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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Urteil ist eine Enttäuschung13.06.2019

KükentötungDas Urteil ist eine Enttäuschung

Das Bundesverwaltungsgericht habe heute eine Chance verpasst, aus klaren Tierschutzprinzipien klare Regeln zu machen, kommentiert Georg Ehring. Denn ohne eindeutige Fristen sei auf eine schnelle Veränderung in Wirtschaft und Politik nicht zu hoffen.

Von Georg Ehring

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Küken im Brutkasten (imago / Thomas Trutschel)
Die brutale Praxis werde zwar verurteilt - aber ohne Fristen noch lange anhalten, meint Georg Ehring (imago / Thomas Trutschel)
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Es sind schon starke Worte gegen eine brutale Praxis: Die Belange des Tierschutzes wiegen schwerer als das wirtschaftliche Interesse der Brutbetriebe, aus Zuchtlinien mit hoher Legeleistung nur weibliche Küken zu erhalten. Nach der Aufnahme des Tierschutzes als Staatsziel ins Grundgesetz im Jahr 2002 beruht das Töten männlicher Küken für sich betrachtet nicht mehr auf einem vernünftigen Grund. Das hat das Bundesverwaltungsgericht geurteilt und es hat damit klargestellt, dass der Tierschutz zumindest im Prinzip höher zu bewerten ist als wirtschaftliche Interessen von Brütereien, die für die männlichen Küken keine Verwendung haben. Denn die setzen zu langsam Fleisch an, sie zu mästen und dann zu schlachten, das wäre nicht wirtschaftlich.

Ohne klare Fristen bleibt das Urteil ein zahnloser Tiger

Trotzdem ist das Urteil eine Enttäuschung. Es ist noch verständlich, dass das Bundesverwaltungsgericht das Töten männlicher Küken nicht unmittelbar gestoppt hat. Denn in der Tat stehen Verfahren zur Bestimmung des Geschlechts im Ei kurz vor der Marktreife, da wäre ein sofortiges Verbot unverhältnismäßig. Doch die Richter haben nicht einmal eine Frist gesetzt für das Ende der Tötung nach Geschlecht. Die hätte die Markteinführung entsprechender Maschinen zur Geschlechtsbestimmung im Ei beschleunigt und damit einen Beitrag dazu geleistet, diesen unhaltbaren Zustand möglichst schnell zu beenden. Ohne klare Fristen bleibt das Urteil ein zahnloser Tiger. Auch im nächsten Jahr werden vermutlich wieder rund 45 Millionen männliche Küken unmittelbar nach dem Schlupf getötet werden, weil sie weder zum Eierlegen noch zur Mast taugen.

Wirtschaft verzögert, Klöckner unglaubwürdig

Die Richter vertrauen offenbar auf Politik und Wirtschaft, schnell eine Veränderung herbeizuführen. Doch diese Hoffnung dürfte trügen: Der Präsident des Zentralverbandes der deutschen Geflügelwirtschaft, Friedrich-Otto Ripke, beteuert zwar den Wunsch nach einem Ende der Kükentötung, doch er verweist vor allem auf jede Menge Hindernisse auf dem Weg dahin. So will er mit der Bundesregierung erst noch über Subventionen für kleine Brütereien bei der Anschaffung von Geräten zur Geschlechtsbestimmung im Ei verhandeln. Aus Sicht der Brütereien kosten diese Maschinen vor allem Geld. Wenn sich diese Ausgabe noch etwas aufschieben lässt, dann werden sie die entsprechenden Fristen dehnen und ausnutzen, so lange es geht. Und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hätte auch bisher schon Fristen setzen können, sie hat es nicht getan. Sie beteuert heute, dass sie die Tötung schon lange für ethisch nicht vertretbar halte. Doch ihre Möglichkeiten, ein schnelles Ende dieser Praxis durchzusetzen, nutzt sie nicht und das macht ihre Position unglaubwürdig.

Chance verpasst

Das Bundesverwaltungsgericht hat heute eine Chance verpasst, aus klaren Prinzipien klare Regeln zu machen. Das entwertet ein Urteil, das auf den ersten Blick dem Tierschutz den Platz zu geben scheint, den das Grundgesetz für ihn vorsieht.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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