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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageStagediving im Rollstuhl06.09.2019

Kulturelle Vielfalt und Inklusion (1/3)Stagediving im Rollstuhl

Wer auf Musikfestivals geht, braucht viel Energie und Ausdauer: Wenig Schlaf, viel Bewegung und Alkohol sind die Regel. Was bedeutet das für Menschen mit Handicap? Auch sie lassen es richtig krachen, wie ein Besuch bei der Wheels of Steel Area auf dem 30. Wacken Open Air zeigt.

Von Florian Fricke

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Wacken Open Air 2018, Frau im Rollstuhl steht am Bühnenrand vor begeistertem Publikum, im Hintergrund eine dunkle Bühne (WOA Festival GmbH)
Crowdsurfing mit Rollstuhl beim Wacken Open Air (WOA Festival GmbH)
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Das Dorf Wacken  schwillt einmal im Jahr zur drittgrößten Stadt Schleswig-Holsteins an, wenn 75.000 Heavy-Metal-Fans aus aller Welt zum berühmten Wacken Open Air pilgern. Unter ihnen sind auch zunehmend viele Menschen mit Behinderung, denn das Festival bietet eine gute Infrastruktur für Menschen im Rollstuhl oder auch Sehbehinderte, Hörgeschädigte, psychisch Kranke und viele mehr, deren Alltag nur mit Einschränkungen verläuft.

Dass das so ist liegt zum einen daran, dass einer der Festivalorganisatoren, Drees Ringert, 2015 einen Unfall hatte und seitdem auf den Rollstuhl angewiesen ist. Nun ist er die Schnittstelle zwischen Festival und Fans mit Behinderung. Auf dem Wacken campieren viele von ihnen auf der eigens geschaffenen Wheels of Steel Area, meistens zusammen mit Freunden oder Verwandten, die sie unterstützen.

Außerdem ist der Verein "Inklusion muss laut sein" vor Ort vertreten. Er vermittelt auch sogenannte Buddies, Ehrenamtliche, die sich für die Dauer des Festivals um Menschen kümmern, die Hilfe brauchen.

Raus aus dem Alltag

Einer dieser Menschen ist Özi, der allein mit Rollstuhl aus Bern angereist ist. Er ist Teil einer Gruppe, die sich von vergangenen Festivals und über "Inklusion muss laut sein" kennen. Auch Christian gehört dazu. Er ist Epileptiker und hat Probleme mit Menschenmassen, durch die er aber muss, wenn er auf der Rollstuhlrampe ein Konzert genießen will.

Vor allzu viel Lichtgeflacker muss er sich in Acht nehmen, dann geht er in die Hocke und wartet, bis es vorbei ist. "Ja endlich mal das genaue Gegenteil von Zuhause. Man braucht ja Kontraste im Leben. Endlich mal was los, was soll ich machen. Ein Buch lesen?"

Die "Bavarian Beer Lovers", eine Gruppe von 17 Metal-Fans aus Bayern und Baden-Württemberg, campieren nicht in der Wheels of Steel Area. Sie brauchen zu viel Platz und außerdem läuft auf ihrer mitgebrachten Anlage ständig und ziemlich laut Heavy Metal, der sogar den ohrenbetäubenden Lärm der beiden mitgebrachten Generator übertönt.

Der Rollstuhl ist kein Hindernis zu feiern

Teil der Gruppe sind die Geschwister Sarah und Benni. Sarah ist kleinwüchsig, weil sie seit sie fünf Jahre alt ist Kortison gegen ihr Rheuma nehmen musste. Wenn die Camp-Besatzung nicht gerade zu einer Show unterwegs ist, sitzen sie vor ihrem Gemeinschaftszelt und bespritzen Passanten mit Wasserpistolen.

Ab und zu gesellt sich jemand neugierig zu ihnen, dann erzählt Sarah vom Crowdsurfen mit Rollstuhl. Dabei lassen sich einzelne Personen von vielen Händen über die Menge in Richtung Bühne tragen. "Ich bin runtergefallen letztes Jahr. Und ohne Scheiß, ich bin echt einem Kerl so um den Hals geflogen. Und das Geilste an der Sache war: Die haben mich dann gefragt, willst du wieder hoch, und ich konnte gar nicht antworten. Weil in der Zeit, wo die mich gefragt haben, haben die mich schon wieder hoch gehoben. Und in dem Moment hat die ganze Menge gegrölt. Da geht dir echt die Gänsehaut runter und Adrenalin pur."

Laura Schwengber auf dem Wacken Open Air (Florian Fricke / Deutschlandfunk)Laura Schwengber auf dem Wacken Open Air (Florian Fricke / Deutschlandfunk)

Tobi ist auch Teil der Gruppe, auch er sitzt im Rollstuhl. Letztes Jahr wurde er zum Internetstar, weil ein Foto von ihm beim Crowdsurfen durchs Netz ging. Tobi hat Multiple Sklerose, aber feiert so gut es geht mit. Wenigstens in dieser einen Woche soll alles erlaubt sein. Auch Alkoholkonsum.

Der Kühlschrank ist immer gut gefühlt mit Bier, die Grillkohle geht nie aus. Dass er während des Festivals einen Schub bekommen hat, hat ihn sichtlich mitgenommen. Dennoch versucht er, sich nicht unterkriegen zu lassen: "Ich sag euch nur, MS ist ein Scheiß. Es heißt ja auch ‚Mein Scheiß‘. Aber trotz MS geht das Leben immer noch weiter, weil die Erde bleibt nicht stehen."

Barrierefreiheit auch für Hörgeschädigte

Laura Schwengber steht während der Konzerte der Bands Body Count und Anthrax mit Knopf im Ohr am Bühnenrand und dolmetscht in Gebärdensprache für Hörgeschädigte. Und weil sie sichtlich Spaß an der Sache hat, extrem mitgeht und mimisch und gestisch alles gibt, ist sie in der Szene ein richtiger Star.

"Das Feedback ist super divers, so wie die Gruppe von tauben Menschen auch", sagt Laura. "Die Leute, die hier sind, feiern es total. Die sagen eher, macht mal mehr Konzerte. Aber dann gibt s natürlich auch taube Leute, die das super haten und einfach sagen, Musik zu dolmetschen ist so überflüssig wie Fußpilz. Das gibt’s original, dieses Zitat. Das trifft mich halt total, weil ich ganz viele von den tauben Leuten, die hier sind, erlebe als super begeistert."

Ron Paustian ist der Gründer von "Inklusion muss laut sein" und wohnt nicht weit von Wacken entfernt. Im Expertengespräch erzählt er vom Stand der Inklusion in Deutschland und wie seine Vision für zukünftige Festivals aussieht. "Es muss in der Gesellschaft ankommen und es muss nicht als lästige Pflicht empfunden werden, sondern es muss so empfunden werden, dass man sein Gegenüber genauso schätzt und sagt: Pass mal auf, du bist zwar behindert, aber ich finde es ganz dufte, dass du hier bist."

(Teil 2 am 13.9.2019)

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