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StartseiteCampus & Karriere"Wir haben keine seriösen Experten für angewandte Ethik der KI"11.06.2021

Künstliche Intelligenz und "Ethics Washing""Wir haben keine seriösen Experten für angewandte Ethik der KI"

Deutschland brauche dringend KI-Ethiker, fordert der Philosoph Thomas Metzinger im Dlf. China habe die Führung in der KI-Forschung übernommen, teile aber die europäischen Werte nicht. Derweil kaufe Facebook etwa an der TU München einen eigenen Ausbildungsbereich, in dem "Fake-Ethiker" entstünden.

Thomas Metzinger im Gespräch mit Thekla Jahn

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Der Philosoph Thomas Metzinger  (picture alliance/ dpa/ Fredrik Von Erichsen)
Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger (picture alliance/ dpa/ Fredrik Von Erichsen)
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Ob humanoide Roboter in der Pflege oder selbstfahrende Autos - Künstliche Intelligenz hält in vielen Lebensbereichen Einzug. Viele Hochschulen in Deutschland bieten deshalb Studiengänge mit KI-Bezug an, etwa in Berlin oder in Ingolstadt. Die Absolventen haben gute Jobchancen. Auch Forschungseinrichtungen wie die Max Planck Research School for Intelligent Systems in Baden-Württemberg sind gefragt. 

Die KI-Experten kommen allerdings überwiegend aus dem mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Bereich. Die Geisteswissenschaften hätten die Entwicklung verschlafen oder sogar dagegen absichtlich gemauert, sagte Thomas Metzinger, Philosoph und Seniorprofessor an der Universität Mainz. Er war Mitglied der Hochrangigen Expertengruppe (High-Level Expert Group on Artificial Intelligence), die im Auftrag der EU-Kommission Ethik-Richtlinien für Künstliche Intelligenz erarbeitet hat, von denen er sich aber im Nachhinein enttäuscht zeigte. Er kritisiert einen Trend zum "Ethics Washing", also dass man oberflächliche Ethikkodizes veröffentliche, die eigentlich nicht ernst gemeint seien, aber demonstrieren sollten, dass man sensibel gegenüber ethischen Fragen der Künstlichen Intelligenz sei. Seriöse Experten der angewandten Ethik der KI aber fehlten in Deutschland. Sie sollten dringend in neuen, interdisziplinären Studiengängen ausgebildet werden, die einen gewissen "Goldstandard" setzen müssten, fordert Metzinger.

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Das Interview im Wortlaut:

Thekla Jahn: KI-Studiengänge boomen, doch wo bleibt die Beteiligung der Geisteswissenschaften? Braucht eine so umfassende Veränderung unseres Alltags nicht auch deren Input?

Thomas Metzinger: Zuerst muss man ganz deutlich sagen, dass die Geisteswissenschaften und auch mein eigenes Fach, die Philosophie, zumindest im Bereich der Ethik diese Entwicklung weitgehend verschlafen haben beziehungsweise drei Jahrzehnte lang absichtlich gemauert haben gegen diesen Themenbereich. Das Problem, das wir jetzt haben, ist, dass insbesondere im Bereich der angewandten Ethik der Künstlichen Intelligenz ein großer Bedarf besteht an jungen Leuten, die einerseits wirklich wissen, was die aktuellen Entwicklungen in der KI sind, und zweitens eine wirklich seriöse, fundierte Ausbildung auch in analytischer Ethik haben. Unsere Entscheidungsträger in der Politik, die politischen Institutionen, aber auch große Konzerne bräuchten solche seriösen Experten für angewandte Ethik der KI – die haben wir nicht.

"Es werden immer neue ethische Probleme auftreten"

Jahn: Wie groß schätzen Sie den Bedarf?

Metzinger: Wir müssen eine ganze Generation ausbilden. Ich habe das auch in der High-Level Expert Group ganz explizit in Brüssel gefordert, das steht sogar noch in einer Fußnote. Wir brauchen für jede große europäische Universität eine neue Professur, die nicht für Informatikstudenten und nicht nur für Philosophiestudenten, sondern für alle ständig eine immer weiter aktualisierte Einführung in die ethischen Probleme der Künstlichen Intelligenz anbietet, weil dieses Problem ja nicht weggeht. Das wird uns in diesem Jahrhundert immer weiter beschäftigen, und es werden auch immer neue ethische Probleme auftauchen.

"Mit Dominanz Chinas entsteht Totalitarismus 2.0"

Jahn: Und was könnten nun die Geisteswissenschaften zur Lösung dieser Probleme beitragen?

Metzinger: Eine Frage, die bedeutsam ist: Wie verändert sich das Menschenbild durch die KI dadurch, dass die Technologie jetzt in unserer Lebenswelt auftaucht? Die Geisteswissenschaften haben auch etwas beizutragen zu der Frage, wie wir eigentlich in dem KI-Wettrüsten zwischen China und den USA mit europäischen Werten, mit dem Bestehen auf Menschenrechten überhaupt noch uns selbst behaupten können. Europa und die europäische Idee sind nämlich unter großen Druck geraten. Bis jetzt war es in der Geschichte der Menschheit immer so, dass Technologieführerschaft und Demokratie Hand in Hand gegangen sind. Das ändert sich jetzt aber zum Beispiel mit der Dominanz Chinas, da entsteht ein Totalitarismus 2.0. Die Chinesen haben nach objektiven Messverfahren Anfang März diesen Jahres die Führerschaft in der Forschung im Bereich KI übernommen, und sie teilen unsere Werte nicht. Und was viele, glaube ich, noch nicht verstanden haben, ist, dass – wie auch Wladimir Putin gesagt hat – diejenige Nation, die das KI-Wettrennen in diesem Jahrhundert gewinnt, die Macht über den Planeten gewinnen wird. Und dass wir uns da in Europa in einer historisch ganz unangenehmen Situation befinden. Wir werden durch die fünf amerikanischen Großkonzerne Google, Amazon, Facebook und so weiter kolonisiert, jetzt schon, wir stehen jetzt schon nackt vor amerikanischen Geheimdiensten dar, und wir haben keine digitale Souveränität. Es wäre natürlich interessant, ob die Geisteswissenschaften dazu etwas Kreatives, etwas wirklich Produktives zu sagen haben oder ob sie einfach nur sozusagen aus der Ecke der Verlierer maulen können im Feuilleton irgendwie.

Programmiercode mit Globus, server und abstraktem technischen Hintergrund in blau (picture alliance / Klaus Ohlenschläger) (picture alliance / Klaus Ohlenschläger)Algorithmen im Fokus - Überholt China die USA bei der Künstlichen Intelligenz? 
Eine Kommission hat im Auftrag des US-Kongresses Empfehlungen für eine KI-Strategie entwickelt - und zwar aus Sicht der nationalen Sicherheit. Sie legt dar, wie Künstliche Intelligenz helfen soll, die USA zu schützen.

Jahn: Das wäre mehr als schade. Im Gegensatz zu den Geisteswissenschaften haben ja die großen Konzerne, die mit KI arbeiten – Sie haben sie gerade angesprochen – gemerkt, dass es ganz ohne ethische Fragen mitzudenken nicht gehen wird. Sie haben mittlerweile sogar Ethikabteilungen. Es tut sich also was. Geht das in die richtige Richtung?

Metzinger: Wir haben jetzt die Situation, dass wir von staatlicher Stelle gefördert dringend KI-Ethiker bräuchten. Interdisziplinäre Studiengänge an allen Universitäten. Währenddessen kauft sich Facebook zum Beispiel an der TU München schon einen eigenen Ausbildungsbereich, an dem Fake-Ethiker entstehen.

"Ethikkodizes, die nicht ernst gemeint sind"

Jahn: Also der Versuch eines "Ethics Washing" analog zum Greenwashing?

Metzinger: Ja, das "Ethics Washing", dass man oberflächliche Selbstverpflichtung oder Ethikkodizes veröffentlicht, die eigentlich nicht ernst gemeint sind, die aber demonstrieren sollen, dass man sensibel gegenüber den ethischen Fragen bei dieser Technologie und auch bei ihrer kulturellen Einbettung ist. Das ist so ähnlich, wie wenn Elon Musk in Deutschland anfängt, Elektroautos zu bauen, weil er glaubt, die deutsche Automobilindustrie in ihrem eigenen Land verhöhnen zu können. So ähnlich ist es, wenn Facebook eigene Ethiker ausbildet an deutschen Universitäten. Die kommen schon hier rein und provozieren uns vor Ort.

Jahn: Was also schlagen Sie vor, wie muss KI-Bildung an Hochschulen erfolgen?

Metzinger: Eine Hauptaufgabe, ich sag das noch mal, ist, wirklich viele Hundert ausgezeichnet ausgebildete junge Menschen in diesen Bereich reinzuführen, interdisziplinäre Studiengänge an der Schnittstelle Ethik, künstliche Intelligenz und Sozial- und Kulturwissenschaft. Es müsste so sein, dass das wirklich erstklassige Leute sind, bei denen man auch weltweit das Gefühl hat, wer hier in Deutschland so eine Ausbildung durchläuft, der setzt einen gewissen Goldstandard. Da kommen auch Studenten aus anderen Ländern hin, da werden Leute ausgebildet, die auch wirklich was von künstlicher Intelligenz verstehen, sodass sie von den Forschern selbst auch ernst genommen werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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