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StartseiteKommentare und Themen der WocheBedingte Tötungsabsicht26.03.2019

Ku'damm-Raser bleiben MörderBedingte Tötungsabsicht

Jedes Mittel sei recht, um den Wahnsinn auf den Straßen zu stoppen, kommentiert Anja Nehls. Die Bestätigung des Mord-Urteils gegen die Berliner Ku'damm-Raser sei richtig. Zwar bleibe ein Beigeschmack, aber wenn das Urteil nur einen Raser abschrecke, sei es in Ordnung.

Von Anja Nehls

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Die gesperrte Tauentzienstraße am 01.02.2016 in Berlin nach einem illegalen Autorennen.  (dpa-Zentralbild)
Wie nach einem Terroranschlag: Aufräumarbeiten nach illegalen Autorennen in der Berliner Tauentzienstraße (dpa-Zentralbild)
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Jawoll, richtig so, sagt meine innere Stimme und empfindet Hochachtung vor dem Vorsitzenden Richter, der erst mit fester und überzeugter Stimme das Mordurteil spricht und dann nicht geizt mit drastischen Formulierungen, die wirklich jedem klarmachen, um was es bei dem verhängnisvollen Autorennen in der Nacht zum 1. Februar 2016 auf dem Berliner Kurfürstendamm wirklich ging: Um selbstverliebte, rücksichtlose junge Männer mit einer, wörtlich: "Wir ficken die Straße"-Einstellung. Um einen Unfallort, an dem es aussah wie nach einem Terroranschlag. Und um ein argloses Opfer, das keinen einzigen heilen Knochen mehr gehabt hätte. Schluck. Und dass dann "Recht geschieht es ihnen" der erste Gedanke nach Verkündung des Mordurteils ist, verwundert nicht. Dass die Anwälte das schon viel früher geahnt haben, macht allerdings etwas nachdenklich. Dass der Druck der Öffentlichkeit nämlich ein entsprechendes Urteil befördern würde, vermuteten sie.

Angeklagte hätten stoppen können

Bereits 2017 waren nämlich die beiden Männer wegen Mordes verurteilt worden. Dann hatte der Bundegerichtshof das Urteil kassiert, weil es den bedingten Tötungsvorsatz als nicht ausreichend begründet ansah. Große öffentliche Enttäuschung - damals. Und die Hoffnung, dass es diesmal glatter laufen würde. Ein "populärpolitisches Pilotprojekt" habe deshalb der Staatsanwalt betreiben wollen, sagt einer der Anwälte. Und wenn sogar der BGH selber den neuen Richtern mit auf den Weg gebe, dass man doch das Mordmerkmal der Heimtücke mal genauer prüfen solle, käme das quasi einer Vorverurteilung gleich. Auch das macht nachdenklich.

Andererseits: Mir als ängstliche Mutter einer Tochter, als Reporterin, die Unfallopfer nach Horrorcrashs schon gesehen hat, ist jedes Mittel recht, um den Wahnsinn auf den Straßen zu stoppen. Und wenn das Urteil nur einen Raser abschrecken würde, ich fände das okay. Ob die beiden jungen Männer, die sich das verhängnisvolle Rennen auf dem Ku'damm geliefert haben, nun nur benutzt werden, um ein Exempel zu statuieren, ist für Nicht-Juristen schwer zu beurteilen. Die bedingte Tötungsabsicht sah die Kammer als erwiesen an. 90 Meter vor der Kreuzung mit der roten Ampel, an dem der Unfall passierte, hätten die beiden noch die Wahl gehabt.

Juristischer Beigeschmack

Sie hätten bremsen können, entschieden sich aber für Gas geben. Dass dann ein Unbeteiligter zu Tode kommt, sei bestimmt keine Absicht gewesen, räumt der Richter ein. Auch sich selbst wollten sie wohl nicht vorsätzlich gefährden und schon gar nicht ihre teuren Autos. An dieser Stelle fällt mir das Hamburger Mordurteil ein. Ein Straftäter auf der Flucht rast mit hoher Geschwindigkeit in den Gegenverkehr, mit voller Absicht. Seinen Suizid kalkuliert er ein. Er überlebt, ein Unbeteiligter stirbt. Auch hier stellen die Richter eine bedingte Tötungsabsicht fest, das Urteil: Mord. Für mich fühlt sich das trotzdem anders an. Menschen, die ihren Nebenbuhler erstechen, oder ihre Schwiegermutter vergiften sind Mörder - keine Frage. Menschen, die in hirnloser Raserei unabsichtlich einen Menschen überfahren sind auch Mörder - für mich aber doch irgendwie anders. Das Ganze hat juristisch vielleicht einen seltsamen Beigeschmack. Wenn ich einen der Angeklagten bei der Urteilsverkündung aber süffisant grinsen sehe, in die Hände klatschen und das "Daumen hoch"-Zeichen machen, dann kann ich nur annehmen, dass er es nicht anders gewollt hat.

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