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StartseiteEuropa heute"Als ob die Insel uns gehört"28.06.2018

Kroatiens Adria (4/5)"Als ob die Insel uns gehört"

Vier Kinder gehen in die Schule auf der kleinen kroatischen Insel Susak. Wenn nach dem Sommer die Touristen wieder verschwinden, sind sie auf sich gestellt. Damit sie nicht völlig abgehängt werden, unterrichtet Lehrerin und Gastronomin Barbara die Schüler - und es gibt Lerneinheiten per Videoschalte.

Von Grit Eggerichs

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Lehrerin Barbara unterricht vier Schülerinnen und Schüler in der Grundschule auf der kleinen kroatischen Insel Susak (Deutschlandradio/ Grit Eggerichs)
Lehrerin Barbara unterricht vier Schülerinnen und Schüler: Ganz vorne sitzt Emanuel, vierte Klasse, in der Bank dahinter Julia, fünfte, Stefani, sechste und Caspar, siebte Klasse (Deutschlandradio/ Grit Eggerichs)
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"After that I was on a small island near Istra. There was a beautiful place..."

Stefani liest einen englischen Text vor. Der Klassenraum ist groß, durch die hohen Fenster sind die Gäste im Café gegenüber zu sehen. Dahinter der Strand. Die Schule wurde vor über 150 Jahren gebaut, als Dalmatien zur Habsburger Monarchie gehörte. Damals lebten gut 1.000 Menschen auf Susak – heute sind es nicht mehr als 80. Die Schüler, die Lehrerin, ihre Tische und Stühle wirken selbst wie eine bewohnte Insel. Der Rest des Saals: viel Luft und Eichenparkett.

Ganz vorne sitzt Emanuel, vierte Klasse, in der Bank dahinter die älteren: Julia, fünfte, Stefani, sechste und Caspar, der älteste, ist in der siebten. Weil die vier in vier verschiedenen Klassen sind, macht jeder was anderes.

Blick auf den Strand der kroatischen Insel Susak  (AFP/ Stringer)Blick auf den Strand von Susak. Im Sommer ist die Insel voller Leben. (AFP/ Stringer)

Jeder Schüler macht etwas anderes

Caspar lernt den Unterschied zwischen einer Biografie und einer Autobiografie. Julia versucht, sich auf Dezimalzahlen zu konzentrieren. Und Emanuel löst Textaufgaben.

"Für jedes Kind etwas, ich habe nicht so viel Zeit, dass ich langsam unterrichte oder so. Dann geht alles schnell, schnell, schnell. Manchmal ist das nicht schlecht. Die Kinder hören immer von den anderen, was sie machen."

Barbara ist 52 Jahre alt, sie hat in der Schule Deutsch gelernt, und weil sie nicht nur Lehrerin ist, sondern auch noch ein Restaurant besitzt, hat sie die Sprache nie verlernt. Viele Österreicher und Deutsche, die ihre Ferien auf Susak verbringen, essen bei ihr.

Als sie mit ihrem Arbeitsvertrag auf die Insel kam, direkt nach dem Studium, da hatte sie zwölf Schülerinnen und Schüler. In sieben Klassen.

"Für mich war es am Anfang wirklich ein Schock, ich hab Kopfschmerzen gehabt. Wie muss ich arbeiten in einer Stunde mit sieben verschiedenen Fächern? Aber dann hab ich langsam alles gelernt, und dann war es leichter."

Den Inselzuschlag gibt es nicht mehr

Barbara war schon als Kind jedes Jahr auf der Insel. Ihre Tante hatte hier ein Ferienhaus. Im Sommer 1988 tollte Barbara noch mit den Susaker Kindern am Strand herum. Ein paar Wochen später begrüßten sie sie mit Blumen und einer vollgemalten Tafel im Klassenraum. Aber warum zieht eine Frau Mitte 20 auf eine entlegene Insel? Viel Strand und blaues Meer, gut. Dafür kein Kino, keine Geschäfte - aber nächste Nachbarn, die auf alles neugierig sind.

Das jugoslawische Bildungsministerium zahlte seinen Lehrkräften damals 20 Prozent Inselzuschlag. Und noch einmal fünf Prozent pro Klasse. "Und das war auch etwas, das motivierte mich, dass ich da bleibe. Ja, aber leider jetzt ist nicht mehr so."

Der kroatische Staat hat während der Zeit der Rezession die Zuschläge stark reduziert. Wenn Barbara irgendwann in den Ruhestand geht, muss ein Nachfolger her. "Da muss unsere Gemeinde noch etwas machen, muss man motivieren junge Leute, aber das geht nur mit Geld."

Das Dorf ist in den letzten paar Jahren etwas gewachsen. Es gibt jetzt sechs Kinder auf Susak, die auch im Winter hier leben.

"Stefanie, Emanuel, Gaspar, Julia, Paula and Josip."

"Zwei Kinder leben im Leuchtturm. Sie sind aus Zagreb, aber wohnen jetzt hier."

"Und sonst niemand. Das ist, als ob die Insel uns gehört."

Englisch-Unterricht per Videoschalte

Julia und Caspar sind Geschwister. Sie sind erst vor Kurzem hergezogen – weil die Eltern sie nicht in der Stadt aufwachsen lassen wollten. Ein Mann mit zwei großen Tüten kommt herein. Der Mann ist Stefanis Vater Nikola und in den Tüten sind Barbaras Eier. Er hat sie gerade von der Nachbarinsel mitgebracht, lächelt breit, stellt die Tüten ab und verschwindet wieder.

Bis zur vierten Klasse unterrichtet Barbara alle Fächer – danach müssen in Mathe und Englisch die Kolleginnen auf der großen Insel helfen. Für Caspar beginnt jetzt der Englisch-Unterricht – übertragen per Videokonferenz aus Mali Losinj, dem Sitz der Gemeinde, zweieinhalb Stunden mit der Fähre von hier entfernt. Lehrerin Dajana hält eine Karte in die Kamera: "Caspar can you see it? Ye-es."

Caspar versucht zu folgen. Der Sound ist mittelgut und die Klassenkollegen in Losinj machen auch gerne mal Krach. Jeden Freitag fahren die Kinder nach Losinj, um ihre anderen Lehrer und die Klassenkollegen live zu sehen, sich zu besprechen und Unterricht vor Ort in ihren Partnerklassen zu haben. Ein kurzer Ausflug in eine andere Welt.

"In Losinj gibt es viel mehr Kinder als hier, in meiner Klasse sind über 20! Und sie sind laut."

"Die sind etwas langsamer als wir."

"Ich kann besser hier lernen, das ist hier wie eine Privatschule."

"Manchmal ist es so langweilig"

Barbara ist sehr zufrieden mit den Antworten ihrer Schülerinnen und Schüler. Für die Zukunft haben die fünf verschiedene Pläne. Barbara hofft, sich in sechs Jahren zur Ruhe setzen zu können. Die Jungen können sich gut vorstellen, auf der Insel zu bleiben:

"Es gibt keine Autos hier, keine Motorräder. Es gibt zwei Autos, okay, aber das ist nicht viel, das sind nicht 1000! Gesundheit ist doch das wichtigste."

Julia möchte Kunstlehrerin werden, aber nicht unbedingt auf Susak. Und Stefani?

"Ich weiß nicht, ob ich hierbleiben kann. Manchmal ist es so langweilig. Ich würde gern Polizistin werden. Ich renne gern, ich nehme gern Leute fest und ich schrei gern rum."

Im Sommer ist die Insel voller Leben. "Dann bade ich jeden Tag und dann hab ich über 100 Freunde." Dann pumpt sich die Bevölkerung auf Habsburger Niveau auf – die Hauptstädter kommen, die Slowenen, die Deutschen, Österreicher und die Nachfahren der zahlreichen Auswanderer aus den USA. Sie befreien ihre Feriendomizile vom Wintermuff oder ziehen in das einzige Hotel am Ort. Drei Restaurants und ein Club haben jeden Sommerabend geöffnet. In der Konoba Barbara steht die Insellehrerin mit Schürze am Herd, und es gibt Fisch und Cevapcici.

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