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StartseiteEuropa heuteJobs gibt's nur im Tourismus26.06.2018

Kroatiens Adria (2/5)Jobs gibt's nur im Tourismus

Das Amphittheater in Pula an der istrischen Küste lockt die Touristen an, mit denen viele Bewohner gutes Geld verdienen. Der junge Marketing-Experte Saša Petrović ist dennoch sauer – er würde lieber in seinem Beruf arbeiten als Urlaubswohnungen zu vermieten.

Von Grit Eggerichs

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Das römische Amphitheater in Pula ist die Touristenattraktion der kroatischen Küstenstadt (Deutschlandradio/ Grit Eggerichs)
Das römische Amphitheater in Pula ist die Touristenattraktion der kroatischen Küstenstadt (Deutschlandradio/ Grit Eggerichs)
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Der Innenhof ist von grauen Wänden umschlossen – fünf Stockwerke hoch, auf Augenhöhe mit erlesenen Kunstwerken bemalt, beklebt und besprüht. Es ist Samstagabend – und im Centar Rojc ist Party. Saša hat gestern schon gefeiert. Deshalb gibt es heute nur Wasser für ihn.

"Ende 2000, ich war 17, 18 Jahre alt, da waren wir die ersten, die hier rein gegangen sind und das Gebäude besetzt haben. Wir haben uns ein Studio eingerichtet und Musik gemacht. Wir haben einige Jahre hier abgehangen, zusammen mit anderen Leuten, überall, auf allen Stockwerken. Bis die Stadtverwaltung uns offiziell akzeptiert hat und noch zusätzlich ganz viele Non-Profit-Organisationen einziehen konnten."

Ein Haus für alle

Saša schiebt sich an den zwei Typen mit Joint vorbei, über die Rampe ins Haus.

"Als der Krieg anfing, wurden hier Flüchtlinge untergebracht. Als die 1997 weg waren, fingen Leute an, das Haus zu plündern. Damals war das Gebäude total kaputt. Die Stadt hat selber eingesehen, dass es besser ist, dass jemand im Haus ist und drauf achtet. Jetzt ist es hier noch immer nicht gerade repräsentativ. Das ist halt so eine Art Wohnzimmer für uns, und es ist das Herz der Kulturszene. Wenn es das Rojc Centar nicht gäbe, wäre Pula eine ziemlich langweilige Stadt."

Schach, Karate, Musik- und Fotostudios, Filzen und Basteln, hier gibt es alles – angeboten von über hundert Vereinen. Ethnische Minderheiten und Transgender-Gruppen treffen sich hier. Es gibt einen europaweit bekannten Punkclub. Und den Klub Kotac: Saša scheint hier jeden zu kennen.

Pula hat auch nur gut 50.000 Einwohner – eine übersichtliche Stadt. Die Habsburger Marine hat sich hier einst eingenistet und dem Ort ihren Stempel aufgedrückt: 1856 wurde der Grundstein für den Marinehafen gelegt. Eine große Werft entstand. Kasernen, Befestigungsanlagen, Forts. Und auch dieses Gebäude: Die Schiffsmechanikerschule der kaiserlichen und königlichen Marinesektion.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Jugoslawische Volksarmee den Koloss von einem Haus übernommen und Matrosen und Studenten hier untergebracht.

"Das gibt es in Kroatien sonst nicht. So ein großes Gebäude mit so vielen Leuten, die alle irgendwie zusammen arbeiten. Die Leute machen hier aus Nichts etwas – das ist so eine Selbermach-Kultur, und für Jugendliche ist es die Möglichkeit, sich selber auszuprobieren, neue Sachen zu lernen und den eigenen Horizont zu erweitern."

Abwanderungswelle seit dem EU-Beitritt Kroatiens

Nach dem EU-Beitritt sind viele junge Leute aus Kroatien ausgewandert. 2016 zogen knapp 60.000 Menschen nach Deutschland. Das zweitbeliebteste Land ist Irland. Auch einige von Sašas Freunden sind fort – obwohl Pula zum reichsten Bezirk des Landes gehört, zu Istrien. Die Abwanderungswelle trifft andere Regionen noch viel härter, die Stadt Osijek in Slawonien zum Beispiel hat in einem Jahr mehr als ein Zehntel seiner Einwohner verloren.

"Ich frag mich auch jeden Tag, warum ich noch hier bin. Die Politik in Kroatien ist richtig beschissen. Wenn du einen Job willst, brauchst du Beziehungen. Wenn du irgendwas machen willst, musst du Beziehungen haben. Ich zum Beispiel habe einen guten Abschluss. Aber ohne Kontakte hätte ich keinen Job bekommen. Ich hatte sogar Kontakte, aber ich hatte keine Lust, auf die Art etwas zu bekommen, worauf alle ein Recht haben sollten. Und so geht es vielen jungen Leuten: Super-Ausbildung, aber keine entsprechenden Jobs."

Gut beschäftigt in der Sommersaison

Saša hat in Dubrovnik Marketing und Technology studiert und danach in verschiedenen internationalen Firmen gearbeitet. Seit etwa fünf Jahren macht er sein eigenes Ding: Er vermietet Apartments an Touristen.

"Meine und die von Freunden. Pula ist ja inzwischen ein richtiges Ferienziel, und ich mache das sechs Monate lang, während der Saison. Und den Rest des Jahres reise ich oder bleib hier und mache, worauf ich Lust habe."

Sašas Freunde im Ausland lassen ihre Wohnungen von Saša vermieten. Er nutzt dazu die einschlägigen Web-Portale. Da bekommt er viele gute Bewertungen: "Super-gastfreundlich", "hat gute Ausgehtipps". "Wohnung modern und sauber", steht da. Im Sommer fährt Saša jeden Tag mit seinem Roller kreuz und quer durch die Stadt. Er übergibt Schlüssel, begrüßt Gäste oder hilft ihnen, wenn sie nicht wissen, wie der Boiler bedient wird. Eigentlich hat er immer irgendwas zu regeln, eine Putzkraft hierhin zu schicken oder einen Handwerker dorthin, weil die letzten Mieter ein Rollo aus der Wand gerissen haben.

"Im Moment sind es zwölf Wohnungen, aber nächste Saison werden es mehr, wahrscheinlich über 20, dann muss ich überlegen, eine richtige Firma zu gründen."

Nationalistische Töne

Saša ist jetzt 35, und er lebt gut vom und mit dem Tourismus. Dass Kroatien Teil der EU ist, findet er aber überhaupt nicht richtig. Nicht nur, weil seine Freunde es jetzt leichter haben auszuwandern.

"Ja, ich finde es traurig, dass Menschen so weit weg leben von ihrer Familie – aber das ist das 21. Jahrhundert, die Globalisierung, WiFi überall, da kann man nichts machen. Die EU ist bestimmt eine gute Idee, aber nur für wenige Länder, die ihre eigene Agenda verfolgen. All die kleinen Länder, wie Griechenland oder Portugal, die anders sind als Deutschland oder Frankreich, die haben doch das System fast zu Fall gebracht. Es gab mal einen Historiker, der hat gesagt: Wenn das letzte Land vom Balkan der EU beitritt, dann wird sie zusammenbrechen. Und ich hoffe, dass das so kommt. Dieser Multikulturalismus, 'wir sind alle eins' – das ist für mich eine total falsche Vorstellung."

Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da. Lediglich ein Drittel der Kroaten verbindet ein positives Bild mit dem vereinten Europa – haben Meinungsumfragen der EU-Kommission ergeben. Saša bleibt vorerst in Pula. Auch wenn er jeden Tag übers Auswandern nachdenkt.

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