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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageDie gute Seite der Gentrifizierung04.09.2020

Künstlerviertel in RemscheidDie gute Seite der Gentrifizierung

Wie lässt sich das Image eines Problemviertels gezielt verbessern? In Remscheid findet dazu eine Art Feldversuch statt: Der Honsberg galt als heruntergekommen und gefährlich. Das soll sich durch den Zuzug und die Arbeit von Kunstschaffenden ändern. Davon sollen auch Alteingesessene profitieren.

Von Marius Elfering

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2016 wurden beim Festival Streets die Wände im Viertel verschönert (Elfering)
2016 wurden beim Festival "Streets" die Wände im Viertel verschönert (Elfering)
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Stolz steht Eva Zimmerbeutel in dem großen Raum mit dem alten Holzfußboden, auf den ein blaues Muster gemalt ist. Die Renovierung hat sich gelohnt. Kochkurse, Lesungen und Konzerte sollen in dem neu gestalteten Nachbarschaftswohnzimmer auf dem Honsberg, einem Stadtteil von Remscheid, bald stattfinden.

"Jetzt wird noch verputzt und dann kann es eigentlich schon genutzt werden, um die Leute aus dem Viertel zusammenzubringen."

Sagt Zimmerbeutel. Dass das weiße Haus aus den 1920er Jahren, in dem sich der Treffpunkt befindet, überhaupt noch steht, ist dem Engagement verschiedener Künstlerinnen und Künstler zu verdanken. Denn eigentlich stand 2013 fest, dass viele der ehemaligen Arbeiterhäuser auf dem Honsberg abgerissen werden sollten.

Kunst statt Abriss

Doch dann schloss sich eine Hand voll Kulturschaffender zusammen und überzeugte den Eigentümer, eine Wohnungsaktiengesellschaft, von der künstlerischen Nutzung der Gebäude. Sie einigten sich auf den Erhalt von insgesamt acht Häusern, die daraufhin renoviert statt abgerissen wurden.

Den Kunstschaffenden ist es zu verdanken, dass diese Häuser in Remscheid noch stehen (Elfering)Vom Abrissobjekt zum Kunstquartier (Elfering)

Mit den Jahren entstanden darin Ateliers und Werkstätten. Textildesignerinnen, Fotografen und Schauspielerinnen kamen auf den Honsberg, um das Viertel voranzubringen. Einige von ihnen richteten sich hier nicht nur einen Arbeitsplatz ein, sondern bezogen auch gleich eine Wohnung. Aus dieser Initiative heraus entstand 2015 der Verein "Ins Blaue".

Seitdem verfolgen die Künstlerinnen und Künstler eine Mission: Sie wollen den Honsberg, der in der Stadt als Problemviertel, als arm und heruntergekommen gilt, wieder lebenswerter machen. Und tatsächlich: Der Honsberg zieht wegen seiner günstigen Mieten und den vielen Möglichkeiten, sich zu entfalten, mittlerweile immer mehr Kunst- und Kulturschaffende an. Die meisten der etwa 20 Vereinsmitglieder von "Ins Blaue" kommen auch gar nicht aus Remscheid, sondern aus umliegenden Großstädten wie Düsseldorf, Köln und sogar Amsterdam.

Ist der Ruf erst ruiniert

Auf einer großen Wiese, mit hohen Bäumen und selbstgebauten Sitzmöglichkeiten aus Paletten, bearbeiten an diesem Nachmittag etwa zehn Personen alte Stühle mit Schleifpapier, Bohrer und Lack. Die Stühle sollen erneuert und später im Nachbarschaftswohnzimmer genutzt werden. Einer der wenigen männlichen Helfer ist Gerald. Früher war er Taxifahrer in der Stadt. Zum Honsberg fuhr er, wie die anderen Taxifahrer auch, nur ungerne. "Obwohl ich ehrlich gesagt nie Probleme hatte", sagt er. Das Viertel sei schon immer heruntergekommen gewesen, von der Stadt vergessen worden.

Grüne Mitte wird die Wiese, die den Mittelpunkt des Viertels bildet, von den Anwohnern genannt (Elfering)Die "Grüne Mitte", Mittelpunkt des Viertels (Elfering)
In den letzten Jahren hat der um sich greifende Leerstand sein Übriges dazu getan. Gerald selbst wohnt nicht hier, kommt aber regelmäßig aus der Innenstadt zu Treffen von "Ins Blaue". Er will den Stadtteil voranbringen, sieht Potenziale und Chancen. Zwar seien die Entwicklungen der vergangenen Jahre eventuelle Vorläufer der Gentrifizierung, die er durchaus kritisch sieht, trotzdem befürchtet er nicht, dass demnächst die "Latte-Macchiato-Fraktion hier einzieht".

Viel Engagement gefordert

Der Verein "Ins Blaue" wächst, das Bild des Viertels wandelt sich. Damit einher geht auch, dass die Arbeit für die Ehrenamtlichen immer mehr wird. Katja Wickert hat den Verein mitgegründet und in den vergangenen Jahren einen Großteil ihrer Freizeit in das Projekt investiert. Einige Tage nach der Stuhlaktion sitzt sie an einem türkisfarbenen Holztisch neben dem vereinseigenen Gemüsegarten.

"Das nimmt irgendwann eine Größenordnung an, wo das ehrenamtlich nicht mehr zu stemmen ist."

Ein Zukunftprojekt seien Überlegungen, wie man die Vereinsarbeit weiterentwickeln könne, ohne dass jemand ein Burnout bekommt.

Und auch andere Baustellen tun sich mittlerweile auf: Die Künstlerinnen und Künstler merken, dass sie ihre Projekte gezielter auf das Viertel zuschneiden müssen, wenn sie möglichst viele Anwohner erreichen wollen. Um die Gemeinschaft und Partizipation in der Nachbarschaft zu stärken, reicht es nicht, Kulturprojekte zu initiieren, die wenig mit dem Alltag der Anwohner zu tun haben. Deshalb planen sie in Zukunft auch Projekte, die sich speziell mit der Quartiersgeschichte befassen.

Katja Wickert ist Gründungsmitglied des Vereins ins Blaue und hat viel Energie in den Erhalt der Häuser gesteckt (Marius Elfering)Katja Wickert, Gründungsmitglied des Vereins "Ins Blaue" (Marius Elfering)

Es gibt aber auch viele Alteingesessene, die die Veränderungen auf dem Honsberg wohlwollend begleiten. Zum Beispiel Frau Günter: Die alte Dame wohnt seit 37 Jahren in einem der angrenzenden Häuser. Früher sei die Gegend unsicher gewesen, sagt sie, "da liefen Chaoten rum teilweise". Heute freut sie sich über das kulturelle Leben, sie besucht Konzerte und bewundert die Wandmalereien, die 2016 auf die Fassaden der Häuser gemalt wurden: "Das ist wunderschön, nicht so trist."

Aufwertung des Stadtrands

Auf dem Honsberg wollen alle Beteiligten eine behutsame Gentrifizierung, um nicht nur den Ruf des Viertels zu verbessern, sondern auch die Lebensqualität der Anwohner. Auch der Stadt- und Regionalsoziologe Carsten Keller plädiert dafür, gezielt Stadtviertel aufzuwerten, die sich nicht in bester Altstadtlage befinden, sondern, wie Honsberg, eher am Rand der Stadt liegen und keine Gründerzeithäuser zu bieten haben. Denn die guten Lagen ziehen früher oder später immer die Investoren an.

Auch viele Firmen würden die Aufwertung vorantreiben, indem sie Künstlerinnen und Künstlern Gebäude zur Zwischennutzung überlassen:

"In Deutschland wird das gezielt aufgegriffen und unter dem Stichwort "Branding" von Gebäuden auch systematisch für die Planung eingesetzt."

Sagt Keller. Häufig mit der Folge, dass die Preise steigen und alteingesessene Bewohner sowie die Kunstschaffenden selbst irgendwann verdrängt werden.

Dass "Ins Blaue" langfristig bestehen wird, daran glauben die Beteiligten auf dem Honsberg, die ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis zu den Anwohnern und zur Wohnungsaktiengesellschaft, die die Häuser verwaltet, entwickelt haben. Denn inzwischen geht es vielen Vereinsmitgliedern wie Frau Günther, die sich nicht vorstellen kann, wegzuziehen:

"Weil es mir hier gefällt. Das ist mein Zuhause."

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