ob zwischen Werk, Person und Politik zu trennen ist. Das zeigt auch der neueste Skandal um den Heine-Preis, bei dem man sich zum x-ten Mal mit Grundsatzerklärungen abmüht, weil sich noch immer kein gesellschaftlicher Konsens zur Literatur herausbilden hat können.

Das ist umso paradoxer, als vor einem Jahrhundert Literatur, Kunst und Musik einen Neubeginn unter ästhetischen Vorzeichen setzten, von der abstrakten Malerei angefangen über die Zwölftönmusik hin zu den Ismen der Avantgarde. Die Rezeption moderner Kunst und Musik ist deshalb ohne eine Diskussion formaler Techniken undenkbar geworden; bei Rezensionen findet sich so etwas jedoch bestenfalls noch am Rande: besprochen werden vorrangig Fabeln und Charaktere, als wäre ein zum Klischee gewordener Realismus alles, was Literatur zu bieten hat.
Zurückgewonnen haben wir dadurch den Unterhaltungswert der Literatur: das Erzählerische, wie es sich durch einen Zeitvertreib legitimiert, der uns nicht auf etwas, sondern ablenkt. Weiß man jedoch einmal, wer mit wem, gibt es keinen Grund mehr, ein Buch ein zweites Mal in die Hand zu nehmen: Der Lesestoff ist damit aufgebraucht. Diesem Trend zum Einweg- und Wegwerfbuch gemäß werfen die Verlage jedes Jahr noch mehr solcher Produkte auf den Markt. War früher mit Literatur kein Geld, höchstens Preise zu machen, konnten wir uns noch Ambitionen leisten; heute begnügen wir uns mit Mogelpackungen, auf die man nicht einmal mehr Flaschenpfand zurückkriegt, seit Bestsellerlisten auch die intellektuelle Deckelung festlegen.

Verloren haben wir dabei – als 25. Paradoxon – den Nutzwert der Literatur. Denn der liegt darin, dass sie existenzielle Positionen bestimmt und Denkräume entwirft, in denen ein Ich abseits des Konventionellen agieren kann – und sich nicht mit Kopien vorfabizierter Lebenswelten bescheiden muss. Der liegt darin, dass sie den Anspruch erhebt, alles Wissen nachhaltig auf einen relevanten Punkt fokussieren zu können – und sich nicht damit zufrieden gibt, Bildung für undemokratisch zu halten, bloß weil Dummheit quotentauglich geworden ist. Ihr Nutzwert liegt aber auch darin, dass die Literatur eigentlich der einzige Sprachfilter ist, über den wir verfügen: Was sonst klärt das Trübe unserer Begrifflichkeiten? Marktwirtschaftlich formuliert: Sie setzt den Nominalwert unserer inflationär kursierenden Worte fest und bewahrt unser Denken dadurch vor geistigen Bankrotterklärungen.

Solch ein Plädoyer für den Stil jedoch, wie es Iso Camartin zuletzt an dieser Stelle gehalten hat, stößt jedoch inzwischen auf taube Ohren. Man bezeichnet es als 'weltfremd', 'reaktionär' und 'biedermeierlich altbacken', redet damit aber nur einem Zeitgeist das Wort, der inzwischen den homo ludens für das Maß aller Dinge hält und Oberflächeneffekte für Differenzierungen von Tiefe.

Als diese 'Tage der deutschsprachigen Literatur' etabliert wurden, saßen noch Leute wie Heissenbüttel und Andersch in den Radios, machten etwas, das sich noch Kulturprogramm nennen konnte und waren Anlauf- und Auftragsstellen für Literaten, gleich wie es noch Programmverlage und Lektorate gab, die ihrem Namen Ehre machten. Von den letzten unabhängigen Häusern abgesehen, wurde dieses Verlagsprofil aber auf den Kopf gestellt durch die neuen Macher in roten Hosenträgern, die ihre Idee eines Buches in der Buchhaltung gelernt haben; eingehende Lektorate sind nicht mehr leistbar, was sich auf die Stilblüten- und Druckfehlerproduktion niederschlägt; die Buchhändler als traditionelle Kulturvermittler haben mehr als nur zu kämpfen. Was die Literaturredaktionen des Hörfunks betrifft, so wurde ihr Personal auf ein paar Aufrechte zurückgestutzt, die nun als Paradeneger ihren Dienst zu tun müssen; das Fernsehen setzt auf das Comedyformat, dessen Nickneger nicht mehr als den Klappentext wissen müssen, um den Mund weit aufreißen zu können. Und auch das Feuilleton wurde gekürzt: Gleichgeblieben ist nur der Umgangston, der nach wie vor lieber adjudiziert als unvoreingenommen diskutiert.

Gegenläufig zu diesem Niedergang hat sich dieser Wettbewerb inzwischen aber zum Plenum entwickelt. Seit seiner Reform kann er nun sogar von sich behaupten, der Literatur ein beinahe avantgardistisches Forum anbieten zu können: Die Jury ist ja mit klugen und integren Leuten, sogar Autoren bestückt, und das Procedere böte nun alle denkbaren Freiheiten und Möglichkeiten. Ob sich damit noch etwas ausrichten lässt, dieses 29. Paradoxon zu beantworten sind die Autoren aufgefordert: Es sind immer noch sie, die diktieren, was Literatur sein kann.

Paradoxa pointieren, sie sind nur wahr in Schwarz und Weiß. Insofern ist nichts wünschenswerter, als dass sie alle falsch sind: bis auf das 30. und letzte – das Konkurrenzverhalten der Literatur. Rivalität ist damit nicht gemeint: ich habe nie verstanden, weshalb man in diesem Bussibetrieb der Literatur hinterrücks übereinander herfällt, statt sich über das so selten Schöne und Wahre zu freuen, das andere für einen zustande bringen. Neid ja, Ehrgeiz auch – Missgunst aber ist etwas für Kleingeister.

Warum ist dann die Tradition solcher Wettbewerbe so alt wie die Literatur? Schon die Griechen kannten ja Musenfestspiele, bei denen sie Homer und Hesiod gegeneinander antreten ließen, und auch das Mittelalter veranstaltete Sängerkriege nicht nur auf der Wartburg. Wie sich solche bocksbeutlerischen Schaukämpfe erklären? Und wie dieses gerüttelte Maß an Aggressivität bei so etwas Harmlosem wie der Literatur, dieser hoffnungsvollsten und hoffnungslosesten aller menschlichen Anstrengungen? Wohl dadurch, dass sie unter ihrem Kostüm einer narrend schönen Kunst mehr bewirkt als alle Marktschreier sonst. Sie hält uns ja selbst dann den Spiegel vor, wenn das Wahre zur Ware verkommt und wir nur mehr zu Tode amüsiert werden wollen. Und trifft uns damit tief – weniger in dem, was wir sind, da geht uns der Benzinpreis näher als der Bachmannpreis, sondern in dem, was wir zu sein glauben und sein wollen: Darin sind wir noch am ehesten zu treffen.

Das ausschlaggebendste Kriterium eines Textes ist deshalb die Irritation, die er auszulösen vermag. Je heftiger und kontroverser die Reaktionen ausfallen, desto ehrenvoller; je milder und einstimmiger, desto beschämender letztlich. Uns schmalbrüstigen Gesellen zuzutrauen, dass wir uns auch in einer Arena behaupten können, ist so gesehen wohl ein Kompliment. Die Widerständigkeit der Literatur ist den Applaus wert, die Bocksbeinigkeit, mit der sie alle Schrebergärtner auf die Hörner nimmt. Ich aber danke Ihrer Geduld.

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